Letztes Update am Mo, 18.11.2019 21:37

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Schnee- und Regenchaos

Wetter in Osttirol beruhigt sich, noch 800 Haushalte ohne Strom

In Osttirol hat sich die Wetterlage am Montag etwas beruhigt. Nach wie vor sind rund 800 Haushalte ohne Strom und einige Täler von der Außenwelt abgeschnitten. In Südtirol ging eine Mure auf eine Bahnstrecke ab.

Gewaltige Schneemassen in Osttirol: Prägraten am Großvenediger etwa "versinkt" langsam.

© TT-Leser Manfred DorerGewaltige Schneemassen in Osttirol: Prägraten am Großvenediger etwa "versinkt" langsam.



Lienz, Reutte — Starkregen und Schnee sorgten seit der Nacht auf Sonntag in Tirol, vor allem aber im wettergeplagten Osttirol, wieder für Chaos. Erst in den Abendstunden kam es zu einer Wetterberuhigung. In der Nacht hörten die Niederschläge zum Glück ganz auf. Allerdings ist die Gefahr noch nicht gebannt: Vor allem die Lawinengefahr macht den Experten Sorgen. Auch am Montag herrschte in Osttirol Gefahrenstufe 4.

Die Mitarbeiter der Tinetz standen am Montag im Dauereinsatz. Mit dem Hubschrauber wurden am Vormittag die Störstellen lokalisiert. Zum Teil konnten nur ortskundige Monteure erahnen, wo sich die Mittelspannungsleitungen befinden. Soweit es der durch den Regen aufgeweichte Boden zuließ, wurden die zerstörten 110kV-Masten zwischen Amlach und Sillian zum Teil mit einem Notfallgestänge gesichert oder neu gestellt und die Beseilung über mehrere Spannfelder in Angriff genommen. Mit Unterstützung der Bundesheerhubschrauber wurden mittels „Down-Washing" auch Bäume von der Schneelast befreit.

Für die Ortszentren wurde die Stromversorgung großteils durch den Einsatz von Notstromaggregaten wiederhergestellt. Am Montagabend waren noch rund 800 Haushalte ohne Strom.

Derzeit noch unversorgt sind:

  • Matrei bis Tauental
  • Kalsertal bis Talschluss
  • Kalserbach - Matrei
  • Villgratental
  • Lesachtal ab Kartitsch bis Landesgrenze

Tinetz-Mitarbeiter stehen auch in der Nacht auf Dienstag im Bereitschaftsdienst. Weitere Informationen bietet die Tinetz auf ihrer Homepage.

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Platter dankte Einsatzkräften

Landeshauptmann Günther Platter machte sich am Montagvormittag vor Ort ein Bild von der Situation und nahm an der Sitzung der Bezirkseinsatzleitung teil. Den Einsatzkräften und helfenden Händen sprach er seinen Dank aus: „Die vergangenen Tage haben gezeigt, dass unsere Einsatzkräfte und Experten hervorragend arbeiten und die Bevölkerung sich darauf verlassen kann, auch in solchen Ausnahmesituationen auf bestens funktionierende Sicherheitsstrukturen vertrauen zu können." Den Blaulichtorganisationen, dem Roten Kreuz, dem Bundesheer, der Polizei und den Lawinenkommissionen sowie der Bezirkshauptfrau Olga Reisner und den Bürgermeistern mit den Gemeindeeisatzleitungen gebühre Dank und Respekt.

Reisner selbst sprach ihre Zuversicht aus: „Durch die gute Zusammenarbeit konnte die Situation bisher gut gemeistert werden. Auch ich danke allen Einsatzkräften — von der Feuerwehr über die Mitarbeiter der Tinetz bis hin zur Leitstelle Tirol. Wir sind gerüstet und bleiben auch die kommenden Tage vorbereitet."

Überflutungen bei Lienz, Lawine in Prägraten

Durch Lawinen oder Muren könnte es auch dazu kommen, dass einzelne Täler von der Außenwelt abgeschnitten sind. Die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) warnte jedenfalls vor einer „extremen Wettersituation". So regnete und schneite es in den 48 Stunden bis Sonntag Früh stellenweise mehr, als in einem gesamten durchschnittlichen November.

Im Prägratener Ortsteil Bobojach kam es Sonntagmittag zu einem Lawinenabgang, der aber zum Glück glimpflich verlief. Verletzt wurde niemand.

Wegen starker Niederschläge am Lienzer Talboden mussten die Feuerwehren am Sonntag Garagen, Keller und Häuser sowie landwirtschaftliche Flächen von den Wassermassen befreien.
Wegen starker Niederschläge am Lienzer Talboden mussten die Feuerwehren am Sonntag Garagen, Keller und Häuser sowie landwirtschaftliche Flächen von den Wassermassen befreien.
- Brunner Images

Sperren von Straßen und Zugstrecken, Schulen teils wieder offen

Aus Sicherheitsgründen blieben auch am Montag zahlreiche Straßen gesperrt, darunter etwa die Felbertauernstraße von Matrei bis Mittersill, die B111 Gailtalstraße, die Virgentalstraße zwischen Virgen und Prägraten, die Defereggentalstraße ab Huben sowie die Villgratentalstraße. Zudem ist die Pustertalstraße auf Südtirolerseite noch gesperrt, weshalb Lienz derzeit nur über Kärnten erreichbar ist. Dort ist die B100 Drautal-Straße zwischen Radlach und Greifenburg gesperrt — eine Umleitung über Hermagor ist möglich. Eine Übersicht über die aktuellen Straßensperren gibt es auf der ÖAMTC-Homepage: ÖAMTC-Verkehrsservice

Gesperrte Zugstrecken

  • In Osttirol bleibt die Bahnstrecke im Drautal unterbrochen. Auch dort ist ein Schienenersatzverkehr aufgrund von Lawinengefahr nicht möglich. Die Drautalbahn bleibt laut ÖBB vorraussichtlich bis zum 30. November gesperrt.
  • Die Streckensperre für die Bahnverbindung zwischen Lienz und San Candido/Innichen bleibt bis auf weiteres aufrecht. Die Schäden an der Strecke betreffen die Masten und Oberleitungen, sowie Verlegung der Strecke. Es gibt Schienenersatzverkehr zwischen Lienz und Sillian.
  • SPERRE AUFGEHOBEN: Die Strecke München — Verona konnte am Montag wieder für den Personenverkehr geöffnet werden. Züge verkehren demnach wieder planmäßig.
  • Salzburg-Tiroler-Bahn: Die nach einem Murenabgang gesperrte Bahnstrecke auf der Salzburg-Tiroler-Bahn im Abschnitt zwischen Hochfilzen und Saalfelden ist seit 14 Uhr wieder eingleisig befahrbar. Die Fahrgäste werden gebeten, mehr Reisezeit einzuplanen.
  • SPERRE AUFGEHOBEN: Weststrecke (Deutsches Eck): Die Unterbrechung aufgrund einer Oberleitungsstörung auf deutscher Seite bei Kiefersfelden wurde aufgehoben. Der Zugverkehr läuft dort wieder normal.
  • Die Außerfernbahn bleibt wegen Sturmschäden voraussichtlich bis Montagabend gesperrt.

    Die ÖBB empfiehlt allen Reisenden, sich vor geplanten Reisen nochmals über den aktuellen Status online unter www.oebb.at oder telefonisch unter 07-1717 zu informieren.

Nachdem sich die Wettersituation in Osttirol nach den starken Niederschlägen allmählich entspannt, werden die Schulen am Dienstag teils wieder ihren Betrieb aufnehmen. Dies gelte für die mittleren und höheren Schulen, teilte die Bildungsdirektion am Montag mit. Die Allgemeinbildenden höheren Schulen sollen selbst entscheiden, ob eine Öffnung wieder möglich ist. Eltern, die um die Sicherheit ihrer Kinder auf dem Schulweg besorgt sind, können die Schülerinnen und Schüler zu Hause lassen. Diese seien dann entschuldigt, wurde betont.

Lawinenwarnstufe 4: „Große Gefahr"

Laut der ZAMG bleibt die Lawinensituation mit Lawinenwarnstufe 4 angespannt. Im hochalpinen Bereich können sich aufgrund des Neuschnees sowie dem zu erwartenden stürmischen Wind Schneebretter lösen. Aufgrund des starken Regens, der die Schneedecke durchfeuchtete, kann es im Bereich unter 1500 Metern zu Gleitschneelawinen kommen. "Daher ist vom Aufenthalt abseits gesicherter Pisten nach wie vor unbedingt abzuraten", so Rudi Mair, Leiter des Lawinenwarndienstes Tirol. Auch beim Aufenthalt im Wald bzw. im Freien sei Vorsicht geboten, denn aufgrund des schweren Nassschnees herrsche Baumbruchgefahr.

Schneechaos auch in Südtirol, Zug entgleist

In Südtirol hatte sich die Lage am Montag etwas beruhigt. Alleine am Sonntag gab es 183 Einsätze. Rund 11.000 Haushalte waren ohne Strom. Das herausragende Ereignis war die Verlegung aller Verkehrsadern im Eisacktal durch eine herabgefallene Freileitung bei Mauls. 180 Feuerwehren standen insgesamt im Einsatz, es gab 90 Rettungseinsätze sowie 51 geschlossene Staatsstraßen und Landesstraßen.

Auf die Pustertaler Bahnlinie ist am Montag zwischen Kiens und Mühlbach eine Mure abgegangen. Ein Zug, der gerade in Richtung Franzensfeste unterwegs war, musste evakuiert werden. Laut ersten Informationen gab es keine Verletzten. Im Zug befanden sich laut Medienberichten drei Zugbegleiter und ein Passagier. Die Bahnlinie ins Pustertal wurde vorübergehend gesperrt.

Aktuelle Straßensperren in Südtirol >> https://go.tt.com/2qXPvEy

Der Südtiroler Bevölkerung wurde dringend abgeraten, Autofahrten zu unternehmen. In jenen Ortschaften, in denen der Strom und die Telefonnetze ausgefallen waren, wurden die Feuerwehrhallen besetzt. In Barbian im Eisacktal ist es Montagfrüh zu einem Erdrutsch gekommen, bei dem Teile eines Bauernhofes zerstört wurden. In Martell ging am Sonntagvormittag eine gewaltige Lawine nieder, die mehrere Häuser beschädigte. Das Dorf war von der Außenwelt abgeschnitten. Am Montag konnte ein Großteil des Dorfes wieder erreicht werden, nur einige höher gelegene Häuser waren weiter abgeschnitten: Lawine in Martell im Video (rena, siha, TT.com)