Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 01.03.2015


Gesellschaft

Gleichstellung: Utopien und Hoffnungen

Gemeinsam stark: Vertreterinnen von rund 30 Tiroler Institutionen und Organisationen, Schülerinnen und Einzelkämpferinnen gründeten eine Plattform. Ein deutliches Signal vor dem Internationalen Tag der Frau.

© Andreas Rottensteiner / TTSprecherinnen der Gruppe (v. l.): Marcela Duftner, Monika Jarosch und Derya Kurtoglu.



Von Michaela Spirk-Paulmichl

Innsbruck – Erstmals in Tirol haben sich Frauen unterschiedlicher Herkunft und Religionen, mit oder ohne Behinderung, Politikerinnen, Studentinnen, Arbeiterinnen und viele andere in dieser Breite und Vielfalt zusammengetan. Die neu gegründete „Frauenvernetzungsgruppe für Begegnung und Austausch“ ist als Aufruf zu verstehen: „Alles, was uns gesellschaftlich trennen soll, macht uns politisch stark, wenn wir uns vernetzen, gemeinsam auf die Straße gehen, uns solidarisieren!“

Gemeinsam stark – mit finanzieller Unterstützung der Stadt Innsbruck und des Landes Tirol –. das ist ebenfalls ein deutliches Zeichen, wie die drei Sprecherinnen der Vernetzungsgruppe sagen: die Juristin Monika Jarosch, Obfrau des Arbeitskreises für Emanzipation und Partnerschaft (AEP), die Politikerin Marcela Duftner (Grüne Innsbruck) und die Erziehungswissenschafterin Derya Kurtoglu (Frauen aus allen Ländern).

Erste gemeinsame Aktion ist die Herausgabe eines Folders mit aufei­nander abgestimmten Veranstaltungen zum diesjährigen Internationalen Frauentag am nächsten Sonntag, 8. März. Auf dem Titelbild: jubelnde Frauen vor der Annasäule, in der Hand ein Plakat mit der Aufschrift „Endlich! Frauen verdienen 30 Prozent mehr als Männer“. Eine provokante Anspielung darauf, dass Frauen in Österreich zuletzt rund 30 Prozent weniger für ihre Arbeit bekamen, derzeit sind es noch 22,7 Prozent. Einkommensgerechtigkeit ist eine wesentliche Forderung aller Frauenorganisationen.

„30 Prozent mehr – das ist natürlich eine Utopie“, sagt Monika Jarosch. So weit werde es nie kommen, „das wäre auch eine Benachteiligung der Männer“. Es gibt viele Studien, die untersuchen, weshalb Frauen weniger verdienen. Als Gründe werden Teilzeitarbeit oder die niedrige Entlohnung in Branchen, in denen Frauen vorwiegend tätig sind, angeführt. „Aber es bleibt immer auch ein Bereich übrig – etwa 20 Prozent –, der rational nicht erklärbar ist, sondern allein auf das Geschlecht zurückzuführen ist.“

Eine weitere Utopie: „Jede Frau und jeder Mann soll nach den eigenen Lebensentwürfen leben können, niemand soll unterdrückt oder behindert werden“, sagt Jarosch. „Aber wenn ich nicht die Hoffnung hätte, dass auch etwas erreicht werden kann, dann hätte ich in den 25 Jahren beim AEP längst aufgegeben.“

„Es geht darum, präsent zu sein“, sagt Derya Kurtoglu. „Frauen sollen in ihrer Vielfalt, ihren unterschiedlichen Anliegen und Forderungen sichtbar sein.“ Gesellschaftliche Benachteiligungen – Frauen mit Migrationshintergrund seien besonders betroffen – müssten offen zur Sprache gebracht werden.

„Frauen sind die größte Bevölkerungsgruppe“, sagt Marcela Duftner. Aber sie seien nicht entsprechend vertreten – in der Politik, in führenden Positionen in Unternehmen oder an Universitäten. „Das ist der Skandal: Diskriminierung, die auf nichts anderes zurückzuführen ist als auf das Geschlecht.“ Trotzdem habe sich in letzter Zeit viel getan: „Die Hälfte der Mitglieder in der Landesregierung sind Frauen.“

Höhepunkt der Veranstaltungsreihe zum Internationalen Frauentag ist eine gemeinsame Demonstration am 7. März, 14 Uhr, in der Innsbrucker Maria-Theresien-Straße. Ein gemeinsamer Wunsch: Die Vernetzung soll unterdessen weitergehen, „weil jede soll gehört werden“.

Benachteiligung

Einkommen: Die Forderung nach Einkommensgerechtigkeit ist so alt wie die Frauenbewegung selbst. 2014 verdienten Frauen in Österreich noch immer um 22,7 % weniger als ihre männlichen Kollegen. Dabei sind sie bei den Bildungsabschlüssen auf der Überholspur. Österreich steht mit dem „Gender Pay Gap“ – dem Einkommensunterschied zwischen den Geschlechtern – EU-weit auf dem vorletzten Platz.

Pension: Teilzeit und atypische Beschäftigung nehmen zu, Altersarmut von Frauen ist die Folge. Männer beziehen in Tirol eine um durchschnittlich 47,2 % höhere Pension.

Macht: Der Frauenanteil im Tiroler Landtag beträgt 30,6 %, in den Gemeinderäten 16,4 %. Es gibt 268 Bürgermeister und elf Bürgermeisterinnen (3,9 %). Bei der Verteilung der Macht liegt Österreich auf Platz 23 im Ranking der 27 EU-Mitgliedsstaaten.