Letztes Update am Di, 08.10.2019 09:40

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Schule

8 Uhr im Klassenzimmer: Das Grauen des frühen Schulbeginns

Mathe-Schulaufgabe morgens um 8.00 Uhr – für manch einen ein Horror. Todmüde quält man sich von Aufgabe zu Aufgabe, die Gedanken sind schwerfällig und zäh. Könnte die Schule doch bloß später starten – oder doch nicht?

(Symbolfoto)

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Von Cordula Dieckmann, dpa

München – Der strikte Schulbeginn um 8 Uhr ist nach Ansicht von Experten vor allem für Jugendliche zu früh. „Ich kann mir gut vorstellen, dass viele dann fitter, lernfähiger und insgesamt ausgeglichener sind, wenn sie etwas später in die Schule gehen“, sagte der Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums Nürnberg, Joachim Ficker, der Deutschen Presse-Agentur in München.

Ähnlich sieht dies auch der Kinder- und Jugendarzt Alfred Wiater von der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). „Frühtypen wird das frühe Aufstehen eher keine Probleme machen.“ Allerdings verändere sich bei vielen Menschen in der Pubertät die innere Uhr - in Richtung Spättyp. „Sie werden abends erst später müde, können demzufolge erst später einschlafen und brauchen morgens länger Schlaf, um ihren physiologischen Schlafbedarf zu decken“, erklärt Wiater. „Schlafmangel schränkt die Leistungsfähigkeit ein, führt zu Konzentrations- und Ausdauerstörungen und macht schlechte Laune.“

Geringere Fehlzeiten, bessere Leistung

Im US-amerikanischen Seattle war man diese Diskussionen leid und verschob den Unterricht an mehreren Schulen um gut eine halbe Stunde auf 8.45 Uhr nach hinten. Forscher der dortigen University of Washington begleiteten den Versuch. Ihre Erkenntnis: Die Schüler schliefen durchschnittlich 34 Minuten länger, ihre Leistungen verbesserten sich und die Fehlzeiten waren geringer.

Der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, kennt als Rektor des Robert-Koch-Gymnasiums in Deggendorf das Leid mit unausgeschlafenen Schülern. Gleichzeitig sieht er die Probleme eines späteren Starts. Ein Punkt sind die Schulbusse, vor allem auf dem Land, die Schüler in einem großen Umkreis einsammeln und oft mehrere Schulen anfahren. Wenn die alle zu unterschiedlichen Zeiten beginnen, sei das problematisch. Zudem bedeute ein späterer Schulbeginn auch, dass man in die Mittagszeit hineinkomme. „Sie müssten eine Mittagsversorgung anbieten und nach der Mittagspause noch mal Unterricht machen. Das findet wenig Akzeptanz“, ist sich Meidinger sicher.

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Lehrer gegen permanente Zeitumstellung

Doch was sagen die Schüler selbst? Erst im September hatte der Kindersender Kika eine Studie unter 1300 Erst- bis Sechstklässlern veröffentlicht. Im Schnitt wünschten diese sich einen Schulstart um 8.40 Uhr. Wer privat herumfragt, bekommt erst große Zustimmung. Ein späterer Schulbeginn, vielleicht sogar erst um 9 Uhr – traumhaft. Doch gleich darauf der entsetzte Rückzieher: „Aber dann würde die Schule ja bis 14 Uhr dauern!“ Das hat auch Meidinger beobachtet: „Die Jugendlichen stehen schon schwer auf in der Früh. Der freie Nachmittag ist ihnen aber noch wichtiger, als das späte Aufstehen“.

Etwas Erleichterung verspricht die Zeitumstellung auf die Winterzeit, in diesem Jahr am 27. Oktober, bei der die Uhren eine Stunde zurückgestellt werden. Das alte 8 Uhr wird zum neuen 7 Uhr – hört sich gut an. Anders die Sommerzeit, bei der die Uhren wieder vorgestellt werden und alle eine Stunde früher aus den Federn müssen. Der Lehrerverband ist deshalb entschieden gegen eine permanente Sommerzeit, wie sie derzeit im Rahmen einer Abschaffung der Zeitumstellung EU-weit diskutiert wird. Kinder müssten dann viel länger bei Dunkelheit in die Schule gehen, meint Meidinger.

Tageslicht macht leistungsfähiger

Dabei spielt das Tageslicht eine entscheidende Rolle für die Leistungsfähigkeit. Nicht die Uhrzeit beeinflusse die innere Uhr, sondern die Zeit, die man dem Sonnenlicht ausgesetzt sei, erklärt Ficker. „Es soll möglichst viel natürliches Licht auf die Netzhaut treffen.“ Das mache wacher und leistungsfähig. „Wenn natürlich die Schule im Winter deutlich vor Sonnenaufgang beginnt, dann sind weder Schüler und Lehrer richtig synchronisiert und sind entsprechend wenig leistungsfähig.“ Auch tagsüber rät er dazu, nicht den Nachmittag nur mit dem Handy auf dem Sofa abzuhängen. „Jemand, der sich nachmittags richtig ausgetobt hat, kann abends ganz wunderbar schlafen.“ Und noch einen Tipp für verschlafene Teenager hat er parat: Zu Fuß zur Schule gehen. „Das langt, um unsere innere Uhr zu synchronisieren, um unserem Organismus ein klares Startsignal zu geben: jetzt ist Morgen, jetzt ist Tag, jetzt geht es los.“


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