Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 19.04.2015


Gesellschaft

„Breite Schultern machen’s nicht aus“

Seit Freitagnacht fährt in den Nightlinern der IVB die Security und damit Sicherheit mit. Ein Lokalaugenschein auf vielen Rädern.

© zeitungsfoto.atDie IVB-Nightliner mit den Fahrern, kurz nach Mitternacht geht’s los. Rechts Polizeipräsenz mit Hund am Bahnhof, die Galerie ist jetzt nachts geschlossen.



Von Michaela Spirk-Paulmichl

Innsbruck – „Tut’s bitte aufpassen“, haben die besorgten Eltern den zwei Mädchen aus Kufstein, 19 und 22 Jahre alt, als Ratschlag mit auf den Weg gegeben. Die beiden kommen gerade – es ist etwa 23 Uhr – am Hauptbahnhof an, von hier aus geht’s ins Innsbrucker Nachtleben. „Es ist nicht so, dass ich mich fürchte“, sagt die Jüngere, Bettina. Aber nachts sei da schon so ein Gefühl des Unwohlseins. Um Männer, vor allem betrunkene, machen sie einen Bogen. Egal, woher diese stammen. Jennifer: „Man hört doch einiges.“

Etwas später geht Alexandra (47) mit ihrer Tochter Patricia (18) gerade zum Bus, der nach Völs fährt. „Die Situation am Bahnhof ist schon beängstigend geworden“, sagt die Mutter, das gehe schon am Abend los. Die unübersehbare Präsenz der Polizei und ab diesem Abend auch jene der von den Innsbrucker Verkehrsbetrieben (IVB) beauftragten Security-Leute findet sie beruhigend. Auch wenn das Problem dadurch sicher nur verlagert werde.

Zwei Studenten, die nach Vorarlberg wollen, überlegen gerade, wie sie die nächsten zwei Stunden überbrücken. Ihr Zug hat wegen einer Bombendrohung am Wiener Westbahnhof große Verspätung. Kontrolle sei wichtig, sagen die beiden, schließlich habe man schon viel über Schlägereien gehört. Dass es sich dabei vor allem um Nordafrikaner handle, sollte aber nicht zu einer Hetzpropaganda führen, von der manche auch noch profitieren, sagt Matthias (27).

An diesem Abend ist es sehr ruhig, die Sperre der Galerie mit den Bänken im Bahnhofsgebäude und die Präsenz der vielen Männer mit den breiten Schultern tragen Ihres dazu bei. „Aber das allein macht‘s nicht aus“, sagt Marcel Achs nach der Teambesprechung mit seinen Leuten vom privaten Sicherheitsdienst. „Man sollte schon mit Köpfchen arbeiten.“ Das Training beinhalte neben Erste-Hilfe-Maßnahmen auch den richtigen Umgang mit Personen in schwierigen Situationen. Jetzt verteilen sie sich am Bahnhofsvorplatz, später steigen sie jeweils zu zweit in die fünf Nightliner, die im Raum Innsbruck unterwegs sind.

„Der tägliche Wahnsinn am Bahnhof“, sagt Markus Kober, einer der IVB-Nightliner-Fahrer, mit Blick auf den Bussteig. Ein sichtlich angetrunkener Mann mit Jägerhut und Backenbart singt ein Heimatlied, der Text ist unverständlich. Auch andere schwanken, einige wohl auch vor Müdigkeit. Wie der Mann, der gerade von der Arbeit kommen dürfte. Eine Gruppe fröhlicher Schüler ist unbeeindruckt. Gemeinsam fühlen sie sich sicher oder, wie Lara (15) zu ihrem Freund (16) sagt: „Du bist groß und stark, da passiert nichts.“

In den Nightliner „N2“ vom O-Dorf zur Technik steigen jetzt die ersten Fahrgäste ein, junge Leute, ein älteres Paar. Kurz vor der Abfahrt springen ein paar ausländische Jugendliche in den Bus. Einer der beiden Security-Leute folgt ihnen nach hinten, sie steigen bei der nächsten Haltestelle wieder aus. „Das sind auch nur Menschen“, sagt Dusan Kovacevic, der bosnische Fahrer. „Sie kommen aus einer anderen Kultur, haben keine Schulbildung.“ Viele andere sind da weniger tolerant. Eine Haltestelle weiter warten einheimische Jugendliche, einer liegt bewegungslos am Boden. „Ist er betrunken?“, fragt Dusan. „Ja.“ Der Fahrer bedauert. Schließt die Tür. Er hat Angst, dass sich der Bursch erbricht und der Bus dadurch für eine halbe Stunde ausfällt. „Morgen kommen dann die Beschwerden.“ Ein Rettungseinsatz scheint in diesem Fall ohnehin eher angebracht. Bis 5 Uhr dauert der Job der Fahrer und der Security. Schon gegen 2 Uhr steigt ein Bursch in den Nachtbus nach Zirl. Er ist leichenblass – und etwas später dankbar für ein Nylonsackl und ein paar Taschentücher.

Polizeipräsenz mit Hund am Bahnhof.
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Die Galerie ist jetzt nachts geschlossen.
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