Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 14.09.2014


IS wirbt in Europa

Terroristen werben gezielt Jugendliche an

Die Terrormiliz IS wirbt auch in Österreich junge Menschen an. Ein neuer Verein bietet nun Hilfe, um nicht in die Fänge der Jihadisten zu geraten.

© X80014Besonders junge Männer, aber immer wieder auch Mädchen (Symbolfoto) sind gefährdet, in den Bann der Terrormiliz IS zu geraten. Sie erhoffen sich als Kämpfer Anerkennung oder einfach ein großes Abenteuer.Fotos: iStock, Fotohinweis



Von Brigitte Warenski

Innsbruck, Wien – Selim und Burak aus Nordrheinwestfalen haben jüngst für Schlagzeilen in den deutschen Medie­n gesorgt. Die beiden jungen Männer wurden von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) rekrutiert und kämpfen nun wie über rund 31.000 andere aus aller Welt für den Jihad im Irak und Syrien. Zwei 14- bzw. 15-jährige Wiener Mädchen wurden am vergangenen Samstag gerade noch daran gehindert, nach Syrien auszureisen, wo sie sich an die IS-Front begeben wollten.

In ganz Europa versucht die IS, Jugendliche mit allen Kommunikationsmitteln für das Kalifat zu begeistern. Auf der Donauinsel etwa finden sich laut Recherchen der Nachrichtenagentur APA immer wieder kleine Gruppen, die über den Islam sprechen und eifrig YouTube-Videos ansehen. Die Anwerber sprechen Deutsch, Arabisch und Englisch. Gefährdet, in den Fängen der IS zu landen, sind „allem junge Männer zwischen 13 und 35, aber immer wieder auch Mädchen“, weiß der islamische Religionspädagoge Moussa Diaw.

Auf der einen Seite sind es junge Menschen, „die sich einsam oder an den Rand gedrängt fühlen und auf der Suche nach einer besseren Gesellschaft sind oder einfach Anerkennung suchen“, erzählt Diaw. Aber es gibt auch Jugendliche, „die sich aus Naivität in den Bann der IS ziehen lassen, weil sie denken, dass das Ganze eine Art Abenteuerurlaub ist. Ihnen ist überhaupt nicht bewusst, dass dies­e Mission für sie tödlich sein kann. Sind sie erst im Ausland und erkennen, dass die Entscheidung falsch war, gibt es fast keinen Weg zurück“, so Diaw. Der Weg zur Radikalisierung folgt zwar gewissen Mustern, ist aber für Eltern, Verwandte und Freunde oft nicht rechtzeitig erkennbar: „Das kann schleichend gehen. Der junge Mensch tauscht sein Foto auf Facebook aus, verwendet gewisse Symboliken oder surft auf Seiten, die in Zusammenhang mit diesen Dingen stehen“, so Diaw.

Weil sich immer wieder Angehörige und Lehrer an Diaw gewandt haben, hat der Religionspädagoge nun mit Politikwissenschafter Thomas Schmidinger in Wien den Verein „Netzwerk Sozialer Zusammenarbeit“ gegründet. Das Netzwerk, in dem Wissenschafter, Sozialarbeiter, Lehrer und Betroffene zusammenarbeiten, hat sich der Deradikalisierungs- und Präventionsarbeit mit von jihadistischer Ideologie beeinflussten Jugendlichen verschrieben. „Das heißt, wir bieten Jugendlichen Hilfe an, die am Weg zur Radikalisierung stehen oder bereits radikalisiert sind und den Weg wieder zurück gehen wollen und wir unterstützen die betroffenen Angehörigen“, erklärt Diaw. Das Netzwerk will zudem die unterschiedlichen von der Problematik betroffenen Institutionen und NGOs zusammenführen.

In den kommenden Wochen will man der österreichischen Politik „Vorschläge für eine professionelle Arbeit“ im Deradikalisierungs- und Präventionsbereich vorlegen. Geplant sind Beratungsstellen, Schulungsangebote für Behörden, Schulen und Sozialarbeite­r.

Als nächster Schritt soll auch der Gang in die Bundesländer erfolgen. „In Tirol müssen wir erst Personen finden, die wir künftig als Ansprechpartner haben. Und das ist wichtig, weil der Verein nur erfolgreich arbeiten kann, wenn er mit der islamischen Community vor Ort, die diese Radikalisierung ja auch ablehnt, zusammenarbeitet.“

Jihad-Tourismus – Österreicher kämpfen für die IS

Österreich er im Dienst des T errorismus: Ein Drittel der jihadistisch-salafistischen Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) in Syrien und im Irak soll sich aus Europäern rekrutieren. Das österreichische Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung geht davon aus, dass sich auch mindestens zwei Dutzend Österreicher unter ihnen befinden. Anfang August startete die IS eine Werbeoffensive in Europa. Über Twitter wurde ein Anwerbevideo mit bewaffneten Kriegern in Englisch, Deutsch und Russisch veröffentlicht.

Ausreiseverbot: Innenministeri­n Johanna Mikl-Leitner will künftig dem Jihad-Tourismus vorbeugen. Junge Menschen sollen nur noch mit Zustimmung der Eltern in Länder außerhalb der EU reisen dürfen. Demnach würden alle unter 18-Jährigen bei Reisen in Nicht-EU-Länder eine schriftliche Zustimmung der Eltern brauchen.