Letztes Update am Do, 25.08.2016 07:07

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Italien

Trümmer und Tränen: Mindestens 247 Tote bei Erdbeben in Italien

Völlig zerstörte Häuser, unter den Dutzenden Toten sind auch viele Kinder. Das Beben der Stärke 6,2 hatte sein Epizentrum nordöstlich von Rom. Zwei Bergdörfer wurden praktisch völlig zerstört.

Völlig erschöpfte Rettungskräfte in Amatrice. Die Bergungsversuche dauerten durch die ganze Nacht an.

© ReutersVöllig erschöpfte Rettungskräfte in Amatrice. Die Bergungsversuche dauerten durch die ganze Nacht an.



Arquata del Tronto – Bei einem Erdbeben der Stärke 6,2 in der Nacht auf Mittwoch in Mittelitalien sind mindestens 247 Menschen ums Leben gekommen. Die provisorische Zahl der Opfer stieg am Donnerstagmorgen laut Angaben der Nachrichtenagentur Ansa. Viele Menschen würden aber noch vermisst.

Es gehe um Lebensgeschichten, Menschen und Familien, sagte Premierminister Matteo Renzi am Mittwochabend. „Es ist ein grenzenloser Schmerz.“ 368 Verletzte und Kranke seien seit dem Morgen aus der Gegend der stark betroffenen Orte Amatrice und Accumoli weggebracht worden. Italien stehe nun solidarisch zusammen, um die großen Herausforderungen nach dem Erdbeben zu meistern.

Rettungskräfte befreien einen Mann aus den Trümmern seines Hauses in Amatrice.
Rettungskräfte befreien einen Mann aus den Trümmern seines Hauses in Amatrice.
- Reuters

„Wir lassen niemanden alleine“

In Amatrice sprach Renzi mit Koordinatoren des Zivilschutzes und dankte den Rettungseinheiten für ihren Einsatz. Er versicherte, dass es bei der Versorgung der Bevölkerung zu keinen Engpässen kommen werde. „Wir lassen niemanden alleine“, hatte Renzi zuvor in einer kurzen Erklärung in Rom betont. Es gehe nun vor allem darum, weitere Opfer aus den Trümmern zu retten. Als Soforthilfe stellte die Regierung 235 Millionen Euro bereit. Staatspräsident Sergio Mattarella unterbrach einen Aufenthalt in seiner Heimatstadt Palermo und kehrte nach Rom zurück, um sich vom Zivilschutz über die Entwicklungen im Erdbebengebiet informieren zu lassen.

Kaum ein Gebäude in Amatrice blieb beim Erdbeben im August unbeschädigt.
Kaum ein Gebäude in Amatrice blieb beim Erdbeben im August unbeschädigt.
- APA/AFP/FILIPPO MONTEFORTE

200 Erdstöße wurden am Mittwoch in den italienischen Regionen Latium, Umbrien und Marke registriert. Nach dem schweren Erdstoß um 3.36 Uhr, dessen Magnitude die ZAMG (Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik) in Wien mit 6,2 angab, seien u.a. weitere sechs Beben zwischen Stärke 4 und 5 gemeldet worden, teilte der italienische Zivilschutz mit. Außerdem wurden rund 70 Beben mit einer Stärke zwischen 3 und 4 gezählt. Es wurde mit weiteren Nachbeben in den kommenden Tagen gerechnet.

Eine Luftaufnahme der Feuerwehr zeigt das völlig zerstörte Amatrice.
Eine Luftaufnahme der Feuerwehr zeigt das völlig zerstörte Amatrice.
- Vigili del Fuoco/Reuters

Inzwischen bereiteten sich die Bewohner des Erdbebengebiets auf eine schwierige Nacht vor. Tausende Menschen wurden obdachlos. In dem Bergdorf Accumoli, in dem es mehrere Tote gab, wurden Zelte für 2.000 Personen aufgeschlagen. Alle Einwohner in der ebenfalls betroffenen Gemeinde Arquata mussten ihre Häuser verlassen.

Drei Nonnen, die in der Nähe von Amatrice in einem Kloster wohnten, konnten lebend aus den Trümmern des Gebäudes geborgen werden. Zwei Ordensschwestern wurden ins Spital eingeliefert, eine weitere wurde wegen leichter Verletzungen behandelt. In dem Kloster hatten sich weitere sieben Personen aufgehalten. Von vier Senioren fehlte jegliches Lebenszeichen.

Bei der Naturkatastrophe kamen mehrere Kinder ums Leben. Feuerwehrmannschaften bargen in Amatrice die Leichen von zwei kleinen Mädchen und ihrer Mutter, berichteten italienische Medien. Ein Siebenjähriger aus der Gemeinde erlag in einem Krankenhaus seinen schweren Verletzungen, sein Zwillingsbruder überlebte. In Arquata kamen zwei Urlauberkinder aus Rom ums Leben.

Ein Mann in den Ruinen seines Hauses in Amatrice.
Ein Mann in den Ruinen seines Hauses in Amatrice.
- APA/AFP/FILIPPO MONTEFORTE

Unterstützung aus dem Ausland

Die Bergungsarbeiten gestalteten sich schwierig. In der Region gibt es viele kleine Orte, die schwer zu erreichen sind. Straßen waren durch Geröll blockiert. Auch ein Krankenhaus und ein Katastrophen-Koordinations-Center wurden schwer beschädigt. Laut der Expertin Anna Scolobig von der ETH Zürich, die mit dem IIASA-Institut (International Institute for Applied Systems Analysis) zusammenarbeitet, ist das Hauptproblem in dem immer wieder von Erdbeben getroffenen Gebiet, dass die Häuser nicht stabil genug gebaut sind. Etwa 23 Millionen Italiener leben demnach in Gefahrenzonen. 60 Prozent der Gebäude in diesen Gebieten sind nicht erdbebensicher gebaut.

Zahlreiche Staatschefs aus dem Ausland, darunter US-Präsident Barack Obama, kondolierten Italien wegen der Katastrophe. Aus vielen Ländern gingen Zusagen für Unterstützung ein. „Wir bieten unsere bestmögliche Unterstützung an“, schrieb Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) auf Twitter an seinen italienischen Amtskollegen Paolo Gentiloni. Auch österreichische Hilfsorganisationen leisteten über italienische Partnerorganisationen Unterstützung. (APA)

Schwere Erdbeben in Italien

20. Mai 2012: Durch Erdstöße in der Region Emilia Romagna kommen 27 Menschen ums Leben, 14.000 werden obdachlos.

6. April 2009: Ein schweres Beben reißt in der mittelitalienischen Region Abruzzen mit ihrer Hauptstadt L‘Aquila rund 300 Menschen in den Tod. Nach Stößen mit einer Stärke von mehr als 6,0 sind Zehntausende obdachlos.

31. Oktober 2002: Unter Erdstößen der Stärke 5,4 bricht eine Volksschule in der Kleinstadt San Giuliano di Puglia zusammen. Unter den 30 Toten sind 27 Erstklässler und eine Lehrerin.

26. September 1997: Ein Beben der Stärke 5,7 in den Apenninen-Regionen Umbrien und Marken beschädigt in 77 Orten etwa 9.000 Gebäude. Betroffen ist auch die Basilika von Assisi. Zwölf Menschen sterben in den Trümmern oder bei Herzinfarkten.

13. Dezember 1990: Erdstöße der Stärke 5,9 reißen 19 Einwohner in Ost-Sizilien in den Tod und machen 500 obdachlos. Besonders stark betroffen sind Syrakus und Carlentini.

11. Mai 1984: L‘Aquila und benachbarte Provinzen werden von einem Erdbeben der Stärke 5,2 heimgesucht. Drei Menschen sterben, 27.000 werden obdachlos. Rund 150 Kirchen und andere historische Bauten werden schwer beschädigt.

23. November 1980: Mindestens 3.000 Menschen sterben, als in Neapel und 100 weiteren Orten der Region Kampanien die Erde bebt. Die Erdstöße erreichen die Stärke 6,5.

6. Mai 1976: Ein Beben mit der Stärke 6,5 erschüttert die Region Friaul. Etwa 980 Menschen werden getötet. Zehntausende werden obdachlos. Besonders betroffen ist das Kanaltal.