Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 10.10.2019


Bezirk Landeck

Die Bauern und ihr hartes Leben auf 1650 Metern in Fließ

Das Fließer Museum ist der Geschichte verlassener Höfe auf der Spur. In Puschlin und Harbe wurde man fündig. Auf 1650 m Seehöhe lebten bis vor 100 Jahren Bauernfamilien.

Robert Deutschmann ist im Weiler Puschlin aufgewachsen. Von dort stammt auch die historische Aufnahme der Familie Schwarz mit zehn Kindern.

© Dorfchronik, ReichleRobert Deutschmann ist im Weiler Puschlin aufgewachsen. Von dort stammt auch die historische Aufnahme der Familie Schwarz mit zehn Kindern.



Von Matthias Reichle

Fließ – „Kein Doktor wäre dort im Winter hinaufgekommen. Eine Lehrerin mit Blinddarmdurchbruch haben wir einmal mit dem Schlitten hinunter bis zur Pontlazer Brücke gezogen, wo man sie abholte. Danach gab es ein halbes Jahr lang keine Schule“, erinnert sich Robert Deutschmann. Der Fließer ist in einem der entlegensten Weiler seiner Heimatgemeinde aufgewachsen: in Puschlin auf rund 1500 Metern Seehöhe. Heute führt dort eine Landesstraße vorbei. In Deutschmanns Kindheit, in den 40er-Jahren, war die Ortschaft nur zu Fuß zu erreichen. Auch zur Kirche in Piller wurde marschiert. Normal war, dass die Bewohner im Winter für einige Woche eingeschneit wurden. Heute fast unvorstellbar.

Man war Selbstversorger, baute Erdäpfel, Getreide, Runggln und Flachs an, hatte eine eigene Mühle und Webstühle. „Salz und Zucker hat man gebracht, Kaffee und Tabak wurden geschmuggelt“, so Deutschmann – nicht umsonst war der Weiler aufgrund seiner Lage ein Umschlagplatz für die Schmuggler von Samnaun ins Pitztal. Weil aber die Wege so weit waren, gab es in Puschlin eine eigene Schule für die Kinder der umliegenden Höfe und der Posteler kam nur einmal die Woche. Die Äcker waren so steil, dass man Angst haben musste, dass die Jüngsten „verkugeln“. Der Humus, der auf den Äckern nach unten abrutschte, wurde im Frühjahr mit Ruckkörben wieder nach oben getragen – ohne Maschineneinsatz. „Die erste elektrische Lampe haben wir Heiligabend 1947 eingeschaltet. Das war vielleicht eine Wohltat“, erinnert sich der Zeitzeuge.

Auch heute noch werden die Harbner Wiesen bewirtschaftet.
Auch heute noch werden die Harbner Wiesen bewirtschaftet.
- Dorfchronik, Schwarz

Puschlin ging es wie vielen abgelegenen Weilern – die meisten Bewohner wanderten ab. Deutschmann, der heute selbst in Piller wohnt, kann sich noch an fünf Familien erinnern, die dort einst lebten – nicht immer in Eintracht. Heute sind es noch zwei Bauern.

Noch entlegener ist die Fließer Harbe, die Wanderer heute als Naherholungsgebiet schätzen. Viele wissen allerdings nicht, dass es auch dort Bauern gab. Bis nach dem Ersten Weltkrieg war das Gebiet auf 1650 Metern Seehöhe noch besiedelt. Der Harbner Hof wurde 1965 abgerissen, weiß Pepi Walch vom Fließer Museumsverein. Da stand er schon seit Jahrzehnten leer und war baufällig. „Der Harbner Stadl steht heute noch.“ Wahrscheinlich wohnten dort oben einst drei Familien. Viel weiß man nicht mehr, gibt er zu. „Es gibt jede Menge Geschichten über die Harbe und Puschlin. Nur erzählt sie jeder anders“, so Walch. Nur eines ist sicher: „Das Leben dort oben war sehr hart. Im Sommer ist es zwar schön, aber die Hänge in Puschlin sind sehr steil und die Winter ziemlich heftig.“

Der Harbner Hof auf 1650 Metern wurde 1965 abgerissen.
Der Harbner Hof auf 1650 Metern wurde 1965 abgerissen.
- Dorfchronik, Schwarz

Heute werden die Harbner Wiesen von Fließer und einem Kaunerberger Bauern bewirtschaftet. Trotz Maschineneinsatz ist das immer noch sehr beschwerlich.

Der Museumsverein hat zu den beiden Weilern recherchiert und eine Ausstellung zu verlassenen Höfen gestaltet, die Historisches und die Gegenwart mit den Arbeiten von verschiedenen Künstlern verbindet. Schon vor zwei Jahren nahm man die Höfe in der Prais in Pfunds näher unter die Lupe. „Man muss die Bauern einmal loben, da wird vorbildhaft gearbeitet“, so Walch.

Ausstellung

Ausstellungseröffnung ist morgen, 11. Oktober, um 20 Uhr im Weissen Kreuz in Fließ. Die Schau ist bis 27. Oktober jeden Sonntag von 10 bis 12 und 15 bis 17 Uhr zu sehen.

Eine Wanderung vom Fließer Dorf über Puschlin bis zu den Harbner Wiesen gibt es am Sonntag, 13. Oktober, ab 9 Uhr. Begleitet wird die Gruppe von Stefan Wolf und Franz Neururer.