Letztes Update am Do, 25.08.2016 14:16

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Erdbeben in Italien

„Keine Kultur der Prävention“: Kritik an Bauqualität in Italien

Nach dem Erdbebenunglück mit Hunderten Toten und Verletzten wird Kritik an der italienischen Baukultur laut. Erdbebensicher seien nur die wenigsten Gebäude.

In Pescara del Tronto hinterließ das Erdbeben eine Spur der Verwüstung.

© REUTERSIn Pescara del Tronto hinterließ das Erdbeben eine Spur der Verwüstung.



Rom/Arquata de Tronto – Nach dem verheerenden Erdbeben in Mittelitalien in der Nacht auf Mittwoch haben Experten scharfe Kritik an der Qualität der Bausubstanz in Gebieten mit erhöhtem Erdbeben-Risiko geübt. In Italien gebe es keine Kultur der Prävention, beklagte der nationale Verband der italienischen Geologen.

Auf Erdbeben wird reagiert, nicht vorgesorgt

Italien müsse sich an Kalifornien und Japan ein Beispiel nehmen, die mit dem Problem wiederholter Erdbeben leben und massiv in die Sicherheit der Gebäude investiert haben, meinten angesehene Experten.

Der Vulkanologe und Erdbebenexperte Enzo Boschi kritisierte, dass in Italien nur nach schweren Erdbeben nach erdbebensicheren Standards gebaut werde. Er brachte das Beispiel der umbrischen Stadt Norcia. Hier waren bei einem Erdbeben 1979 fünf Menschen ums Leben gekommen. Danach wurden Häuser nach modernsten Sicherheitsstandards neu aufgebaut. Die umbrische Kleinstadt hat bei dem Erdbeben am Mittwoch kaum Schäden erlitten.

Hälfte der Bevölkerung lebt in gefährdeten Gebieten

Fast 26 Millionen Menschen leben in Italien in Gebieten mit erhöhtem Erdbeben-Risiko, das sind 45 Prozent der Bevölkerung, berichteten italienische Medien. Sieben Millionen Gebäude sind gefährdet, sollte es zu einem stärkeren Erdstoß kommen. 80.000 öffentliche Gebäude wie Schulen und Krankenhäuser wurden nicht nach den modernen Sicherheitsstandards errichtet.

Auch wenn es keine hundertprozentige Erdbebensicherheit geben könne, so kenne die Wissenschaft doch Mittel und Wege, die Situation wesentlich zu verbessern, betonten italienische Experten. Das Wissen sei vorhanden, woran es fehle sei die Umsetzung. Dabei seien nicht so sehr Neubauten das Problem, als vielmehr ältere Gebäude oder Brücken. Die Experten regten an, die heimische Erdbebensicherheit mittels eines Mehrstufen-Planes zu verbessern.

Alte Gebäude abreissen?

Fachleute forderten am Mittwoch neue Maßnahmen bis hin zum Abriss von älteren Gebäuden ohne historischen Wert. Auch Länder wie Chile und die Türkei seien diesen Schritt gegangen, sagte Alessandro Amato vom Nationalen Institut für Geophysik und Vulkanologie (INGV) laut Ansa.

Antonio Piersanti vom INGV sagte, ein Erdbeben der Stärke 6 sei für den Gebirgszug Apennin ein durchaus typisches Ereignis. „Wegen des Zustands und der Verwundbarkeit von historischen Gebäuden hat ein Erdbeben wie das von Rieti eine derart katastrophale Wirkung.“ Bei neuen Gebäuden gebe es strengere Auflagen; hier seien Fortschritte gemacht worden. Sorge bereiteten aber ältere Bauten – auch aus den vergangenen Jahrzehnten. Mehr als die Hälfte aller Schulen in Italien seien etwa vor 1980 gebaut worden, hieß es beim INGV.

Ermittlungen wegen Einsturz erst renovierter Gebäude

Die Staatsanwaltschaft in Rieti leitete Ermittlungen ein. Sie sollen unter anderem Klarheit bringen, wie es zum Einsturz gerade erst renovierter Gebäude kommen konnte, etwa der Schule in Amatrice und des Glockenturms in Accumoli, schrieb die Nachrichtenagentur Ansa am Donnerstag.

Wütende Bewohner erhoben Vorwürfe gegen die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung. Betondächer seien auf Steinmauern gebaut worden, die nicht in der Lage seien, das Gewicht zu halten, schrieb die Ansa. Die Gebäude in der Region stammen teils aus dem Mittelalter. Der gesamte Apennin gilt als erdbebengefährdet. (TT.com/APA)