Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 13.10.2019


SOS-Kinderdorf

Ein besonderes Wiedersehen in Imst: “Heimkehr“ für Vietnam-Flüchtlinge

Am 14. Oktober 1979 fanden 55 Kinder aus Vietnam im SOS-Kinderdorf Imst ein Zuhause. Gestern gab es ein Wiedersehen.

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© Reichle



Von Matthias Reichle

Imst — „Die Flucht war für uns ein Trauma. Wir haben geglaubt, wir sterben", erinnert sich Dang Van Phuc. Er hat den Vietnamkrieg und viele Tote gesehen, wäre fast verhungert und verdurstet und war fünf Tage auf See, bedroht durch Piraten. 18-jährig strandete er 1979 in einem Flüchtlingslager in Malaysia. Da kam Helmut Kutin. „Er hat gefragt: ,Wollt ihr nach Österreich?' Wir wussten nicht, was oder wo Österreich ist, aber er war so nett", erzählt der heute 58-Jährige. So kam er ins SOS-Kinderdorf in Imst — nur mit kurzen Hosen. „Es war sehr kalt, wir haben zum ersten Mal Schnee gesehen."

Gestern gab es dort ein besonderes Wiedersehen. Frauen und Männer, die vor 40 Jahren als Kinder vor den Folgen des Vietnamkriegs geflüchtet waren, besuchten jenen Ort, wo sie am 14 . Oktober 1979 einen sicheren Hafen gefunden hatten. Einige kamen von weit her, wie Nguyen Thi Dang, die in Kalifornien lebt. „Willkommen zuhause", begrüßte sie Helmut Kutin. Es war ein emotionales Wiedersehen. Immer wieder wurde der ehemalige Präsident von SOS- Kinderdorf International umarmt. Die Imster hätten die Menschen damals „mit Begeisterung aufgenommen und wirklich integriert. Vielleicht könnte man heute davon lernen", mahnte er.

Es waren herzliche Momente. Unter anderem war auch Lea Jehle gekommen. Damals als junge Lehrerin an der Hauptschule Prutz/Ried hatte sie den Kindern den ersten Deutschunterricht gegeben. Ganz allein — ohne Eltern und Geschwister — fand 1979 auch der 14-jährige Nguyen Van Teo im Gmeinerhaus eine neue Heimat. Zwei Jahre war er in Imst und hat sehr gute Erinnerungen daran. „Wir waren neun Leute im Haus, zwei Mädchen und sieben Burschen", erzählt er. Bis heute arbeitet er in einem Unternehmen des SOS-Kinderdorfs. Mit Trinh Tran legte er einen Kranz am Grab von Hermann Gmeiner ab.

Auf Seite 3 der TT erschien am 16. Oktober diese Bilderstrecke von der Ankunft. Zuvor war bereits berichtet worden.
Auf Seite 3 der TT erschien am 16. Oktober diese Bilderstrecke von der Ankunft. Zuvor war bereits berichtet worden.
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„Flüchtlinge waren erschöpft, aber glücklich“

Die Tiroler Tageszeitung berichtete am 16. Oktober 1979 von der Ankunft der 55 vietnamesischen Kinder und sieben Witwen in Imst. Sie schrieb: „Obwohl die Kinder nach der anstrengenden Reise überanstrengt und erschöpft waren, spiegelten sich in ihren Gesichtern übergroßes Glücklichsein und Freude über die endgültige Geborgenheit."

Der Vietnamkrieg endete 1975 mit dem Sieg des Vietcongs und der Wiedervereinigung von Nord- und Südvietnam unter kommunistischer Führung.

Nach dem Zusammenbruch Südvietnams etablierte das kommunistische Regime eine Gewaltherrschaft. Viele Vietnamesen wurden enteignet, in Umerziehungslager gezwungen und schikaniert. Die ausbleibende Hilfe des Westens trieb Vietnam in die Arme der Sowjet­union. Die Hoffnung, dass Vietnam aus der Gewaltspirale herauskommen könnte, endete mit dem 1978 einsetzenden Flüchtlingsstrom.

Hunderttausende so genannte Boatpeople (Bootsmenschen) flohen. In kleinen Fischerbooten versuchten sie, sich über das südchinesische Meer zu retten. Piraten plünderten die Boote, vergewaltigten und verschleppten Frauen. Fast 250.000 Boatpeople starben. Viele schafften es jedoch nach Europa und Österreich. (pla)