Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 12.11.2019


Innsbruck

Folklore im Dienst von Propaganda und Tourismus

Ein Forschungsprojekt soll das Phänomen des „Tiroler Abends“ beleuchten.

Die „Tiroler Abend“-Kritik sei fast gleich alt wie der Abend selbst, sagt die Musikwissenschafterin Sandra Hupfauf.

© Thomas Boehm / TTDie „Tiroler Abend“-Kritik sei fast gleich alt wie der Abend selbst, sagt die Musikwissenschafterin Sandra Hupfauf.



Von Benedikt Mair

Innsbruck – Ein Juchitzer hier, ein Jodler dort, während eine Gruppe Schuhplattler zur Musik der Ziehharmonika ihren Tanz aufführt. So gehört alpenländisches Brauchtum. Sagt zumindest das Klischee, dessen sich auch die so genannten „Tiroler Abende“ bedienen. Die Uni Innsbruck will die Geschichte dieses Phänomens jetzt erforschen. Mit knapp über 100.000 Euro wird das Projekt durch das Land Tirol unterstützt. Ein entsprechender Antrag soll heute von der Landesregierung genehmigt werden.

Die Untersuchung, die im März kommenden Jahres am Institut für Europäische Ethnologie starten soll, sei eine „ideologiekritische Betrachtung des ,Tiroler Abends‘ von den Anfängen im 19. Jahrhundert bis heute“, sagt Sandra Hupfauf. Interessiert ist die Musikwissenschafterin und Projektmitarbeiterin besonders am Wandel der Veranstaltungen von einem politischen Manifest zu einer scheinbar unpolitischen Touristen-­Attraktion.

Der „Tiroler Abend“ stehe am Ende einer über 200 Jahre alten Tradition reisender Nationalsänger, weiß Hupfauf. Dabei sei die Kritik daran fast genauso alt wie die Abende selbst. „Schon der deutsche Dichter Heinrich Heine unterstellte jodelnden Tirolern in London den Ausverkauf ihrer Folklore. Während im 19. Jahrhundert die Vermarktung des Tirolerischen im Mittelpunkt der Kritik stand, wurde die Veranstaltung später auch zu einem Mittel der (partei-)politischen Propaganda der austrofaschistischen und nationalsozialistischen Diktaturen.“ Ab den 1970er-Jahren seien schließlich die „inhaltliche und musikalische Orientierungslosigkeit und Bedeutungsleere“ angekreidet worden. Hupfaufs steile These: „Die ökonomisch motivierte Selbstfolklorisierung ist längst zum Synonym für sämtliche Fehlentwicklungen im Tiroler Tourismus geworden.“

Laut Kulturlandesrätin Beate Palfrader (ÖVP) soll die auf drei Jahre angesetzte Forschungsarbeit die „Instrumentalisierung und Vermarktung der Tiroler Volkskultur in der nationalsozialistischen Kulturpolitik untersuchen und einen Beitrag zur Regionalgeschichte leisten“. Das Geld werde über den Förderschwerpunkt „Erinnerungskultur“ bereitgestellt. Palfrader: „Wir möchten eine bisher unkritisch tradierte Facette neu beleuchten.“