Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 08.05.2015


Zweiter Weltkrieg

Lermoos und Grän unter Beschuss

Zwei Außerferner Gemeinden, die in Flammen aufgegangen waren, gedachten der Ereignisse der letzten Tage des 2. Weltkriegs. 24 Gräner fanden den Tod, elf Tote waren in Lermoos zu beklagen.

© Hans Senn jrEin Archivbild zeigt Einschläge in Grän, die 24 Menschen das Leben kosteten.



Von Hans Nikolussi und Erich Papp

Grän, Lermoos – Erinnern an unheilvolle Tage war vor Kurzem der bitterernste Hintergrund einer Gedenkfeier in Grän im Tannheimer Tal. Eine Fotoausstellung, ein von Sa­brina Lang als Schattenspielerin vorgelesenes, nach vielen von ihr zusammengetragenen Fakten „rekonstruiertes“ Tagebuch mit Fotomaterial einer Gränerin aus jenen Tagen, von Schülern der NMS Tannheimer Tal unter Geschichtslehrer Toni Guthein­z vorgelesene 20 Interviews mit Zeitzeugen und die Darbietungen des Männergesangsvereins Nesselwängle zogen die rund 300 Gräner im Gemeindesaal in ihren Bann.

An der Aufarbeitung der Geschichte unter dem Titel „Ein Dorf brennt“ waren noch Ortschronist Sepp Tausche­r, Christian Rief und Bürgermeister Martin Schädl­e maßgeblich beteiligt. Aus einem Interview der Schülerin Madelein­e Fiegenschuh mit dem Zeitzeugen Ambros Wötze­r: „Die Bevölkerung war angehalten, Schanzarbeit zu verrichten. Der nationalsozialistische Terror war noch allgegenwärtig. Der Ortsgruppenleiter von Schattwald, des Heinrichle, ordnete unter anderem an, einen Baum stehen zu lassen. An dem werden die aufgehängt, die nicht an den Endsieg glauben, lautete seine Drohung.“ Man unterhielt sich nur noch unter vorgehaltener Hand. Das war bezeichnend für die damalige ,Stimmung‘ im Tal.“

In jenen letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs, am 29. April 1945, standen die amerikanischen Truppen in Pfronten. Widerstand auf Tiroler Seite, vom fanatischen Ortsgruppenleiter und versprengten SS-Mitgliedern und Soldaten unter Waffengewalt gefordert, hatte mehr als harte Konsequenzen. Die Amerikaner nahmen das Dorf in den Bergen unter Artilleriebeschuss. Als die geflüchtete Bevölkerung am Morgen des nächsten Tages mit weißer Fahne zurückkehrte, war das Ausmaß der Zerstörung sichtbar. 15 von insgesamt 45 Häusern, darunter die Schule und die Sennerei, waren bis auf die Grundmauern ausgebrannt. Beinahe jedes Haus und auch die Kirche wurden durch den Angriff beschädigt. 24 Menschen, darunter der Gräner Bürgermeister und drei weitere Einheimische, fanden den Tod. Mehr als fünfzig Stück Vieh verbrannten an der Kette. Der Ortsgruppenleiter soll Erzählungen nach im Engetal mit gespaltenem Schädel aufgefunden worden sein.

Ohne Schuldzuweisungen, durch nüchterne Fakten belegt, wurde mit diesem Gedenktag beispielhaft ein schrecklicher Teil der Dorfgeschichte aufgearbeitet und dokumentiert.

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Praktisch zeitgleich gedachte auch Lermoos der letzten Kriegstage vor 70 Jahren. Pfarrer Tomasz Kukulk­a zelebrierte eine Gedenkmesse. Es brannten elf Kerzen für die Toten vom 30. April 1945. Die Gemeinde blieb von Kriegshandlungen nicht verschont, denn auch hier hatten deutsche Soldaten noch auf die aus Bichlbach anrückenden Alliierten gefeuert. Während sich die Angehörigen der Wehrmacht in Richtung Biberwier aus dem Staub machten, traf die „Antwort“ der Amerikaner die Lermooser voll. In den Ortsteilen Gries und Untergarten wurden mehrere Häuser beschossen, 15 brannten gänzlich nieder. Neun Ziviltote galt es zu beklagen. Am 30. April wurde in der Maria-­Opferungskapelle der Toten in Obergarten gedacht. Die Familie von Bürgermeisterin Maria Zwölfer war auch betroffen.

Karl Mott ist Zeitzeuge der 70 Jahre zurückliegenden Ereignisse. Damals 26 Jahre alt, ein Kriegsverwundeter, lebte er mit seiner Mutter Notburg­a und weiteren Verwandten im Ortsteil Untergarten. Am 29. April begannen die deutschen Truppen ihren Rückzug aus Untergarten, da die Amerikaner im Anmarsch waren. Am Abend kam es zu ersten Einschüssen der Amerikaner am ‚Lichten Berg‘. Noch in der Nacht verließ Karl Mott mit seiner Mutter, seinem Bruder Franz mit Frau und einigen Nachbarn das Heimhaus und sie flüchteten ins Gartner Tal. Nebel und Schneefall erschwerten jene Flucht, die dem heute fast 96-Jährigen nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Die schrecklichen Ereignisse haben sich bei ihm eingebrannt. Die Bevölkerung wurde unter Beschuss genommen, Menschen starben, Häuser gingen in Flammen auf.