Letztes Update am Do, 25.08.2016 16:45

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Erdbeben in Italien

Das zerrissene Herz Italiens: Trauer und Wut nach Beben im Apennin

In Italien stehen viele Menschen vor den Trümmern ihrer Existenz, manche haben ihre ganze Familie verloren. Aber es herrscht nicht nur Trauer bei den Menschen - auch Wut und Angst breiten sich aus. Wie nur soll es weitergehen?

Das Erdbeben in Italien hat ganze Dörfer im Apennin-Gebirge zerstört. So liegt etwa der Urlaubsort Amatrice in Trümmern, ebenso Accumoli und Pescara del Tronto.

© AFP/Guardia di Finanza press offDas Erdbeben in Italien hat ganze Dörfer im Apennin-Gebirge zerstört. So liegt etwa der Urlaubsort Amatrice in Trümmern, ebenso Accumoli und Pescara del Tronto.



Amatrice - Ein verstaubtes Fotoalbum, eine Geldbörse, ein Kinderfahrrad - das ist alles, was am Tag nach der Erdbebenkatastrophe vor dem zerstörten Haus in Amatrice an die Familie erinnert. Noch bis weit in die Nacht haben Feuerwehrleute versucht, Lebende in den Trümmern zu finden - vergebens. Den Polizisten, der hier lebte, seine beiden Töchter und vier weitere Menschen können sie nur noch tot bergen. Die Frau überlebt wie durch ein Wunder. Sie wird durch das verheerende Erdbeben aus dem Haus geschleudert. Sofort danach begräbt das Dach die anderen Bewohner unter sich.

Ein Wettlauf gegen die Zeit

Das Entsetzen hat sich wie Blei auf die ganze Kleinstadt in den Abruzzen gelegt. Die Menschen blicken mit leeren Augen auf die Reste ihrer Stadt. In der Tiefgarage eines leerstehenden Hochhauses werden die Leichen hinter einer Plastikplane gesammelt. Menschen stehen davor und fragen mit bangen Augen, Polizisten blättern in Listen. Am Mittwoch um 3:36 Uhr wurde Italiens Herz zerrissen, schrieb die Zeitung „Il Messagero“. Mehr als 240 Menschen sind tot - doch das sind vorläufige Zahlen. Vor allem in Amatrice, aber auch in Pescara del Tronto und Accumoli suchen die Helfer Tag und Nacht in einem Wettlauf gegen die Zeit weiter.

Die Lage der Dörfer mitten in den Bergen erschwert die Suche enorm. Nur eine enge Straße führt bis in das 2600-Seelen Bergdorf Amatrice. „Wir kämpfen gegen die Verhältnisse“, sagt Carlo Cardinali. Wie der Feuerwehrmann aus Mailand sind rund 5400 Helfer aus ganz Italafikien in das Erdbebengebiet gekommen. Sie bauen Zeltunterkünfte, ziehen mit den Spürhunden über die Schuttreste, versorgen die Menschen mit Wasser und Lebensmitteln. Einige schlafen in Zelten, andere haben in einem Park Zuflucht gefunden.

Angst vor Nachbeben und Plünderungen

Doch vielen Menschen, vor allem den älteren, fällt es schwer, die Hilfe anzunehmen. Sie haben die kalte Nacht in ihren Autos verbracht. Sie befürchten Plünderungen. Aber auch, wenn ihre Häuser noch stehen, dürfen sie nicht zurück. Auch die Angst vor Nachbeben ist groß. Am Donnerstag zitterte die Erde mehrmals. Für Mario Gianmarco wird es wohl keinen Weg hierher zurück geben. Der Landwirt blickt erschüttert und resigniert auf sein Haus am Rande von Amatrice. „Das war‘s“, sagt er mit Tränen in den Augen. Seine Frau und sein Sohn haben auch überlebt - aber zusammen werden sie hier wohl nie wieder leben. Tiefe Risse klaffen in den Mauern, der Putz ist von den Wänden gefallen. Gianmarco sammelt seine Habseligkeiten auf der Straße, ein paar Decken, ein alter Fernseher, zwei Rollen Ziegenkäse.

Wer auf Gianmarcos Haus aus den siebziger Jahren blickt, ahnt, warum so viele Betonbauten in der Region bei einem Beben mit einer Stärke von etwas über 6 unbewohnbar wurden. Gianmarcos Haus hat kein Fundament, auch keine Säulen, die Wände tragen könnten. Andere Betonbauten fielen wie Kartenhäuser in sich zusammen, das Dach erdrückte die Bewohner.

„Italien lernt nichts aus seinen Erfahrungen“

Auch die erst vor vier Jahren gebaute Schule von Amatrice ist nur noch ein Trümmerhaufen, das Dach liegt fast auf Straßenebene. „Sie haben ein Grab gebaut“, zürnt der bekannte Journalist Bruno Vespa in einem Radiointerview. Vespa spricht aus Erfahrung. Er stammt aus L‘Aquila. Dort hatte ein Beben 2009 weite Teile der Altstadt zerstört, 309 Menschen starben. So werden in diesen Tagen die Erinnerungen an jenes verheerende Beben wach - und wieder Vorwürfe laut, Italien lerne nichts aus seinen Erfahrungen. In L‘Aquila stehen schon lange die Baukräne, doch das Zentrum mit den Palazzi aus dem 18. und 19. Jahrhundert ist noch immer eine Geisterstadt.

Korruptionsvorwürfe und Vetternwirtschaft standen am Anfang des Wiederaufbaus. „Vier Jahre haben sie gebraucht, um damit zu beginnen, vier Jahre“, beklagt sich eine Hotelangestellte, die ihren Namen nicht nennen will. Viele Menschen seien weggezogen, „sie kommen auch nie wieder“. Der damalige Ministerpräsident Silvio Berlusconi machte sich noch lustig über die Menschen in den Behelfszelten. Das Erdbeben von 2009 „hat auch ein Loch in unsere Herzen gerissen.“

Langsam bekommt die Innenstadt von L‘Aquila wieder ein Gesicht. Mit viel Geld und Detailliebe werden die Prachthäuser wieder aufgebaut. Doch viele Menschen leben noch immer entwurzelt in Provisorien am Rande von L‘Aquila.

Abriss von alten Gebäuden gefordert

Nicht nur die Dörfer, auch das soziale Gefüge wird sich in dem betroffenen Gebiet nur schwer kitten lassen. Durch die mittelalterlichen Städtchen zogen bisher im Sommer Tausende von Touristen. Ob das wieder so sein wird? Bereits jetzt fordern Experten Konsequenzen bis zum Abriss von alten Gebäuden, die keinen historischen Wert haben. Denn ein Erdbeben der Stärke 6 sei nichts ungewöhnliches für die Region, sagt Antonio Pierasanti vom Nationalen Institut für Geophysik und Vulkanologie (INGV).

Gianpaolo Rosati vom Mailänder Polytechnikum sieht das Ausmaß der Katastrophe auch als sozio-ökonomisches Problem. Die Aufrüstung eines Hauses für Erdbeben koste oft mehr als ein komplett neues Haus. Viele Privatleute scheuten die Kosten. Mühsam klettern unterdessen die Helfer über die Trümmer der Gassen von Amatrice, Rieti und Pescara del Tronto. In Amatrice ist noch immer das Schicksal von rund 35 Menschen offen, die im Hotel „Roma“ logierten. Sie wollten die Sicht auf das grüne Tal genießen.

- APA