Letztes Update am Di, 04.02.2014 06:41

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

„Seit Franziskus lässt es sich freier atmen“

Innsbrucks Diözesanbischof Manfred Scheuer zieht eine positive Bilanz über den Ad-limina-Besuch in Rom: „Man merkt einen anderen Stil.“



Von Peter Nindler und Christoph Mair

Innsbruck – Nach dem Wechsel von Papst Benedikt zu Franziskus im März 2013 hat sich etwas verändert im Vatikan, auch das Verhalten gegenüber den Bischöfen in den Diözesen. Beim letzten Ad-limina-Besuch 2005 gab es einen Rüffel für Österreichs Oberhirten, diesmal wurden sie von Papst Franziskus ermutigt. „Ihr müsst die Verantwortung in den Ortskirchen wahrnehmen und mit Klugheit sowie Unterscheidung vorgehen, erklärte uns der Papst“, bilanziert Innsbrucks Diözesanbischof Manfred Scheuer im TT-Gespräch den diesjährigen Informationsaustausch in Rom. „Das war vorher ein anderer Ton, da kamen schon ganz konkrete Vorstellungen, wie wir vorzugehen haben.“ Die Blickrichtung habe sich verändert, fügt Scheuer hinzu. „Dass vom Zentrum aus alles im Detail bestimmt wird, ist ohnehin nicht zielführend. Entscheidend ist, dass die Bischöfe eine Einheit mit dem Papst bilden.“

Für ihn ist Franziskus sehr gegenwartsbezogen und ein „guter Zeitgenosse“ und bringt gleichzeitig eine starke spirituelle Perspektive ein. „Der Papst hat aber noch keine strukturellen und inhaltlichen Reformen angekündigt. Die sakramentale Struktur der Kirche steht nicht zur Debatte.“ Franziskus habe jedoch Anstöße gegeben. „Man merkt einen anderen Stil, der zurückhaltender, wertschätzender und aufmerksamer ist“, ortet Scheuer einen Kulturwandel im Vatikan.

Er glaubt nicht, dass der Papst die Situation in Österreich sehr gut kennt. „Das wäre meines Erachtens eine Überforderung.“ Die Pfarrerinitiative, die sich für eine Aufhebung des Zölibats starkmacht, war trotzdem Thema. „In der Kleruskongregation hat es ebenfalls geheißen, dass wir unsere Verantwortung wahrzunehmen sollten. Das waren die Worte des Papstes.“ Offen spricht Scheuer darüber, dass bei früheren Gesprächen von Sanktionen für Priester der Pfarrerinitiative die Rede gewesen sei. „Das ist nicht weg, aber sie stehen heute nicht mehr im Vordergrund.“

In der Diözese Innsbruck setzt Scheuer auf einen Dialog mit der Pfarrerinitiative, obwohl er nicht alle ihre Strategien teilt. „Was sie bewegt, nehme ich als positive Anliegen wahr und greife sie auf. Ich habe alle Seelsorger, die der Pfarrerinitiative angehören, als Dekane bestätigt, weil sie mir Zusammenarbeit und Loyalität versichert haben. Ich möchte und kann nicht auf diese Priester verzichten.“ Franziskus erkenne sehr wohl die Problemstellungen bei vielen Priestern wie Überalterung, gesundheitliche Situation oder Vereinsamung.

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Auf die Frage, wie es ihm selbst als Bischof unter Franziskus geht, überrascht Scheuer: „Seit Franziskus Papst ist, habe ich mir öfters die Frage gestellt, ob ich jetzt lieber Bischof bin.“ Auf ihn als Oberhirten werde immer wieder von verschiedenen Seiten Druck aufgebaut. „Da gibt es einen Lobbyismus, auch in der Kirche. Da fühlt man sich als Bischof ohnmächtig. Auf Druck hin kann man letztlich nicht klug agieren.“ Insofern hat Scheuer die „letzten Monate als Aufatmen“ empfunden. „Obwohl die Drucksituationen noch nicht zu Ende sind, hat der Papst hier eine atmosphärische Veränderung herbeigeführt. Es lässt sich freier atmen.“

Laut Scheuer hat der Papst Österreichs Bischöfen eine klare Botschaft mitgegeben: sich bei aller Verwaltungsarbeit Zeit für das Gebet und Verkündigung des Evangeliums zu nehmen, die Nähe zu den Menschen zu suchen und Barmherzigkeit zu üben. Franziskus lebe das vor: „Er ist zurückhaltend und stellt sich selbst nicht in den Mittelpunkt. Am stärksten kritisiert er den Klerikalismus, die Positionen von Macht, die mit dem priesterlichen Amt verbunden sind.“