Letztes Update am Fr, 29.11.2019 07:10

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Rumänien

Zu Besuch in Rumänien: Hoffnung für die Hoffnungslosen

Hunderttausende Rumänen kämpfen täglich ums Überleben. Von sauberem Wasser über Kleidung bis hin zu Medikamenten: Es fehlt am Nötigsten. Vom Staat werden diese Menschen im Stich gelassen. Ein Besuch.

Der 29 Jahre alte Tibi, seine Frau Delfina und ihre drei Kinder leben in einer Roma-Siedlung in Ploiesti, 60 Kilometer nördlich von Bukarest.

© Benedikt MairDer 29 Jahre alte Tibi, seine Frau Delfina und ihre drei Kinder leben in einer Roma-Siedlung in Ploiesti, 60 Kilometer nördlich von Bukarest.



Von Benedikt Mair

Bukarest, Ploiesti, Aricestii Rahtivani – Tibi bittet in sein Haus, das aus Sperrmüll, Styroporplatten und Plastikplanen gezimmert ist. Durch ein kleines Vorzimmer führt der 29-Jährige in die wenige Quadratmeter große, mit Teppichen und Tüchern spärlich dekorierte Kammer, die er gemeinsam mit seiner Frau Delfina und den zehn, acht und anderthalb Jahre alten Kindern bewohnt. Im Winter spendet ein kleiner Ofen aus Lehmziegeln Wärme und dient auch als Kochstelle. Strom liefert ein kleines Aggregat – aber nur, wenn irgendwie Benzin für dessen Betrieb aufgetrieben werden kann.

Das Haus, nach mitteleuropäischen Standards eher eine Baracke, steht am Rande von Ploiesti. Knapp über 200.000 Einwohner zählt die Stadt, ist Zentrum der Erdölförderung in Rumänien und liegt etwa 60 Kilometer von Bukarest, der Hauptstadt des osteuropäischen Landes. Auf dem Areal einer verlassenen Gasfabrik, haben sich neben Tibis auch neun weitere Familien angesiedelt. Sie alle gehören zur Minderheit der Roma, den Ärmsten der Armen, und leben hier illegal, aber – noch – von den Behörden geduldet. Fließend Wasser gibt es keines, die Bewohner holen es vom Brunnen in einem angrenzenden Park. Hunde streunen umher, der Boden und die Sträucher sind übersät mit Abfall.

Das kleine Haus hat er aus Sperrmüll selber errichtet, sein Geld verdient er mit dem Sammeln von Müll, den er verkauft.
Das kleine Haus hat er aus Sperrmüll selber errichtet, sein Geld verdient er mit dem Sammeln von Müll, den er verkauft.
- Benedikt Mair

„Jedes Jahr gibt es Gerüchte, dass die Häuser abgerissen werden. Erst im März hieß es, dass das Gelände geräumt wird“, schildert Tibi seine Sorgen. Ob er im kommenden Frühjahr noch ein Zuhause hat? Ungewiss. Wie viele Roma sammelt auch er in den Straßen und Gassen der Stadt Müll und verkauft diesen. Mit dem Verdienst, an den seltenen außerordentlich guten Tagen sind das umgerechnet sieben bis acht Euro, hält er sich und seine Familie irgendwie über Wasser. „Bis vor zwei Jahren habe ich in Italien, Österreich, Deutschland gelebt.“ Wie viele Rumänen hat er sein Glück im Westen gesucht, aber nicht gefunden. „Wegen der Familie bin ich hierher zurückgekommen.“

Valentina Ion arbeitet in Ploiesti für die österreichische Privatstiftung Concordia Sozialprojekte. Sie kennt Tibi und seine Familie und die Nöte von Menschen, die unter ähnlichen Bedingungen leben. „Die meisten Älteren haben keine Schule besucht, sind deshalb am Arbeitsmarkt schwer zu vermitteln“, erzählt Ion. Hier setzt Concordia an, versucht wenigstens den Nachwuchs in Schulen unterzubringen. Kein leichtes Unterfangen. Es braucht Überzeugungsarbeit bei den Eltern und die Kinder aus den Armenvierteln würden oft ausgegrenzt. „Weil man riecht, dass sie zuhause noch mit Holz heizen, werden sie oft ausgelacht. Wir schauen, dass sie trotzdem hingehen, organisieren Schuhe und Kleider.“ Auch Medikamente werden bereitgestellt.

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Die hygienischen Zustände auf dem Gelände, das nahe einer verlassenen Gasfabrik liegt, sind prekär.
Die hygienischen Zustände auf dem Gelände, das nahe einer verlassenen Gasfabrik liegt, sind prekär.
- Benedikt Mair

Vor mittlerweile 28 Jahren hat die Concordia-Stiftung in Rumänien ihre Arbeit aufgenommen. Damals lag das Land nach dem Sturz des kommunistischen Ceausescu-Regimes am Boden. Vieles hat sich seitdem getan, laut eigenen Angaben hat Concordia 10.000 Kindern geholfen. Und doch leben Hunderttausende Rumänen auch heute noch in bitterer Armut. „Drogen-, Alkohol- und sexueller Missbrauch sind allgegenwärtig. Wir arbeiten als Partner des Staates, um die Probleme zu lösen, derer er nicht Herr werden kann“, berichtet Diana Certan.

Certan ist Direktorin von Concordia Rumänien mit Sitz in Bukarest. „25 Prozent der Kinder und jungen Menschen hier sind nicht ausgebildet oder haben keinen Job. 40 Prozent der Kinder leben in extremer Armut.“ Nicht nur, weil die Eltern zu wenig verdienen, im Gefängnis landen oder sterben, sagt sie: „Viele ziehen auch einfach weg um zu arbeiten. Die Kinder lassen sie zurück.“ Wenn diese dann nicht bei Verwandten unterkommen, landen sie in staatlichen Heimen. 164 solcher großen Einrichtungen mit 50 bis 150 Plätzen gibt es in Rumänien derzeit noch.

Die Geschwister Lorena (13), Georgi (10) und Octavian (9) haben in der Casa Carolina ein neues Zuhause gefunden.
Die Geschwister Lorena (13), Georgi (10) und Octavian (9) haben in der Casa Carolina ein neues Zuhause gefunden.
- Benedikt Mair

Hund Bruno bellt und der Wind pfeift durch die in herbstlichen Farben leuchtenden Bäume. Im kleinen Garten stehen eine Schaukel und eine Rutsche. Das einstöckige, orange gestrichene Haus liegt am Rande der holprigen Straße durch das kleine Dorf Aricestii Rahtivani. Hier, wenige Autominuten von Ploiesti entfernt, erprobt Concordia seit Ende des vergangenen Jahres eine Form der Unterbringung für Kinder, die sonst niemanden haben. Hier leben acht statt 150 Kinder. Und während es in staatlichen Heimen Putzkräfte und Köche gibt, wollen die Betreuerinnen der Casa Carolina ihre Schützlinge zur Selbstständigkeit erziehen.

Bei den Geschwistern Lorena (13), Georgi (10) und Octavian (9) zeigt das schon Wirkung. Die drei lebten zuvor in einer größeren Einrichtung. Viel ruhiger seien sie geworden, sagt Liliana Naghi, Leiterin der Casa Carolina. Und anders als früher, kaum noch aggressiv. „Weil sie das Gefühl haben, dass es ihr Haus ist, ihr Besitz. Und den nehmen sie sehr ernst.“ Lorena nickt zustimmend: „Das ist unser Zuhause. Ist doch selbstverständlich, dass wir putzen.“

Zurück auf dem Gelände der alten Gasfabrik in Ploiesti. Tibi hält seinen jüngsten Sohn auf dem Arm, blickt aus dem kleinen Fenster seines Hauses und sagt: „Wenn wir Eltern die Schule schon nicht gemacht haben, dann sollen es wenigstens unsere Kinder tun. Damit sie es irgendwann gut haben werden.“

3 Fragen an ...

Markus Inama – Vorstandsmitglied von Concordia: „Im besten Fall schicken sie Geld“

Markus Inama - Vorstandsmitglied von Concordia.
Markus Inama - Vorstandsmitglied von Concordia.
- Concordia

Warum ein EU-Land Rumänien wie Unterstützung von Hilfsorganisationen dringend nötig hat, erklärt Markus Inama, Vorstandsmitglied von Concordia und Superior der Jesuiten in Wien.

1. Welchen Herausforderungen muss sich Rumänien stellen?

Das Land hat sich in jüngerer Vergangenheit zwar wirtschaftlich erholt. Das Stadt-Land-Gefälle ist aber, wie in allen osteuropäischen Staaten, prekär. Außerdem emigrieren viele Rumänen auf der Suche nach Arbeit in andere EU-Staaten.

2. Mit welchen Folgen?

Sie lassen ihre Kinder zurück, bei Verwandten oder ganz alleine. Im besten Fall schicken sie Geld, vielfach aber nicht.

3. Wie kann Concordia dort helfen?

Niederschwellig, mit Ausbildungsangeboten beispielsweise. Wir wollen jene Lücke schließen, die der Staat freilässt. Aber auch die Arbeit in den ausgedehnten Armenvierteln Rumäniens, bei jenen Menschen die von den örtlichen Institutionen aufgegeben wurden, wird uns noch über Jahre beschäftigen.

Das Interview führte Benedikt Mair




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