Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 21.04.2016


Erdbeben

Nepal, ein Jahr später: Lichtblicke zwischen all dem Leid

Ein Jahr nach der größten Katastrophe in der Geschichte Nepals mit 8800 Toten liegen noch viele Dörfer in Trümmern, die Menschen sind traumatisiert. Trotz internationaler Hilfe hat das Erdbeben alles verändert.

Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben liegt in den betroffenen Gebieten Nepals noch vieles im Argen. Der Wiederaufbau wird noch Jahre dauern.

© Denise DaumEin Jahr nach dem verheerenden Erdbeben liegt in den betroffenen Gebieten Nepals noch vieles im Argen. Der Wiederaufbau wird noch Jahre dauern.



Von Denise Daum

Kathmandu – Schreie. Panik. Tote Menschen. Die Hochzeitsfeier am 25. April 2015 in dem nepalesischen Bergdorf Kumpur erfuhr ein jähes, bitteres Ende. „Eine Minute lang hat die Erde gebebt. Ich hatte Angst um meine Kinder und die Tiere. Ich sah, wie Häuser einstürzen und Menschen sterben“, erzählt eine Bewohnerin. Sie hatte Glück. Ihren Kindern ist nichts passiert, auch die Tiere haben überlebt. Trotzdem ist in dem Dorf rund 100 Kilometer westlich der Hauptstadt Kathmandu nach dem verheerenden Erdbeben, an dessen Folgen rund 8800 Menschen sterben, nichts mehr, wie es war.

Bei einem Besuch ein Jahr nach dem Erdbeben zeigt sich schnell, dass Nepal so viel mehr ist als der Himalaya mit seinen Achttausendern und den unzähligen Wanderern und Bergsteigern. Nepal ist das verstohlene Lächeln eines Mädchens, das in der Tür einer heruntergekommenen Hütte steht. Nepal ist der Dreck und der Smog in Kath­mandu, der einem die Luft zum Atmen nimmt. Nepal ist die ausgestreckte Hand eines Buben in zerrissenen Kleidern. Nepal ist die Schicksalsergebenheit einer hochschwangeren Feldarbeiterin. Nepal ist ein Hupkonzert auf kaputten Straßen. Nepal ist die Dankbarkeit und Freude in den Augen jener, die Hilfe und ein offenes Ohr erfahren.

Neugierde auf beiden Seiten: Westliche Besucher, noch dazu mit Fernsehkamera, hat es wohl noch nie in das Dorf Kumpur verschlagen.
Neugierde auf beiden Seiten: Westliche Besucher, noch dazu mit Fernsehkamera, hat es wohl noch nie in das Dorf Kumpur verschlagen.
- Denise Daum

Und weil Nepal auch bittere Armut ist, waren bereits Hilfsorganisationen vor Ort, als vor einem Jahr die tödlichste Katastrophe in der Geschichte des Landes passierte. Die Organisationen haben sofort ihre Arbeit von Entwicklungshilfe auf Katastrophenhilfe umgeschaltet. Eine Herausforderung, wie Reinhard Trink von Care Östereich erklärt: „Das schnelle Reagieren, der Kauf von Hilfsgütern und deren Transport zu organisieren, ist nach einer Katastrophe in dieser Dimension eine Herausforderung. Die Kollegen vor Ort haben ununterbrochen bis zum Umfallen gearbeitet.“ Die Hilfsorganisation hat im ersten Jahr fast 200.000 Betroffene erreicht und über 23 Millionen Euro für Soforthilfe aufgebracht. Die Katastrophenhilfe ist auf drei bis fünf Jahre angelegt, insgesamt 35 Millionen Euro sind dafür vorgesehen. „Der Wiederaufbau wird uns noch länger beschäftigen“, erklärt Trink.

Care ist auch im Dorf Kumpur präsent, wo das Erdbeben während der Hochzeitsfeier einen Großteil der Häuser dem Erdboden gleichmachte. Dort hat die Hilfsorganisation eine Geburtsstation errichtet. Auch sie wurde beim Erdbeben zerstört, konnte mittlerweile aber wieder in Betrieb genommen werden. Rund ein Dutzend Frauen, entweder schwanger oder mit Neugeborenen in ihren Armen, sitzen vor dem einfachen Gebäude mit nur einem Behandlungsraum. Die Frauen aus den umliegenden Dörfern haben einen langen, beschwerlichen Weg zurückgelegt, um die Station zu erreichen. Jede von ihnen hat ihre eigene Geschichte zur erlebten Erdbebenkatastophe. Was sie eint, ist ihre Schicksalsergebenheit. Warum die Natur sie derart hart getroffen hat, verstehen sich nicht.

Von weit her kommen Mütter mit ihren Babys in die Krankenstation Salang.
Von weit her kommen Mütter mit ihren Babys in die Krankenstation Salang.
- Denise Daum

Dankbar zeigen sich die Frauen für die erfahrene Hilfe und den Wiederaufbau der Geburtsstation, die ihnen ein Gefühl von Sicherheit gibt. Ein Krankenhaus ist kaum zu erreichen, schwere Komplikationen bei der Geburt kommen einem Todesurteil gleich. Ein Auto besitzt hier niemand. Während der Monsunzeit sind die Bewohner der Siedlungen rund um Kumpur völlig auf sich allein gestellt. Braucht man in der Trockenzeit bis zu zwei Stunden, um über den holprigen, gefährlichen Bergweg in das Dorf zu gelangen, ist es während des Monsuns mit seinen heftigen Regenfällen gar nicht zu erreichen. Das ist nur eine der Schwierigkeiten beim Wiederaufbau.

Im Luftlinie nur wenige Kilometer, aber einige Autostunden entfernten Dorf Salang betreut Care eine Krankenstation. Hier hält regelmäßig ein Arzt Ordination. Der hatte es anfangs gar nicht leicht, wie eine alte Dorfbewohnerin erzählt. Er musste sich das Vertrauen erst erarbeiten. „Früher gingen die Menschen zum Heiler. Warum auch immer man ihn konsultierte – er opferte ein Huhn“, erinnert sich die Alte zurück. Der Doktor und die Krankenschwestern können nun mehr ausrichten. Vor der Gesundheitsstation sitzt eine junge Frau erschöpft auf einem schmutzigen Plastikstuhl. In ihren Händen hält sie ein winziges in Decken gehülltes Baby. Eine der freiwilligen Helferinnen streicht dem Neugeborenen sanft über den Kopf und lächelt zufrieden. „Das Mädchen war eine Frühgeburt. Sie ist über den Berg“, erklärt die Krankenschwester.

Kumpur wurde beim Erdbeben schwer getroffen.
Kumpur wurde beim Erdbeben schwer getroffen.
- Denise Daum

Zurück in Kumpur tragen Kinder auf ihren Rücken Stroh ins Dorf. Ein alter zahnloser Mann mit eingefallenen Wangen und nacktem Oberkörper hämmert zwei Bretter aneinander. Der heiße Wind wirbelt den sandigen Boden zu einer Staubwolke auf. Die Bewohner arbeiten ein Jahr nach dem Erdbeben noch immer daran, die Schäden an den Häusern zu reparieren. Die Wunden, die das Erdbeben in ihre Seelen gerissen hat, werden noch viele Jahre bleiben.

Drei Fragen an Josef Einwaller

Der Innsbrucker Josef Einwaller hat das Erdbeben in Nepal unverletzt überlebt — und sofort eine Spendenaktion gestartet.

Was konnten Sie bislang mit Ihrem Engagement in Nepal erreichen?

Wir haben im Dorf Nowakot zwei temporäre Schulen für 500 Kinder gebaut und Brücken ins Rolwaling Valley geschaffen, ein Sherpa-Tal auf 4000 Metern, das durch das Erdbeben von der Außenwelt abgeschnitten war. Am Jahrtag eröffnen wir zudem einen Kindergarten.

Damit ist Ihr Einsatz in Nepal aber noch nicht beendet?

Nein, die Schulen in Nowakot werden nun erdbebensicher und winterfest gemacht. Ich bin auch mit der Pädagogischen Hochschule Tirol im Gespräch, um Studenten und Lehrer dorthinzuschicken. Im Rowaling-Tal bauen wir gerade ein Krankenhaus, da muss ich für den laufenden Betrieb Geld auftreiben.

Das Erdbeben hat auch eine Lawine am Everest ausgelöst, im Basislager wurden 22 Menschen in den Tod gerissen. Hat das Spuren hinterlassen?

Die Götter sind sauer, sagen die Einheimischen. Heuer sind weniger Leute im Everest-Gebiet, auch die Agenturen sind noch zurückhaltend. Das schadet vielleicht gar nicht.