Letztes Update am Mi, 30.08.2017 14:54

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tropensturm in den USA

„Harvey“ erreicht Louisiana, nun muss New Orleans zittern

Tropensturm „Harvey“ ist in Louisiana erneut auf Land getroffen und hat mit sintflutartigem Regen die Küste erreicht. New Orleans, das 2005 von Wirbelsturm „Katrina“ verwüstet wurde, rüstet sich für die erwarteten katastrophalen Regenfälle.

Ein Gerichtsmediziner rechnet mit einem Anstieg der Opferzahlen, sobald die Straßen in Texas wieder passierbar sind.

© AFPEin Gerichtsmediziner rechnet mit einem Anstieg der Opferzahlen, sobald die Straßen in Texas wieder passierbar sind.



Houston, New Orleans – Fünf Tage nach seinem verheerenden Zug durch Texas ist der Tropensturm „Harvey“ am Mittwoch im benachbarten US-Bundesstaat Louisiana erneut auf Land getroffen. Der Sturm habe mit „sintflutartigem Regen“ westlich der Stadt Cameron die Küste erreicht, teilte das Nationale Hurrikan-Zentrum der USA mit.

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- APA

In Texas hat „Harvey“ schon katastrophale Überflutungen ausgelöst, auch in Louisiana werden nun Überschwemmungen befürchtet. „Harvey“ war vor fünf Tagen in Texas erstmals auf Land getroffen und war dann vom Landesinneren aus zurück aufs Meer gezogen. Über dem Golf von Mexiko nahm der Sturm dann erneut Feuchtigkeit auf, kehrte um und traf nun in Louisiana erneut auf die Küste.

US-Präsident Donald Trump hat für Louisiana bereits ebenso wie für Texas den Katastrophenfall ausgerufen.

New Orleans rüstet sich für schwere Regenfälle

New Orleans, das bereits 2005 von Wirbelsturm „Katrina“ verwüstet wurde, rüstet sich inzwischen für die erwarteten katastrophalen Regenfälle. Über die genaue Zahl der bisherigen Todesfälle durch „Harvey“ herrschte unterdessen Unklarheit.

Zwölf Jahre nach Wirbelsturm "Katrina" rüstet sich New Orleans für die erwarteten katastrophalen Regenfälle durch Tropensturm "Harvey".
Zwölf Jahre nach Wirbelsturm "Katrina" rüstet sich New Orleans für die erwarteten katastrophalen Regenfälle durch Tropensturm "Harvey".
- AFP

Einem Bericht des Senders CNN zufolge hat der Bundesstaat Louisiana die Zahl seiner Rettungsboote und der einsatzbereiten Hubschrauber verdoppelt. Sorgen bereitete eine bisher nicht funktionierende Großpumpe im Abwassersystem der Stadt, die dem Bürgermeister zufolge aber inzwischen von Experten repariert worden ist. Derzeit seien 107 der insgesamt 120 Pumpen in New Orleans im Einsatz.

In Texas blieb die Lage unübersichtlich. Über die genaue Zahl der Todesfälle herrschte Unklarheit. Die New York Times berichtete am Dienstagabend (Ortszeit) von etwa 30 Toten durch „Harvey“. Nach Angaben von CNN vom frühen Dienstagmorgen wurden mindestens elf Tote bestätigt. Darunter befand sich den Berichten nach ein Polizist aus Houston, der am Sonntag auf dem Weg zur Arbeit von den Fluten erfasst worden sei.

Zehntausende Menschen suchten in Notunterkünften Schutz.
Zehntausende Menschen suchten in Notunterkünften Schutz.
- AFP

„Wenn die Straßen in Texas erst einmal wieder passierbar sind, erwarte ich einen signifikanten Anstieg der Todeszahlen“, sagte ein Gerichtsmediziner der New York Times. Klarheit dürfte aber erst herrschen, wenn die Fluten zurückgegangen sind und die Bergungstrupps Zugang zu den überfluteten Häusern bekommen. In Houston verhängte Bürgermeister Sylvester Turner am Dienstagabend eine Ausgangssperre, um Plünderungen zu verhindern.

Alligatoren könnten aus Tierpark ausbrechen

Die Hochwasser-Opfer in Texas müssen nun auch noch befürchten, dass wegen des steigenden Wassers hunderte Alligatoren aus einem Tierpark ausbrechen. Denn auch der Abenteuerpark Gator Country nordöstlich von Houston wurde überschwemmt, das Wasser stieg bis kurz unter die Zäune der Alligatorengehege, wie Parkchef Gary Saurage dem Fernsehsender KFDM sagte.

„Wir wissen nicht, was wir tun sollen“, gestand Saurage ein. Die Zäune sind die einzigen Barrieren, die die rund 350 Alligatoren zurückhalten. Nur die zwei größten Alligatoren des Parks, Big Al und Big Tex, wurden sicherer untergebracht. Auch andere gefährliche Tierarten wie Giftschlangen und Salzwasser-Krokodile hatten die Mitarbeiter des Tierparks wegen des Sturms „Harvey“ vorsorglich aus ihren Gehegen in Käfige gebracht.

Alligatoren kommen im Südosten von Texas auch in freier Natur vor und können einen Menschen problemlos töten. Der Alligatoren-Beauftragte des Bundesstaates Texas, John Warren, versuchte, die Sorgen der Anrainer mit einer eher fatalistischen Äußerung zu zerstreuen. „Wenn manche ausbrechen, ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein angesichts der wild lebenden Population“, sagte Warren am Dienstag der Zeitung „Houston Chronicle“.

Außerdem würden die Alligatoren des Tierparks sich wahrscheinlich nicht allzu weit von ihrer üblichen Futterquelle weg bewegen. Er verstehe aber, dass die Furcht vor den Alligatoren „eine legitime Sorge“ sei, sagte der Reptilien-Experte.

EU hilft USA mit Lagekarten von Katastrophengebiet

Die US-Behörden dürfen zur Beurteilung der Unwetter-Schäden im Bundesstaat Texas ab sofort auch Satellitendienste der EU verwenden. Wie die EU-Kommission am Mittwoch mitteilte, können die USA nun auf Satellitenaufnahmen des „Copernicus“-Erdbeobachtungsprogramms zugreifen. Darüber ist es unter anderem möglich, Lagekarten zu erstellen, die ein detailliertes Ausmaß der Schäden zeigen.

Der in der EU für Katastrophenschutz zuständige Kommissar Christos Stylianides machte zudem deutlich, dass die EU auch in anderen Bereichen zu Hilfe bereit sei. Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini sagte: „Die Vereinigten Staaten können auf die Europäische Union zählen (...).“ Die EU wisse nur allzu gut, welch zerstörerische Kraft Naturkatastrophen haben können. (APA/dpa)

Experte: „Harvey“ bewegt sich nur sehr langsam weiter

Von seiner Stärke her sei Tropensturm „Harvey“ nicht außergewöhnlich – das Wasser, das er vom Ozean gesammelt hat, komme in Texas aber geballt herunter, weil er sich nur langsam fortbewegt. Das erklärte der Wiener Unwetterexperte Alexander Orlik auf Anfrage der APA. „Offensichtlich wurde der Sturm nach seiner Entstehung nicht so sehr in eine Höhenströmung eingebunden, dass er rasch vorankommt.“

Laut dem aktuellen Report des Weltklimarats (IPCC) würden solche Extremereignisse nicht häufiger vorkommen, ihre Intensität könnte jedoch zunehmen. „Weil die Ozeane wärmer werden, verdunstet dort mehr Wasser, das wiederum von einer wärmeren Atmosphäre besser aufgenommen werden kann“, sagte Orlik, der an der Klima-Fachabteilung der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) in Wien arbeitet. Wie sich dies auf die Gesamtenergie eines Hurrikans auswirkt, sei aber noch nicht klar, denn hier spielen auch viele andere Faktoren eine Rolle.

Sich im Vorfeld auf ein Ereignis mit dermaßen großen Windstärken und Regenmengen wie „Harvey“ vorzubereiten, sei schwierig, obwohl man Wettererscheinungen in diesem Ausmaß gut vorhersagen kann, so der Experte. Nützen würde es freilich, die Täler und Beckenlagen weniger zu besiedeln. Doch in dieser Angelegenheit würde in den USA wohl genau so wie hierzulande in der Regel politisch und nicht nach geologischen Gesichtspunkten entschieden.

Ein Ausläufer solcher tropischer Zyklone könnte auch bis nach Europa wandern, erklärte Orlik. Dieser würde sich dann praktisch wie ein „normales“ Tiefdruckgebiet verhalten, hätte aber aufgrund seines höheren Energiegehalts heftigere Auswirkungen. Außerdem würden über dem Mittelmeer manchmal sogenannte „Medikanes“ entstehen. Bei entsprechender Höhenströmung wäre es möglich, dass diese bis nach Mitteleuropa ziehen, sich festsetzen und besonders hohe Niederschläge bringen. Diese wären aber immer noch um Größenordnungen gemäßigter, als man zur Zeit in Texas beobachten kann, so der Experte.

(APA)