Letztes Update am Di, 31.01.2012 13:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gesellschaft

Verbalentgleisung im Euro-Streit zwischen Italien und Deutschland

Auf eine Kolumne des „Spiegels“, die für die Italiener unter der Gürtellinie abzielte, reagierte die Tageszeitung „Il Giornale“ mit einem Nazi-Vergleich.



Berlin, Rom – Eigentlich sollte es um den Euro gehen: Ende vergangener Woche ist die Diskussion über die europäische Schuldenkrise auf Seiten deutscher und italienischer Medien aber total entgleist.

Grund für die Aufregung war eine Kolumne des „Spiegel“-Redakteurs Jan Fleischhauer. Unter dem Titel „Italienische Fahrerflucht“ ( http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,811817,00.html ) fragte er vergangene Woche, ob es irgendjemanden wundere, dass der Unglückskapitän der „Costa Concordia“ Italiener sei. Einem britischen oder deutschen Schiffskapitän wäre ein derartiges Manöver nicht unterlaufen. Mit diesem ungeschickten Vergleich wollte Fleischhauer auf die Euro-Krise hinarbeiten, wo er ebenfalls bestimmte Stereotypen bestimmter Länder wiedererkannt haben will.

„Der Geburtsfehler des Euro war, sehr verschiedene Kulturen des Wirtschaftens in die Zwangsjacke einer gemeinsamen Währung zu sperren“, argumentiert der deutsche Journalist. Und weiter: „Um zu erkennen, dass das nicht gutgehen konnte, musste man nicht Volkswirtschaft studiert haben, ein Besuch in Neapel oder auf dem Peloponnes hätte eigentlich gereicht.“

Die Worte trafen: Und zwar das Herz der Italiener. Die italienische Tageszeitung reagierte nicht nur empört, sondern ebenfalls unpassend. Als Reaktion auf die Spiegel‘sche Kolumne machte die Tageszeitung am Wochenende mit dem Titel „Wir haben Schettino, ihr habt Auschwitz“ auf. Der Chefredakteur Alessandro Sallusti höchstpersönlich nahm sich der Geschichte an ( http://www.ilgiornale.it/interni/lettera_ai_tedeschi/27-01-2012/articolo-id=568980-page=0-comments=1 ). Das deutsche Wochenblatt, so der erfahrene Journalist, bezeichne die Italiener als feige. Sie seien außerdem keine Rasse. „Die Deutschen sind das aber wohl. Und sie haben es bewiesen. Mit Hitler.“

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Hinter den Sätzen steckt wohl weniger nur Pietätlosigkeit am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz sondern vielmehr auch politisches Kalkül. „Il Giornale“ stellt sich gegen die Reformpläne des neuen Regierungschefs Mario Monti und macht gleichzeitig den Rest Europas – allen voran Deutschland – für die Krise verantwortlich. Als Angela Merkel etwa offiziell Silvio Berlusconis Rücktritt befürwortete, titelte die Zeitung bereits mit den Worten: „Es war die Fettärschige!“ (rena)




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