Letztes Update am Mi, 25.06.2014 14:56

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Arbeitsbedinungen in Textilproduktion

Botschaft im Sommerkleid: Hilferuf einer Primark-Näherin?

Dass die Arbeitsbedingungen in der Produktion von Billigtextilien teils fragwürdig sind, ist nicht wirklich neu. Jetzt hat eine britische Kundin in einem bei Primark erstandenen Kleidungsstück eine Entdeckung gemacht, die wohl nicht nur sie selbst zum Nachdenken anregen dürfte.

Im September 2012 öffnete Primark auch in Österreich seine Pforten. Der Ansturm auf die erste Filiale im Innsbrucker Sillpark war groß.

© TT/Thomas BöhmIm September 2012 öffnete Primark auch in Österreich seine Pforten. Der Ansturm auf die erste Filiale im Innsbrucker Sillpark war groß.



Gowerton – Ein bunt geblümtes Sommerkleid – Rebecca Gallagher aus dem britischen Gowerton hatte ihre neueste Errungenschaft zum Schnäppchenpreis ergattert. Umgerechnet zwölf Euro hatte die 25-jährige Waliserin bei der irischen Billigtextil-Kette Primark für das Trägerkleid bezahlt. Doch die Freude über den vermeintlich guten Kauf währte nur kurz: Als die junge Frau nach der Waschanleitung schaute, fiel ihr ein weiteres Etikett auf, das ebenfalls an die Innennaht des Kleides genäht war. „Forced to work exhausting hours“ (etwa: „Gezwungen, bis zur Erschöpfung zu arbeiten“) war darauf zu lesen – handgeschrieben. Das berichtet die South Wales Evening Post. Wie das Schild an das Kleid gelangte, ist bisher nicht bekannt. Ebensowenig, ob es bereits in der Fabrik in Bangladesch oder erst in Großbritannien befestigt wurde. Die 25-Jährige vermutet dahinter den Hilferuf einer erschöpften Primark-Näherin, „die uns Menschen hier in Großbritannien wissen lassen will, was läuft“.

Die 25-jährige Rebecca Gallagher berichtete der "South Wales Evening Post" im Juni von ihrem Fund.
Die 25-jährige Rebecca Gallagher berichtete der "South Wales Evening Post" im Juni von ihrem Fund.
- Screenshot/South Wales Evening P

Dass bei der Produktion von Billigtextilien in Ländern wie Indien oder Pakistan teils menschenunwürdige Arbeitsbedinungen herrschen, ist an sich nichts Neues. Spätestens nachdem bei dem Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch im April letzten Jahres mehr als 1100 Arbeiter ums Leben gekommen und weitere 2500 verletzt worden waren, kam die Debatte wieder ins Rollen. Vor allem der Name Primark fiel hierbei häufig. Der Textildiskonter hatte unter anderem in besagter Fabrik produzieren lassen. Auch in den Filialen selbst herrschen zum Teil fragwürdige Arbeitsbedinungen. So hatte etwa die Arbeiterkammer Tirol die Konsumenten im vergangenen Jahr vor einem Einkauf bei Primark gewarnt. Die Vorwürfe reichen dabei von Abmeldung bei Schwangerschaft bis zu Anrufen auf dem Handy während des Krankenstandes, um den Mitarbeiter wieder zur Arbeit zu drängen. Mehr dazu siehe hier: http://go.tt.com/1nDcOGw

„Das hat mich wirklich zum Nachdenken gebracht“

„Um ehrlich zu sein, habe ich nie wirklich darüber nachgedacht, wie die Kleidung hergestellt wird“, sagte Rebecca Gallagher der South Wales Evening Post. Doch die Botschaft in ihrem Kleid habe sie wachgerüttelt. „Das hat mich wirklich zum Nachdenken darüber gebracht, wie wir unsere billigen Klamotten bekommen.“ Bei der Servicehotline von Primark wollte sich die Kundin nach den Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern erkundigen – doch nach 15 Minuten in der Warteschleife sei sie einfach aus der Leitung geflogen, so die 25-Jährige. Sie fühle sich schuldig und habe sich geschworen, das Kleid nie wieder zu tragen.

Ein Primark-Sprecher versicherte gegenüber der Zeitung, dass es keine weiteren Vorfälle dieser Art gegeben habe. Primark wäre der Kundin jedenfalls für die Übergabe des Kleides dankbar, „sodass wir ermitteln können, wie das zusätzliche Etikett an das Kleid gelangte und ob es da Sachen gibt, die es zu untersuchen gilt“.

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Sieben Tage die Woche, 45 Euro im Monat

Zwar unterzeichneten wenige Wochen nach der verheerenden Katastrophe in Bangladesch zahlreiche westliche Bekleidungsunternehmen ein Abkommen für mehr Gebäudesicherheit in den Produktionsstätten – darunter H&M, C&A, Tschibo, Aldi, Zara, Benetton und auch Primark. Doch an den Arbeitsbedingungen an sich hat sich in Bangladesch nach dem schlimmsten Industrieunglück in der Geschichte des Landes kaum etwas geändert.

Die Arbeiter, 85 Prozent von ihnen sind Frauen, schuften weiterhin an sieben Tagen die Woche zwölf bis 13 Stunden täglich – für umgerechnet etwa 45 Euro im Monat. Das berichtete Babul Akther, Präsident der Gewerkschaft für Textilarbeit in Bangladesch (BGIWF), im vergangenen Mai bei einem Pressegespräch in Salzburg. Krankenstände seien kaum möglich, und wer schwanger wird, müsse mit dem Jobverlust rechnen. Um an den Missständen etwas zu ändern, sieht die BGIWF nicht nur die Konzerne als Auftraggeber in der Pflicht, sondern vor allem auch die Konsumenten: „In unserer Geiz-ist-geil-Gesellschaft verlieren die meisten wenige Gedanken, unter welch menschenunwürdigen und katastrophalen Bedingungen die Produkte entstanden sind“, kritisiert der Gewerkschafter.

Ein kleines Schildchen in einem Sommerkleid – ob es nun von einer Näherin aus Bangladesch stammt oder nicht – hat jetzt zumindest eine Kundin zum Umdenken bewegt. (ema)

Textilproduktion in Bangladesch

Bangladesch ist nach China der zweitgrößte Produzent von Textilien weltweit. Die Branche beschäftigt fast vier Millionen Menschen, überwiegend Frauen. Die Fabriken produzieren rund 80 Prozent aller Exporte des Landes. Oft sind die Arbeitsbedingungen in den Fabriken jedoch schlecht: Lange Schichten an sieben Tagen pro Woche sind keine Seltenheit, der Lohn ist niedrig. Hinzu kommt die häufige Missachtung von Sicherheitsvorschriften in den Fabriken.