Letztes Update am Fr, 26.08.2016 12:17

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Erdbeben in Italien

Die lange Nacht im Zeltlager von Amatrice

Der Boden schwankt, die Temperaturen sinken. Obdachlose machen sich gegenseitig Mut und hoffen, bald in ihre Häuser zurückkehren zu können.

In der Nacht sinken die Temperaturen im Zeltlager auf 5 Grad.

© AFP PHOTO / MARIO LAPORTAIn der Nacht sinken die Temperaturen im Zeltlager auf 5 Grad.



Von Micaela Taroni, APA

Arquata del Tronto – Die Überlebenden und Retter im Zeltlager von Sant‘Angelo, dem größten Unterschlupf für Erdbebenopfer der Stadt Amatrice, kommen kaum zur Ruhe. Die durch das verheerende Erdbeben obdachlosen Menschen erleben auch in der Nacht immer wieder Nachbeben, die zum Teil sehr heftig sind und die Rückkehr in die nicht eingestürzten Häuser gefährlich macht. Dennoch machen sich die Menschen gegenseitig Mut.

Helfer verteilen warmes Essen an die Betroffenen.
Helfer verteilen warmes Essen an die Betroffenen.
- AFP

Die lange Nacht beginnt für die Helfer gegen 19.30 Uhr. Sie servieren den Überlebenden Pasta mit Thunfisch und Oliven. Wer will, bekommt auch Schokolade und Kekse. Krankenpfleger ziehen durchs Lager und messen Senioren den Blutdruck. Vor einem großen Zelt des Zivilschutzes stehen mehrere Menschen Schlange. Hier werden Decken und warme Kleidung verteilt.

Hitze am Tag, Kälte in der Nacht

Ein seltsames Wüstenklima herrscht in diesen letzten August-Tagen in der zerstörten Bergortschaft am Apennin. Sengende Hitze mit fast 30 Grad tagsüber und klirrende Kälte sobald die Sonne hinter den Bergen verschwindet und feuchte Luft eintrifft. Das Thermometer sinkt nachts auf fünf Grad.

Lucio kommt aus der Provinz Frosinone südlich von Rom und gehört der katholischen Organisation „Misericordia“ (Barmherzigkeit) an. Stundenlang verstaut er Lebensmittel, Decken, Matratzen und Spielsachen in einem improvisierten Lagerraum. „Die Solidaritätswelle, die dieses Erdbeben ausgelöst hat, ist enorm. Lebensmittel sind aus ganz Italien eingetroffen. Es ist fast schon zu viel“, berichtet der ehrenamtliche Helfer. Die schlaflosen Nächte fürchtet Lucio nicht. „Ich bin es gewohnt. Schließlich war ich wochenlang auch in L‘Aquila im Einsatz. Erdbeben sind leider für uns Mitglieder des Zivilschutzes keine Seltenheit“, berichtet er.

Gegen 23.00 Uhr versammeln sich schlaflose Menschen in der Nähe der Lagerküche. Hier wird Kamillentee ausgeschenkt, die Zeltlager-Bewohner scharen sich vor einem großen Fernsehapparat, auf dem Bilder der Verwüstungen zu sehen sind. Obdachlose machen sich gegenseitig Mut und hoffen, bald in ihre Häuser zurückkehren zu können.

„Zelt ist besser als Haus“

„Mein Haus ist zwar nur leicht beschädigt worden, ich will aber die Nacht nicht allein in meiner Wohnung verbringen, ich fürchte mich vor den starken Nachbeben“, berichtet der 25-jährige Fulvio Di Gianvito im Gespräch mit der APA. „In einem Zelt kann mir nichts passieren und ich bin mit anderen Menschen zusammen. Die erste Nacht nach dem Erdbeben habe ich in meinem Auto geschlafen, im Zeltlager ist es aber besser.“

Helfer bauen das Zeltlager für die Nacht auf.
Helfer bauen das Zeltlager für die Nacht auf.
- AFP

Daniela Di Giacomo verbringt die Nacht mit einer schwarzen Katze in einem kleinen Käfig an der Seite. „Die Katze heißt Jäger, sie gehört meiner Freundin Silvia, die beim Einsturz ihres Hauses gestorben ist. Ich betreue die Katze, bis Silvias Kinder sie abholen“, erzählt Di Giacomo, die mit ihrer 90-jährigen Mutter in Amatrice lebt. Ihr Haus ist zwar beschädigt, steht aber noch. „Wir haben Glück gehabt. Alle Häuser in der Umgebung sind eingestürzt. Ich habe meine Mutter zu Verwandten nach Rom schicken können. Ich bleibe, bis ich noch einige Kleider und Medikamente aus meiner Wohnung holen kann“, sagt die Frau mit den grau-melierten Haaren.

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Nachbeben: Weitere Einstürze befürchtet

Nach Mitternacht wird es still im Zeltlager. Die Temperatur sinkt immer tiefer. In jedem Zelt schlafen sieben bis zehn Menschen. Nachtsüber schwankt der Boden immer wieder. Zwei Nachbeben sind deutlich zu spüren, leichtere folgen. Mit der Zeit überkommt die Menschen das seltsame Gefühl, als ob der Boden ständig unter den Füßen schaukeln würde, wie auf einem Schiff.

„Was für ein Knall“

Gegen 6.00 Uhr wird es allmählich hell. Die Helfer sind schon voll im Einsatz und bereiten das Frühstück vor. Vor den spärlichen Toiletten bilden sich wieder Schlangen. Gegen 6.30 bebt die Erde wieder stark. „Was für ein Knall! Ein Teil eines Gebäudes in Sant‘Angelo ist eingestürzt“, sagt Lucio. Die Feuerwehrleute lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Schließlich wird es heute noch mehrere Nachbeben geben. Die Sonne lässt sich blicken und es wird allmählich wärmer. Ein neuer Tag beginnt im Erdbebengebiet Amatrice. (APA)

Rund 300 Menschen kamen bei dem verheerenden Beben am 24. August in Mittelitalien ums Leben.
Rund 300 Menschen kamen bei dem verheerenden Beben am 24. August in Mittelitalien ums Leben.
- REUTERS