Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 11.10.2019


Nationalsozialismus

Gedenkort in Hall: Vom NS-Opfer zum Menschen

Die Tirol Kliniken errichten in Hall einen Gedenkort für 360 Opfer des Nazi-Massenmordes.

Das Foto zeigt eine Teilansicht der Heil- und Pflegeanstalt Hall, vermutlich aus der Zeit des Nationalsozialismus.

© Historisches Archiv LKH HallDas Foto zeigt eine Teilansicht der Heil- und Pflegeanstalt Hall, vermutlich aus der Zeit des Nationalsozialismus.



Von Nikolaus Paumgartten

Hall – Euthanasie. Das Wort stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet so viel wie „angenehmer Tod“ oder „schönes Sterben“. Euthanasie findet sich aber vor allem auch im Sprachgebrauch der Nationalsozialisten, die damit den systematisch durchgeführten Massenmord an Menschen mit geistig-psychischen oder körperlichen Beeinträchtigungen bezeichneten.

360 Metall-Stelen stehen für die Opfer. Die oberen Enden stellen Häuser dar, aus denen Teile entfernt wurden.
360 Metall-Stelen stehen für die Opfer. Die oberen Enden stellen Häuser dar, aus denen Teile entfernt wurden.
- Visualisierung: Celia Di Pauli,

„Mit einem guten Tod hatte dieser Krankenmord nichts zu tun“, betont der Historiker Oliver Seifert. Beschäftigt beim Landeskrankenhaus Hall, arbeitet er seit Jahren die dunklen Kapitel der Heil- und Pflegeanstalt in Hall während der NS-Zeit auf. Am 10. Dezember 1940 wurde hier der erste Patiententransport in Richtung Tötungsanstalt Hartheim bei Linz durchgeführt. 111 Männer und 68 Frauen wurden dort schließlich in der Gaskammer ermordet. Bis Ende Mai 1941 folgten zwei weitere Transporte. 1942 wurden noch einmal 60 Menschen abgeholt und in der Heil- und Pflegeanstalt Niedernhart in Linz mit überdosierten Medikamenten ermordet. Insgesamt waren es in den Jahren von 1940 bis 1942 damit 360 Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder aus der Haller Anstalt, die aufgrund ihrer Beeinträchtigungen von den Nazis als „unwertes Leben“ definiert und getötet wurden.

Auf dem Areal des Landeskrankenhauses in Hall wird in den kommenden Monaten im Andenken an die Opfer der so genannten „Aktion T4“ nun ein Gedenkort errichtet. Der Entwurf sieht vor, auf einer Fläche 360 Metall-Stelen aufzustellen und diese mit den Daten der Opfer zu versehen. Die Anordnung der Stelen bildet wie auf einer übergroßen und begehbaren Landkarte von Tirol und Vorarlberg geografisch die Herkunftsorte der Opfer ab. „Das Gedenken ist aber nur ein Aspekt“, sagt Kuratorin Lisa Noggler-Gürtler. „Wir wollen die ermordeten Menschen sichtbar machen, ihnen Namen geben und gleichzeitig Informationen anbieten.“ So werden über ein Multimedia-Terminal weitere Details sowie Kurzbiografien zur Verfügung gestellt. Ein Ziel sei es dabei, aus den NS-Mordopfern wieder Menschen zu machen, so Historiker Seifert.

Die Bedeutung des Gedenk­ortes unterstrichen gestern anlässlich der offiziellen Präsentation der Pläne auch Tirols Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg, der ärztliche Direktor des LKH Hall Christian Haring und Tirol-Kliniken-Geschäftsführer Stefan Deflorian. „Eigentlich kommt man in ein Krankenhaus mit der Erwartungshaltung, dass man behandelt wird. Hier wurden die Menschen aber ermordet“, erinnert Deflorian.

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Der Gedenkort wird in den kommenden Monaten umgesetzt, die Enthüllung auf dem Areal des Landeskrankenhauses Hall ist für Mai/Juni 2020 geplant.