Letztes Update am Mo, 04.11.2019 11:01

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Pflege

Rumänisches Pflegepersonal in Österreich Opfer „moderner Sklaverei“

2018 waren mehr als die Hälfte der Pflegerinnen und Pfleger in Österreich rumänische Staatsbürger. Der Verein Pflege Help prangert die Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte an. Er will als Schlichtungsstelle tätig sein und fordert verpflichtende Aus- und Weiterbildungen. Die Reform der Familienbeihilfe stößt auf Kritik.

Der Großteil der Pflegekräfte in Österreich stammt aus Rumänien.

© Symbolfoto: APADer Großteil der Pflegekräfte in Österreich stammt aus Rumänien.



Bukarest – Der Verein Pflege Help, der rumänisches 24-Stunden-Pflegepersonal in Österreich unterstützen soll, hat die Arbeitsbedingungen der Pflegerinnen und Pfleger angeprangert. „Vermittlungsagenturen betreiben hier moderne Sklaverei“, sagte Milorad Erdelean vom Wiener Büro des Vereins am Samstag vor Pressevertretern in Bukarest.

Verträge werden oft „blind“ unterzeichnet

„2018 waren über 50 Prozent der rund 60.000 aktiven Pflegerinnen und Pfleger in Österreich rumänische Staatsbürger“, sagte Adrian Saicu, Gründer des Vereins. Dem sollen lediglich 126 österreichische Staatsbürger gegenüberstehen. Erdelean erklärte, dass besonders die Sprachbarriere ein Problem sei. Diese lasse das meist weibliche rumänische Pflegepersonal beispielsweise „blind“ Verträge unterzeichnen, deren Konditionen erst später verstanden würden. Viele Pfleger gingen darum fälschlicherweise von einem Angestelltenverhältnis aus, würden sich dann jedoch im Ernstfall bewusst, als Selbstständige gemeldet zu sein und keine Sozialabgaben oder Krankenversicherungsbeiträge gezahlt zu haben.

„Die Bevölkerung Europas wird älter, sodass innerhalb kürzester Zeit immer mehr Pflegepersonal gebraucht wird. Das verringert die Qualität“, sagte Catalin Grigorescu von der Medizinischen Universität Bukarest. Die sei ein „gesamteuropäisches Problem“, das nicht nur Rumänien und Österreich betreffe. Laut Erdelean sind viele Pfleger zudem mit einer nur zwei- bis dreiwöchigen Ausbildung kein Fachpersonal. Es habe sogar Analphabeten gegeben, die falsche Medikamente verabreicht haben sollen. Dies führe zusammen mit dem Informationsmangel in Bezug auf das Arbeitsrecht zu Konflikten mit Angehörigen der Pflegebedürftigen.

Grigorescu forderte darum, konkrete arbeitsrechtlich zu erfüllende Kriterien festzulegen, um Missstände zu beseitigen und Steuereinnahmen zu erhöhen. Erdelean sprach sich für gesetzlich verpflichtende Aus- und Weiterbildungen aus, die der im Mai gegründete Verein Pflege Help anbieten wolle. Zudem soll der Verein als außergerichtliche Schlichtungsstelle zwischen dem Personal und den Angehörigen der zu Pflegenden dienen.

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„Die Menschen werden auch nicht in Österreich integriert, ihre Kinder wachsen allein in Rumänien auf“, sagte Erdelean. Für den ehemaligen rumänischen Innenminister Cristian David führt die mangelnde Integration rumänischer Arbeitskräfte in Österreich zu einem „Zivilisationskonflikt“. Mit Stand 2018 sollen zwischen 120.000 und 150.000 Rumänen in Österreich wohnen. Dass rund 10.000 rumänische Kinder im österreichischen Bildungssystem ausgebildet werden, sei eine effektive Integrationsmaßnahme.

Deutliche Einbußen durch Indexierung der Familienbeihilfe

David kritisierte die zu Jahresbeginn in Kraft getretene Reform der österreichischen Familienbeihilfe, deren Höhe nunmehr an die Lebenserhaltungskosten des Wohnorts des Kindes angepasst wird, was besonders für Familien aus Osteuropa deutliche Einbußen bedeutet. „Die Reform der Familienbeihilfe trifft die ganze Gemeinschaft der Rumänen in Österreich“, sagte er. „Das Thema Familienbeihilfe wird in Rumänien sehr oft angesprochen, man bringt dem Konzept kein Verständnis entgegen“, sagte auch eine österreichische Diplomatin. Dies schade Österreichs Ansehen.

„Fünf Millionen Rumänen arbeiten im EU-Ausland, auch Österreich nutzt das aus“, sagte Grigorescu und gab zu bedenken, dass ohne seine Landsleute vieles zusammenbrechen würde. Die meisten würden von der Aussicht auf vermeintlich höhere westeuropäische Gehälter angezogen. Die Realität sehe dann jedoch oft anders aus, da diese dann oft schlecht bezahlte Schwarzarbeit verrichteten und in Rumänien aufgrund der erhöhten Nachfrage nach gut ausgebildetem Personal besser verdienen würden. „Es ist eine Illusion, dass es ihnen im Westen besser geht“, sagte er.

„Die rumänische Wirtschaft wächst konstant und braucht mittelfristig trotz der zurückgehenden Bevölkerung rund eine Million neuer Arbeitskräfte, um diesen Aufschwung aufrecht zu erhalten“, sagte David. Da viel Fachpersonal ins EU-Ausland wechsle, müssten rumänische Firmen sehr schlecht ausgebildete Arbeitskräfte aus Nicht-EU-Staaten wie Pakistan oder Vietnam mit befristeten Arbeitsverträgen anwerben, für die es jedoch eine jährliche Quote gebe. Diese sei für Rumänien in kurzer Zeit von 30.000 auf 60.000 erhöht worden. Viele dieser Arbeitskräfte reisten dann wegen des EU-weiten Arbeitsrechts vertragswidrig in den Westen weiter. „Wir brauchen da eine Gesetzesänderung, sonst verlieren wir die Kontrolle“, forderte Grigorescu. (APA)