Letztes Update am Fr, 26.08.2016 14:57

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Erdbeben in Italien

Suche nach Überlebenden wird zum Wettlauf gegen die Zeit

Mit allen Mitteln suchen die Einsatzkräfte nach dem Erdbeben in Italien Überlebende in den Trümmern. Die Hoffnung schwindet.

Mit Hubschraubern, Hunden, Drohnen oder den bloßen Händen wird nach Überlebenden gesucht.

© REUTERSMit Hubschraubern, Hunden, Drohnen oder den bloßen Händen wird nach Überlebenden gesucht.



Von Micaela Taroni, APA

Arquata del Tronto – Zweieinhalb Tage nach dem schweren Erdbeben in Mittelitalien ist die Suche nach Vermissten in der Region um die Apennin-Bergstadt Amatrice voll im Gange. Mit Drohnen, Hubschraubern, Spürhunden und bloßen Händen: Feuerwehrleute, Militärs und ehrenamtliche Helfer sind rund um die Uhr im Einsatz, um Vermisste aus den Trümmern zu befreien.

Die Hoffnung, Vermisste lebend zu bergen, schwindet von Stunde zu Stunde. Cesare Caprarelli ist vor wenigen Stunden in Amatrice eingetroffen. In seinem Auto hat er eine kleine Drohne verstaut, die er selbst gebastelt hat. „Normalerweise benutze ich Drohnen für die Filmindustrie, jetzt lasse ich sie hochsteigen, um Aufnahmen des Erdbebengebiets den Rettungseinheiten zur Verfügung zu stellen“, berichtet der gebürtige Römer im Gespräch mit der APA.

Drohnen können 40 Minuten lang fliegen

Caprarelli, Gründer der in Luftaufnahmen spezialisierten Firma „Aerosteadycam“ zählt italienweit zu den erfahrensten Drohnenbauern. „Drohnen können mit Batterien circa 40 Minuten lang fliegen. Wir brauchen eine freie Fläche, um sie hochsteigen zu lassen. Sie können mittels Fernbedienung auf zwei Kilometer Entfernung gesteuert werden und erreichen dabei auch Orte, wo Menschen nicht hinkommen können. Sie liefern den Rettungsteams wichtige Informationen über die verschütteten Orte“, schildert Caprarelli.

Rettungskräfte befreien einen Mann aus den Trümmern seines Hauses in Amatrice.
Rettungskräfte befreien einen Mann aus den Trümmern seines Hauses in Amatrice.
- Reuters

Auf einer großen Wiese unweit von Amatrice ist ein Helikopter-Pilot des italienischen Heeres zum Start bereit. „Ich überfliege die Stadt, damit wir uns nach den Einstürzen infolge des letzten schweren Erdstoßes am Freitagvormittag ein Bild machen können. Wegen der ständigen Nachbeben ändert sich das Szenario Amatrices kontinuierlich. Das erschwert die Arbeit der Rettungsteams erheblich“, sagt Roberto.

Unterstützung von Hunden aus Malta

Wo Drohnen und Hubschrauber nicht hinkommen, schaffen es Ace und Mambo, zwei Border Collies, die extra aus Malta eingetroffen sind, um den Rettungsteams in Amatrice bei der Suche nach Überlebenden Hilfe zu leisten. „Als wir vom Erdbeben in Italien gehört haben, haben wir keine Sekunde lang gezögert und sind ins Flugzeug nach Rom gestiegen. Jetzt sind wir hier“, sagt John Guera, Leiter des maltesischen Spürhundeverbands „SOS Malta K9“. „Zweieinhalb Jahre braucht man, um einen Spürhund zu dressieren. Schäferhunde, Labradors und Border Collies sind besonders geeignet. Wichtig ist jedoch der volle Einklang zwischen Hund und seinem Herrn“, erzählt Guera.

14 Jahre war Guera Chef des Zivilschutzes in Malta. Jetzt stellt er seine erfahrenen Hunde für Suchaktionen in Katastrophengebieten zur Verfügung. Ace und Mambo arbeiten nicht alleine. Aus Rom ist die vierjährige Labrador-Hündin Virgola mit ihrem Herrchen Fabio Carloni eingetroffen. „Ein Stückchen Fleisch ist für Virgola die Belohnung für stundenlange Arbeit in schwierigsten Umständen. Ich war mit meinen Hunden schon im Erdbebengebiet L‘Aquila vor sieben Jahren im Einsatz. Auch bei eingestürzten Gebäuden werden meine Hunde gerufen, um mit den Rettungsmannschaften zusammenzuarbeiten“, berichtet Carloni.

Die Suche nach Überlebenden geht weiter.
Die Suche nach Überlebenden geht weiter.
- REUTERS

Wenn Virgola nicht geraden in Katastrophengebieten unterwegs ist, wird die Labrador-Hündin bei tiergestützten Therapien für Behinderte eingesetzt. „Labradore sind dank ihres gutmütigen Charakters und ihrer Geduld für Therapien besonders geeignet“, lobt Carloni. Geduld braucht Virgola ganz dringend. Denn der schwarzen Hündin steht jetzt ein langer Tag bei der Suche nach Vermissten bevor. Die Liste der verschollenen Menschen in Amatrice ist noch lang.

Schwester opferte sich

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Mädchen aus Trümmern gerettet

Für die Helfer in der italienischen Erdbebenregion liegen Freude und Trauer oft ganz nah beieinander. In dem verwüsteten Ort Pescara del Tronto ist Giorgia nach 16 Stunden lebend unter den Trümmern ihres Kinderzimmers gefunden worden - für die ältere Schwester aber, die ihre Arme um die Vierjährige geschlungen hatte, kam jede Hilfe zu spät.

Die kleine Giorgia und die neunjährige Giulia seien in enger Umarmung unter zwei Metern Geröll entdeckt worden, zitierte die Zeitung „La Repubblica“ am Freitag den Retter Massimo Caico. „Wir haben stundenlang gegraben und zunächst nichts gefunden“, sagte er. Plötzlich aber sei zunächst eine Puppe unter den Steinen aufgetaucht, und dann ein Fuß. „Er war ganz kalt. Ein ganz schlechtes Zeichen“, erinnerte sich Caico. Als der leblose Körper Giulias ausgegraben wurde, habe er aber bemerkt, dass sich die Erde daneben ganz leicht bewegte. Dann sei ein leichtes Stöhnen zu hören gewesen. „Da hat sich der Alptraum in einen Traum verwandelt“, so Caico. „Giorgia lebt!“, habe er geschrien.

Das kleine Mädchen habe den Mund voller Erde gehabt, sei aber offenbar durch den Körper ihrer Schwester geschützt worden. „Und wahrscheinlich ist irgendwie ein winziger Luftstrahl zu ihr durchgedrungen, der ausgereicht hat“, sagte der Feuerwehrmann. Sie sei praktisch unverletzt gewesen und habe gleich nach Wasser gefragt. „Wenn es Wunder gibt, dann war das ganz sicher eins.“ Die Eltern der Mädchen seien schon Stunden vorher lebend geborgen worden, sie lägen schwer verletzt im Krankenhaus. (APA)




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