Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 16.10.2019


Tirol

16.000 Demenzkranke bis 2030 in Tirol: Aber Kirche vergisst sie zu oft

16.000 Demenzkranke soll es bis 2030 in Tirol geben. Religion ist ein Weg, sie an der Gesellschaft mehr teilhaben zu lassen. Die Diözese Innsbruck räumt bei diesem Thema Nachholbedarf ein.

Für Demente mit fortgeschrittener Krankheit könne „das Singen von Kirchenliedern etwas Schönes sein“, sagt Josef Marksteiner, Primar der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie A am LKH Hall.

© Foto TT / Rudy De MoorFür Demente mit fortgeschrittener Krankheit könne „das Singen von Kirchenliedern etwas Schönes sein“, sagt Josef Marksteiner, Primar der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie A am LKH Hall.



Von Benedikt Mair

Innsbruck – Die Bevölkerung wird immer älter. Und immer mehr Menschen erkranken an Demenz. Eine große Herausforderung für die Gesellschaft. Viele öffentliche Einrichtungen stellen sich darauf ein. Auch die katholische Kirche reagiert, seit einigen Jahren bereits werden Freiwillige speziell für den Umgang und die Seelsorge mit Demenzkranken geschult. Aber „das Thema wird oft noch unterbelichtet, unsere Arbeit steckt in den Kinderschuhen“, räumt Rudolf Wiesmann, Leiter der Fachstelle Altenseelsorge der Diözese Innsbruck, ein.

„Für die meisten Kranken ist die Ausübung der Religion ein Ritual, das sie von Kindheit an kennen“, sagt Josef Marksteiner, Primar der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie A am Landeskrankenhaus in Hall. „Gewohnheiten, die sie von klein auf trainierten, haben bei ihnen mit am längsten Bestand, weil sie sehr tief abgespeichert sind.“ Dies wieder zu aktivieren, erlebbar zu machen, könne durchaus positive Emotionen hervorrufen, erklärt der Arzt – „je nachdem, ob Gottesdienst und Religion bei dem Erkrankten als etwas Gutes, Sicherheitgebendes abgespeichert ist. Für solche Menschen kann das Singen von Kirchenliedern etwas Schönes sein.“

Laut Zahlen der Abteilung Soziales der Landesregierung lebten im Jahr 2017 rund 11.000 Menschen mit einer Demenz in Tirol, im kommenden Jahr werden es bereits rund 12.000 sein und bis zum Jahr 2030 sollen laut Prognosen über 15.800 Erkrankte hier beheimatet sein. Tendenz für die weiteren Dekaden: steigend.

Der richtige und respektvolle Umgang mit dementen Männern und Frauen sei ein „Lebensnerv unserer Gesellschaft“, glaubt Innsbrucks Bischof Hermann Glettler. „Wir versuchen auch als Kirche darauf zu reagieren.“ Dies passiere durch Information, Schulung, Begleitung der Kranken bis hin zur Beratung von Gemeinden auf „dem Weg zu einem demenzfreundlichen Lebensraum“. Nicht nur die politischen, sondern auch die Pfarrgemeinden nimmt Glettler hier in die Pflicht: „Menschen mit Demenz sollten weiterhin an den Gottesdiensten teilnehmen können. Es ist wichtig, diesen speziell verunsicherten Menschen und ihren Angehörigen das Gefühl des Willkommenseins zu geben.“

Priester, Diakone oder andere Geistliche werden derzeit noch nicht explizit auf den Umgang mit Dementen geschult, erklärt Rudolf Wiesmann, der die zuständige Stelle bei der Innsbrucker Diözese leitet. „Was wir seit dem Jahr 2005 aber machen, ist, Alten- und Pflegeseelsorger auszubilden, die etwa in Heimen mit Kranken beten und singen.“ Die Frage, wie Glaube mit dementen Menschen gelebt werden könne, spiele im Lehrgang eine wichtige Rolle. 140 Freiwillige wurden seither ausgebildet, 85 sind noch im Einsatz. Wo es nach Meinung von Wiesmann noch Luft nach oben gebe, seien die einzelnen Pfarren. „Menschen, die an Demenz erkrankt sind, werden oft versteckt, ausgeschlossen.“ Das könne nicht der richtig Weg sein.

Mehr Sensibilisierung bei kirchlichen Einrichtungen und Amtsträgern wünscht sich auch Christina Pletzer. Die Leiterin der Demenzberatungsstelle der Tiroler Caritas findet, dass „Kirchen besonders in den Dörfern am Land die idealen Träger dafür sind, Kranke in den Alltag miteinzubinden“. Es dürfe, sagt Pletzer, aber nicht der Fehler begangen werden, sie in „eine demenzfreundliche Nische zu stellen“. Demente, besonders in frühen Krankheitsstadien, seien durchaus in der Lage, am „normalen Leben“ teilzunehmen. „Dafür braucht es aber Verständnis in der Gesellschaft.“

Bischof Glettler versichert, das Schulungsangebot für ehrenamtliche Begleiter von Demenzkranken und deren Familien weiter auszubauen. „Auch die von mir propagierten Weggemeinschaften, die schon in einigen Pfarren gestartet sind, haben den Auftrag, je nach Bedarf in der Nachbarschaft Hilfe anzubieten. Gut wäre es, wenn es im Pfarrgemeinderat eine Ansprechperson gäbe, die bezüglich Demenz geschult ist.“