Letztes Update am Mo, 22.07.2013 08:59

DPA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Afrika-Hilfe

Geld für alle: Streit über utopisches Sozialprojekt in Namibia

Grundeinkommen für die Ärmsten: Neun Euro im Monat sollten Menschen in einem Dorf Namibias aus der Armut befreien. Nun ist das Geld für das heftig umstrittene Projekt alle. Viele sehen aber ein Modell für die Dritte Welt und wollen ein zweites Projekt starten.



Von Laszlo Trankovits

Otjivero - In vielen Dörfern Afrikas kommen Kinder schreiend und winkend angerannt, wenn Fremde auftauchen. Oft betteln sie oder wollen etwas verkaufen. Nicht so in Otjivero, einem verschlafenen, ärmlichen Nest in der ausgedörrten Hochebene Namibias. Hier fragen die Kleinen lautstark und lachend: „Hast Du 100 Dollar mitgebracht?“. Denn Otjivero ist der Ort, in dem alle Bewohner, die jünger als 60 Jahre alt waren, jahrelang Monat für Monat 100 namibische Dollar bekamen (etwa neun Euro), einfach so.

„Bedingungsloses Grundeinkommen in dieser radikalen Form ist bisher ein ziemlich einmaliges Projekt in der Welt“, meint der Deutsche Uli Baege von der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) in Wuppertal, deren Mitgliedskirchen das aufsehenerregende Experiment „Basic Income Grant“ - kurz „BIG“ genannt - trugen und finanzierten. Das Projekt machte das weitläufige Dorf mit den mickrigen Häusern, windschiefen Wellblechhütten und staubigen, unbefestigten Wegen weltbekannt.

Höchst unterschiedliche Erfahrungen

Dabei werden die Erfahrungen im fast menschenleeren Südwesten Afrikas höchst unterschiedlich bewertet: Viele - wie auch Experten der UN - sprachen von einer wichtigen Option zur Armutsbekämpfung weltweit. Kritiker befürchten, dass „BIG“ die Menschen nur dauerhaft von Sozialleistungen abhängig mache. Inzwischen fehlen aber ohnehin Gelder, um das Projekt weiterzuführen.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen gilt seit Jahrzehnten als revolutionäre Idee vor allem linker Politiker und Wissenschaftler. „BIG“ in Otjovero war als wegweisendes Modell geplant, zumindest für Namibia mit seinen etwa 2,2 Millionen Einwohnern, von denen die meisten bitterarm sind. „BIG“ sollte demonstrieren, wie man Menschen aus dem Joch der Armut befreien, sie ermutigen und wirtschaftlich einbinden kann. Aber das Projekt war von Anfang an umstritten.

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Es startete 2008. „Es war ein großartiges und sehr erfolgreiches Experiment, unsere Erwartungen wurden übertroffen“, betonte der deutsche Pfarrer und Wirtschaftswissenschaftler Dirk Haarmann, der mit seiner Frau das Projekt leitete. Etwa 900 Bewohner Otjiveros erhielten monatlich umgerechnet neun Euro - nur alte Menschen mit Staatsrente blieben außen vor. Aus europäischer Sicht mag das eine lächerliche Summe sein, aber in einem Land, in dem die meisten Menschen mit kaum mehr als einem Euro am Tag leben, ist es gar nicht so wenig.

Dorfbewohner waren begeistert

Die Bewohner des ärmlichen Modell-Dorfes am Fuße des fast kahlen Otjivero-Berges waren von Anfang an begeistert von „BIG“. „Wir haben unser Haus vergrößert, den Kindern Kleidung gekauft, konnten das Schulgeld bezahlen“, schwärmt Mietje Brinkman (36) und zeigt stolz ihre neue, im Freien ohne Dach gebauten Küche. Die meist spärlichen Regenfälle gibt es in der staubigen Savannenlandschaft etwa 100 Kilometer von der Hauptstadt Windhuk entfernt meist nur im Januar und Februar.

„Unser Leben hat sich völlig verändert“, berichtet auch Poulina Damm, Mutter von acht Kindern in der blitzsauberen, karg geschmückten kleinen katholischen Dorfkirche. „Den täglichen Kampf, genug Essen auf den Tisch zu bekommen, gab es lange Zeit nicht mehr.“ Wie auch bei anderen Familien, seien ihre Kinder nun alle zur Schule gegangen. Das Schulgeld (ein Euro im Monat) konnte bezahlt werden.

„Leben im Dorf verändert“

Die Gelder haben nach den Worten des Dorfschullehrers Absolom Kuyi Ihoxdbeb „das Leben im Dorf verändert“. Neue, kleine Läden seien entstanden. Inzwischen ist davon nicht mehr viel geblieben: Das Dorf „versinkt wieder in Armut“, sagt der 36-Jährige. „Bezahlte Jobs haben hier nur ein paar Lehrer, Polizisten und die Schwestern von der kleinen Krankenstation.“

„BIG hat auch einen Beitrag zur Menschenwürde und Emanzipation geleistet“, betont Michael Schultheiss von der Friedrich-Ebert-Stiftung, die das Projekt auch unterstützte. Viele Menschen in Otjivero hätten zum ersten Mal regelmäßig über Geld verfügt, „was auch ein wichtiger Schritt aus einer völligen Abhängigkeit war“.

Sorgen um Zukunft

Heute sieht es in Otjivero eher trostlos aus. Überall sieht man Männer im arbeitsfähigen Alter. Manche sitzen gelangweilt im Schatten der wenigen Kameldornbäume. Andere fahren irritiert aus ihren Betten, wenn am Vormittag ihre Frauen stolz dem Besucher die kargen, ärmlich eingerichteten, aber sauberen und ordentlich aufgeräumten Hütten zeigen. Nur wenige Dorfbewohner finden bei den weißen Farmern in der Umgebung zumindest zeitweise einen Job.

„Wir wissen nun nicht mehr, was aus uns wird“, sagt die 42-Jährige Poulina Damm. Denn seit 2010 fließt nur noch sporadisch Geld. „Die Zukunft macht uns Angst.“ Zunächst wurden nach 2009 monatlich nur noch 80 Namibia-Dollar gezahlt, dann reichten die Spendengelder gar nicht mehr. „Gestern haben wir seit fünf Monaten zum ersten Mal wieder etwas bekommen, 80 Dollar jeder“, berichtet Lehrer Ihoxdbeb.

Das Projekt in Otjivero war weit mehr als nur der Versuch, konkret einigen hundert Menschen zu helfen. Die Initiatoren wollten beweisen, dass sich Armut und Unterentwicklung so am besten bekämpfen ließen - und hofften darauf, auch die Regierung von Namibia von einer Vorbildfunktion überzeugen zu können.

Angst vor „sozialer Hängematte“ unbegründet

Die Skeptiker allerdings warnten vor einem wirtschaftlich sinnlosen Modell, das die Menschen nicht wirklich langfristig aus dem Elend befreien würde. Manche befürchteten, dass das geschenktes Geld nur zum Müßiggang verführen und als „soziale Hängematte“ missbraucht werde. Namibias Präsident Hifikepunye Pohamba meinte, „BIG“ würde die Menschen „zum Nichtstun verleiten“.

Die ersten wissenschaftlichen Untersuchungen kamen zu anderen Ergebnissen. Die drei von den Projektträgern beauftragten Wirtschaftsprofessoren lobten das soziale Experiment über den grünen Klee. Die bittere Armut im Dorf sei verschwunden, die Zahl unterernährter Kinder deutlich gesunken.

Vor allem aber freuten sich die Initiatoren, dass manche das Grundeinkommen als Startkapital nutzten. Es entstanden eine kleine Bäckerei, eine bescheidene Nähstube, eine primitive Ziegelei. Ein Effekt war nach einer Studie, dass nun alle Kinder zur Schule gingen. Kranke hätten die vier Namibia-Dollar für die Krankenstation aufbringen können. Die Kriminalität ging zurück, die weißen Farmer in der Nähe registrierten weniger Viehdiebstähle. Mini-Investitionen und eine erhöhte Sparquote seien Belege, dass „BIG“ die Menschen nicht fauler gemacht habe.

Lob von UN-Sonderberichterstatterin

Auch die UN-Sonderberichterstatterin für Fragen der extremen Armut, Magdalena Sepúlveda, lobte 2012 das Projekt. „Ich war beeindruckt“ schreib sie über die positiven Ergebnisse im Kampf gegen Armut und Kriminalität, die Fortschritte in Gesundheitsversorgung und Bildung. Die Regierung Namibia sollte „die Möglichkeit prüfen, ein Grundeinkommen auf das ganze Land auszuweiten“. Die allerdings zeigt sich bis heute wenig interessiert.

Denn viele bewerteten das Projekt nicht so positiv. Es sei „viel erreicht worden“, und es sei ein „spannender Lernprozess“ gewesen, kommentierte die „Allgemeine Zeitung“ in Windhuk. Aber leider stünden manche, die sich mit dem Geld eine kleine Existenz aufgebaut hätten, jetzt vor dem Ruin, weil ihren Kunden das Geld ausgehe. „Fünf Jahre BIG-Zahlung haben keinen nachhaltigen Erfolg gehabt, sondern machen abermals eine Abhängigkeit von dauerhaften Sozialleistungen deutlich“, so die angesehene Zeitung jüngst.

Deutliche Kritik kam auch von Wissenschaftlern. Vor allem warfen sie den Autoren der ersten Studien vor, parteiisch gewesen zu sein. „Da die Maßnahme nicht sorgfältig evaluiert wurde, war das Vorhaben kein echter Modellversuch“, sagte der Wirtschaftswissenschaftler Rigmar Osterkamp, der mehrfach vor Ort war. Den Ergebnissen fehle die Glaubwürdigkeit. Es sei einfach nicht nachvollziehbar, dass angeblich das durchschnittliche Einkommen in Otjivero - ohne Berücksichtigung der „Big“-Gelder - nach einem Jahr um 29 Prozent gestiegen sei. „Da war viel Schönfärberei, Wunschdenken und methodisches Dilettieren.“

Soziale Vorsorge

Auch die Ethnologin Sabine Klocke-Daffa (Universität Tübingen) ist skeptisch: „Der kulturspezifische Aspekt wurde ignoriert“, kritisiert sie. Die Menschen in Otjivero, die zum Volk der Damara gehören, seien mit „BIG“ entsprechend ihren „kulturellen Mustern“ umgegangen, denen zufolge man soziales Ansehen durch Geben gewinne. Die zusätzlichen Einkommen wurden „sozial investiert“ und kaum in wirtschaftliche Unternehmungen. „BIG“ habe durchaus vielen geholfen, „soziales Kapital“ zu erwerben, sprich sich Respekt zu verschaffen.

Damit verbunden sei auch eine gewisse sozialer Vorsorge, denn der Geber könne sich im Bedarfsfall wieder der Hilfe anderer sicher sein, betonte die Wissenschaftlerin. Das Projekt habe sich aber vor allem mit rein ökonomischen Aspekten beschäftigt. „BIG war in mancher Hinsicht ein Erfolg, aber das Projekt war überfrachtet mit Erwartungen wie die einer schnellen wirtschaftlichen Entwicklung“.

Trotz aller Dispute erwägt die so genannte namibische „BIG“-Koalition, einen neuen Anlauf zu machen, „und diesmal mögliche wissenschaftliche Fehler zu vermeiden“, so Baege von der Vereinten Evangelischen Mission. Noch aber ist die Finanzierung nicht gesichert - und Gelder brauche man auch für Otjivero. „Wir wollen die Menschen da ja jetzt nicht einfach im Stich lassen“, sagt er. (Laszlo Trankovits arbeitet für die Deutsche Presse Agentur.)




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