Letztes Update am Mi, 02.04.2014 06:49

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Asperger-Syndrom

Julian hat einen Plan

Die Welt eines jungen Mannes mit Asperger-Syndrom oder Julians Bitten an Gesellschaft und Schulen. – Ein Plädoyer für mehr Vielseitigkeit zum heutigen Welt-Autismus-Tag.



Von Michaela Spirk-Paulmichl

Innsbruck –Julian war auf einer Akademie für Hochbegabte, maturierte mit 16 Jahren. Heute studiert er in Innsbruck Sprachwissenschaften, spricht vier Sprachen fließend und einige weitere in Ansätzen. „Sprachen zu können, das interessiert mich“, sagt er. Und fügt zurückhaltend hinzu, dass Können doch immer relativ sei. Als er die Volksschule besuchte, waren seine Eltern konfrontiert mit dem Stolz anderer, die von den Fortschritten ihrer Kinder erzählten. Sie selbst wollten nicht damit angeben, dass ihr Sohn im Alter von drei Jahren zu lesen und schreiben begonnen hatte. Dass Gleichaltrige seinen Rechenschieber zerstört hatten, weil sie nichts damit anzufangen wussten.

So weit so überaus erfreulich? Hochbegabt zu sein ist eine Seite im Leben des 25-Jährigen. Streber wurde er von manchen seiner Mitschüler deshalb genannt. Für andere war er einfach der Sonderling. „Kinder können sehr böse sein.“ Für Lehrer und Direktoren war er ein Kind, ein Jugendlicher, mit dem sie nicht zurecht kamen. „In einem Gymnasium blieb ich drei Monate, an einem Internat nur drei Wochen.“

Warum er „anders“ war, manchmal ausrastete, dafür fanden verschiedene Menschen verschiedene Erklärungen: Er leide am Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, sei zu streng erzogen oder doch zu wenig streng, vielleicht liege es aber auch daran, dass er ein Scheidungskind sei. Eine schwere Zeit für ihn und seine Familie, die ihn unterstützte. Nach einem langen Leidensweg und vielen Besuchen bei Psychologen – „da wird dir das Gefühl vermittelt, mit dir stimmt etwas nicht“ – wurde schließlich eine Diagnose gestellt: Asperger-Syndrom, eine milde Form des Autismus. Mit 14 Jahren hatte Julians Anderssein einen Namen bekommen.

Das Asperger-Syndrom zu haben bedeutet für viele Betroffene, eine besondere Begabung zu haben, aber auch eine große Schwäche in Bereichen der sozialen Interaktion und Kommunikation. In der Schule ecken sie wegen ihrer Verhaltensauffälligkeiten an, werden häufig gemobbt. Dass das Land Tirol den Besuch der Hochbegabtenschule in Schottland mitfinanzierte, war für den jungen Innsbrucker eine große Hilfe, die anderen verwehrt bleibt. Bei denen mögliche Begabungen angesichts der sozialen Defizite in den Hintergrund treten und extremes Verhalten zunimmt, so dass sie nie richtig Fuß fassen können.

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Die Akademie – sie musste wegen Geldmangels schließen – nahm Hochbegabte auf, die an früheren Schulen Schwierigkeiten hatten. „Sie förderte Stärken und forderte Schwächen. Und, was wichtig ist: Der Unterricht fand in kleinen Gruppen statt.“ Dass der 25-Jährige sein Leben heute so normal wie möglich führen kann, liegt auch an seinem großen Bedürfnis, tun und werden zu können, was er möchte, eine Frau zu heiraten, die ihm gefällt. „Irgendwann wird dir klar: Wenn du die gleichen Bedürfnisse hast wie die anderen, musst du dich sozial akzeptabel aufführen.“ Seine Hoffnungen, dass es für ihn leichter wird, wächst mit den Jahren: „Erwachsene schauen eher auf Fähigkeiten, haben gern Leute um sich, die nicht 0815 sind wie alle anderen.“

Julian ist der Meinung, Glück zu haben – auch, weil er an seinem Uni-Institut auf Verständnis stoße. „Ich habe es nicht so mit dem Zeitmanagement.“ Arbeiten zum Abschluss zu bringen falle ihm schwer, weil er ins Detail gehe, ein Perfektionist sei. Der Plan, der sei im Kopf, vor seinem inneren Auge. Schlecht organisiert zu sein, sei aber nicht üblich für das Syndrom: „Jeder Asperger will etwas sortieren, auch wenn er zum Chaos neigt wie ich.“ Seine Bücher und CDs allerdings seien nach einer bestimmten Ordnung gereiht, die dürfe niemand durcheinanderbringen.

Julian hat einige Wünsche an Gesellschaft und Schulsystem: „Bitte denkt nicht nur in Normen! Menschen mit Asperger können durch ihre Begabungen sehr nützlich für die Allgemeinheit sein. Bitte fördert sie! Und bitte schickt die Kinder nicht von einem Psychologen zum anderen. Sie sollen in erster Linie Kinder sein dürfen.“