Letztes Update am Mo, 29.08.2016 15:06

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Erdbeben in Italien

Milliardenkosten nach Beben: „Leckerbissen“ für die Mafia?

Ganze Ortschaften liegen in Schutt und Asche. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Schlamperei am Bau. Experten warnen vor einer Mafia-Unterwanderung.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen möglicher Schlamperei am Bau.

© REUTERSDie Staatsanwaltschaft ermittelt wegen möglicher Schlamperei am Bau.



Rom/Ascoli Piceno – Nach der Erdbebenkatastrophe mit mindestens 291Toten bereitet sich Italien auf einen milliardenschweren Wiederaufbau vor. Aus ersten Schätzungen der Regierung geht hervor, dass dieser bis zu zehn Milliarden Euro kosten könnte.

Dabei warnte der oberste Mafia-Jäger vor Korruption und Misswirtschaft. „Ohne dass ich ein vorschnelles Urteil fällen will, sehe ich, dass 2016 viele Gebäude eingestürzt sind, auch öffentliche. Zu viele“, sagte Franco Roberti der Zeitung „La Repubblica“. „Der Wiederaufbau nach einem Erdbeben ist traditionell ein Leckerbissen für Kriminelle und ihre verbündeten Geschäftspartner.“

Auch Pietro Grasso, italienischer Staatspräsident und ehemaliger Mafia-Jäger warnt vor dubiosen Geschäften. . Überall, wo es große Investitionen gebe, bestehe die Gefahr eines Eindringens der Mafia. „Aufsicht ist notwendig und die italienischen Institutionen werden dazu in der Lage sein“, sagte Grasso. Er sprach sich für die Veröffentlichung einer „weißen Liste“ von Baugesellschaften aus, die jeglichen Kontakt zur organisierten Kriminalität ablehnen.

Ganze Ortschaften in Trümmern

Nach den schwersten Erdstößen in der Nacht zum Mittwoch und vielen hundert Nachbeben liegen ganze Ortschaften in den Regionen Latium und Marken in Schutt und Asche, etwa 2.500 Menschen wurden obdachlos. Bei einem schwachen Nachbeben im Ort Amatrice gab es bei einigen Ruinen erneute einstürzende Gebäudereste.

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Papst Franziskus kündigte an, so schnell will möglich in die Erdbebenregion reisen zu wollen. Mit einem Staatsbegräbnis hatte das Land am Wochenende Abschied von den Opfern genommen. Zur zentralen Trauerfeier kamen auch Staatspräsident Sergio Mattarella und Regierungschef Matteo Renzi in die Stadt Ascoli Piceno. Vor ihnen standen 35 mit Blumen geschmückte Särge, daneben weinende Angehörige.

Nach Angaben von Forschern muss in Mittelitalien im Schnitt alle zehn Jahre mit einem Erdbeben der Stärke 6 und mehr gerechnet werden. Mehr als 50 Prozent der Privatwohnungen in Italien entsprechen nach Berechnungen des Nationalen Ingenieurrats nicht den Sicherheitsbestimmungen. Allein die Erdbebensicherung von Wohngebäuden in den am meisten gefährdeten Gegenden könnte demnach bis zu 36 Milliarden Euro kosten.

Ermittlungen wegen Schlamperei

Die Staatsanwaltschaft in den verwüsteten Regionen leitete Ermittlungen wegen möglicher Schlamperei am Bau ein. „Was da passiert ist, kann nicht nur als Unglück gesehen werden“, zitierte „La Repubblica“ Staatsanwalt Giuseppe Saieva. Bei einigen der zerstörten Häuser sei „mit mehr Sand als Zement“ gebaut worden. Vor allem der Einsturz einer neu aufgebauten, angeblich erdbebensicheren Schule in Amatrice hatte Unverständnis und Empörung ausgelöst. Ein Nachbeben der Stärke 3,7 setzte dem Gemäuer zuletzt weiter zu. Die Schule war 2012 als „erdbebensicher“ renoviert worden, sie stürzte jedoch zum Großteil beim Erdbeben am Mittwoch ein. 700.000 Euro wurden für die Renovierungsarbeiten ausgegeben. Der Bauunternehmer, der für die Renovierung der Schule durchgeführt hatte, wies die Vorwürfe zurück.

Bei dem Erdbeben in Amatrice im Vorjahr kamen 299 Personen ums Leben. (Archivbild)
Bei dem Erdbeben in Amatrice im Vorjahr kamen 299 Personen ums Leben. (Archivbild)
- REUTERS

Inzwischen nimmt die Zahl der Erdbebenopfer weiter zu. Allein in Amatrice in der Region Latium wurden mindestens 229 Menschen in den Tod gerissen. Nach etwa zehn Vermissten wurde am Sonntag in den Schuttbergen weiter gesucht. Am Dienstag wird Regierungschef Renzi zu einer Trauerfeier in dem verwüsteten Ort erwartet. In den erdbebengefährdeten Regionen sei „ohne Vernunft und Voraussicht“ gebaut worden, kritisierte der frühere italienische Regierungschef und EU-Kommissionspräsident Romano Prodi. In einem Beitrag für die Zeitung „Il Messaggero“ forderte er einen 30-Jahr-Plan für sein Land.

Flaggen auf Halbmast

Der Samstag war der Tag der Trauer in Italien. Im ganzen Land wurden die Flaggen auf halbmast gesetzt. Der Sender RAI verzichtete auf allen seinen Kanälen aus Respekt vor den Opfern auf Werbung. Der Zivilschutz sammelte über eine Spenden-SMS bis Sonntagmittag bereits 9,6 Millionen Euro.

„Habt keine Angst, euer Leid hinauszuschreien, aber verliert auch nicht euren Mut“, sagte Bischof Giovanni D‘Ercole beim Staatsakt in einer großen Sporthalle in Ascoli Piceno. Als er die Namen der 35 Toten in den Särgen vorlas, schluchzten Angehörige auf. Manchem wurde es übel, auch wegen der drückenden Hitze. „Zusammen werden wir unsere Häuser und Kirchen wieder aufbauen“, sagte der Bischof.

(Symbolfoto)
(Symbolfoto)
- REUTERS

30 Opfer noch nicht identifiziert

Zehn vermisste Personen und 30 noch nicht identifizierte Opfer - damit war Montagfrüh die Zahl von 291 Toten immer noch eine vorläufige Bilanz des schweren Erdbebens in Mittelitalien. Die Behörden bemühten sich um die Identifizierung der Leichen. Viele Urlauber hatten sich zur Zeit des Bebens in der Nacht auf Mittwoch in der Berggemeinde Amatrice aufgehalten, wo die meisten Opfer gemeldet wurden.

In der Nacht auf Montag wurden 19 Nachbeben in der Erdbebenregion gemeldet, das stärkste mit Magnitude 3,5. Seit dem verheerenden Erdbeben mit Magnitude 6,0 in der Nacht auf Mittwoch wurden mehr als 2.000 Nachbeben verzeichnet, teilten die italienischen Behörden mit.

EU signalisierte Bereitschaft

Inzwischen signalisierte die EU Bereitschaft, Italien eine Lockerung der Stabilitätskriterien zu gewähren. So könnten zusätzliche Gelder in die Erdbebensicherung von Gebäuden fließen. Italien müsse jedoch konkrete Garantien für einen Plan zur Vorbeugung von Schäden durch Beben geben. „Der Wiederaufbau muss bestmöglich erfolgen. Wir befinden uns aber noch in der Notstandsphase. Der Herbst beginnt bald, und wir müssen allen Obdachlosen eine angemessene Unterkunft garantieren“, sagte Italiens Infrastrukturminister Graziano Delrio.

600 Euro im Monat soll nach Angaben der römischen Tageszeitung „Il Messaggero“ jede Obdachlosenfamilie erhalten, deren Wohnung beim Erdbeben zerstört wurde. Wenn in der Familien Behinderte lebten, sollen zusätzliche 200 Euro gewährt werden. Für die erste Notstandsphase hat die Regierung am Donnerstag 50 Millionen Euro locker gemacht. (APA/dpa)


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