Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 10.11.2014


Deutschland

Das Leben mit der Mauer – und danach

Zwei Berliner erinnern sich an die dramatischen Ereignisse rund um den Bau und den Fall der Berliner Mauer.

null

© X90145



Aus Berlin: Benedikt Sauer

Berlin – „Unfassbar“, sagt Werner Breitfeld. Für ihn ist es immer noch „unfassbar“. „Ich hätte mir früher nicht vorstellen können, dass ich einmal hier stehen würde und die Mauer nicht mehr steht.“ Werner Breitfeld, ehemals leitender Kriminalbeamter in West-Berlin, heute in Pension, steht Sonntagmittag in der Bernauer Straße, einem der zentralen symbolischen Orte des Mauerbaus und des Mauerfalls, der gelungenen und gescheiterten Fluchtversuche. An einen geglückten Versuch erinnert im Hintergrund an einer Häuserwand ein großformatiges Foto, das zur Ikone wurde: die Flucht des DDR-Volkspolizisten Conrad Schumann, der am 15. August 1961, zwei Tage nach Beginn des Mauerbaus, an einer Ecke der Bernaurer Straße über eine Stacheldrahtrolle in den Westen springt. Entlang der Straße steht „die Lichterkette“: Die Installation von insgesamt rund 8000 weißen leuchtenden Ballons auf Stelen zeichnet spektakulär einen zentralen Abschnitt des ehemaligen Mauerverlaufs nach: vom Grenzübergang Bornholmer Straße, der am Abend des 9. November 1989 als Erster geöffnet wurde, über die Bernauer Straße, den Hauptbahnhof, den Potsdamer Platz über das Brandenburger Tor und den Checkpoint Charlie.

Werner Breitfeld hat soeben auf der großen Leinwand vor der Gedenkstätte Berliner Mauer mit ein paar tausend Berlinern und Berlinerinnen und mehreren hundert Journalisten die Übertragung der offiziellen Veranstaltung zur Erinnerung an die Ereignisse vor 25 Jahren mit einem Gottesdienst in der Kapelle der Versöhnung in Anwesenheit von Kanzlerin Angela Merkel und Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit verfolgt, mitgefeiert. Er kennt die Gegend. Der spätere Kripo-Hauptkommissar ist hier „immer wieder Streife gefahren“ als Polizist. Auch in den Tagen Mitte August 1961, als in diesem Abschnitt der Bernauer Straße die Mauer errichtet wurde: „Wir waren beauftragt, die zurecht wütende Menge von West-Berlinern, die hier spontan demonstrierten, zurückzuhalten“. Breitfeld erzählt von Schusswechseln mit Volkspolizisten, als flüchtende Ostberliner aus den Häusern direkt an der Bernauer Straße in die Sprungtücher der Feuerwehr sprangen, „es war schon so ähnlich wie Krieg“. Wenige Monate später hat Breitfeld einen spektakulären tödlichen Fluchtversuch aus nächster Nähe erlebt, „als der Student Bernd Lünser am 4. Oktober 1961 von einem Hausdach in die Tiefe sprang, ein aufgespanntes Sprungtuch aber verfehlte und „neben mir auf den Boden gestürzt ist“. Dass dann in den Tagen um den 9. November 1989 „kein Schuss fiel“, dass alles friedlich abgelaufen ist, auch das scheint Werner Breitfeld „noch heute unvorstellbar. Ich bin ja gottgläubig, aber das ist ein Wunder.“ Einige frühere Volkspolizisten wurden später Kollegen: „Die noch tragbaren unter ihnen musste ich bei der Kripo übernehmen“, die halbe Dienststelle habe einige Zeit „aus früheren Volkspolizisten bestanden“. Breitfeld sagt, Versöhnung sei ihm ein Anliegen, „Hass ist keiner mehr da“, aber die Linkspartei lehne er ab, als SPD-Sympathisant sei er strikt gegen eine Koalition der Sozialdemokraten mit der Linkspartei in Thüringen.

An einem anderen ehemaligen Grenzübergang, an der Sonnenallee, im Süden des früheren West-Berliner Bezirks Neukölln, fährt der Rentner Anton N. den Berliner Mauerweg entlang. Seit 1961 wohnt er hier, in jenem letzten kurzen Abschnitt der Sonnenallee, der zum Osten gehörte, und der durch die gleichnamige Filmkomödie von Leander Haußmann 1999 nach dem Roman von Thomas Breussig weithin bekannt wurde: Der Film beschreibt den Alltag Ost-Berliner Jugendlicher unweit der Mauer in den 1970er Jahren. Anton N. ist 1961, im Jahr des Mauerbaus, aus Brandenburg nach Berlin gezogen, in Grenznähe, weil er einen Job fand als Tischler. Bald nach der Ankunft wurde vor der Nase, 100 Meter vor dem neuen Reihenhaus, die Mauer errichtet. Jahrzehntelang lebte Anton M. im Sperrbezirk: „Wir haben uns daran gewöhnt“, sagt er. „Man hat das hingenommen, das war unsere Welt.“ Und ergänzt: „Es ist keiner verhungert. Man kann lange über Vor- und Nachteile diskutieren.“

In der Nacht des 9. November konnte ihn der Mauerfall nicht aus der Ruhe bringen: „Mein Sohn kam und rief: ‚Die Grenze ist offen!‘ Meine Frau ist mit ihm losgelaufen. Ich hab’ gesagt: ‚Wenn sie wirklich auf ist, ist sie morgen auch noch offen.‘ Und hab weitergeschlafen.“ Die Reisefreiheit hat er genutzt, sofort: „Ich bin nach Tirol gefahren, ins Zillertal.“ Heute, sagt Anton N., machen ihn die deutlich erhöhten Preise zu schaffen, „mit meiner bescheidenen Rente“.