Letztes Update am Do, 02.08.2018 18:48

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bezirk Landeck

Arlbergstrecke bleibt gesperrt, Unwetter in Tirol weiter möglich

Überflutete Häuser, überlaufene Bäche und Muren mit einem Volumen von bis zu 100.000 Kubikmetern: Die Folgen der schweren Unwetter im Bezirk Landeck sind verheerend. Die Arlbergbahnstrecke bleibt bis Freitagabend gesperrt.

© LIEBL DanielDie Aufräumarbeiten nach den Unwettern mit Starkregen und Murenabgängen im Arlberggebiet sind am Donnerstag auf Hochtouren gelaufen.



Pettneu am Arlberg — Nach den sintflutartigen Regenfällen und Muren im Bezirk Landeck hat Bundeskanzler Sebastian Kurz finanzielle Hilfe angekündigt. Mit Mitteln aus dem Katastrophenfonds sollen die Aufräumarbeiten unterstützt werden, hieß es am Donnerstag aus dem Bundeskanzleramt gegenüber der Tiroler Tageszeitung. Auch Landeshauptmann Günther Platter sagte vollste Unterstützung seitens des Landes zu: „Sollten Häuser im Murenbereich betroffen sein, stellen wir unmittelbare Hilfe zur Verfügung."

"Dass so viel Material in solch kurzer Zeit kommt - damit hat niemand gerechnet", sagte der Pettneuer Bürgermeister Manfred Matt. An privaten Häusern seien die Schäden nicht so dramatisch wie im Gewerbegebiet von Schnann. Zwei Betriebe wurden durch Hochwasser und Schlamm in Mitleidenschaft gezogen. Durch den Rückstau der Rosanna sei nämlich Wasser in das Gewerbegebiet geronnen.

Arlbergbahnstrecke auch am Freitag noch gesperrt

Rund 180 Feuerwehrleute und zahlreiche Privatpersonen sind seit den Nachtstunden damit beschäftigt, mit schwerem Gerät Baumstämme, Schlamm-, Geröll- und Wassermassen zu beseitigen. Unterstützt werden sie vom Katastrophenzug Landeck. Die Stanzertalstraße (L68) konnte somit um 13 Uhr wieder für den Verkehr freigegeben werden.

Die ÖBB-Arlbergstrecke zwischen Landeck-Zams und St. Anton am Arberg bleibt hingegen noch bis Freitag um 22 Uhr gesperrt. Die Schäden seien erheblich, wie ÖBB-Sprecher Christoph Gasser-Maier der TT mitteilte. Mit schwerem Gerät müssten Schiene und Weiche von Schlamm und Geröll befreit werden. Besonders aufwändig sei es, die von der Mure zerstörte Sicherungsanlage wiederherzustellen. Letztlich müsse das Schotterbett noch mit der Stopfmaschine verdichtet werden, um eine stabile Lage der Gleis zu gewährleisten, wie die ÖBB in einer Aussendung mitteilten.

Zwischen Landeck/Zams und Bludenz wurde ein Schienenersatzverkehr mit 20 Bussen eingerichtet. Auch die Nachtzüge, die von heute auf Freitag über die Arlbergbahn verkehren würden, werden entweder zwischen Bludenz und Landeck-Zams oder Schwarzach-St.Veit und Bludenz im Schienenersatzverkehr mit Bussen geführt. Es ist daher mit längeren Reisezeiten zu rechnen.

Die Bahnstrecke wurde wegen Gerölls unpassierbar.
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Becken leeren, um Sicherheit wieder zu erhöhen

Forciert werde nun die schnellstmögliche Räumung der Murenverbauungen und Geschiebebecken, die wohl Schlimmeres verhinderten, wie bei Erkundungsflügen des Landes ersichtlich wurde. "Gemeinsam mit der Wildbach- und Lawinenverbauung wird das Land die Gemeinden bei der Wiederherstellung der Sicherungsvorkehrungen unterstützen", sagte Landesrat Bernhard Tilg, der sich am Donnerstag vor Ort ein Bild der Lage machte. Die Sicherheit der Bevölkerung habe jetzt oberste Priorität.

Luftaufnahme von Schnann.
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Weitere Wetterlage

Ab den Mittagsstunden entstehen in der schwülen Luft vermehrt Quellwolken. Das hat vor allem in Nordtirol kräftige Wärmegewitter mit lokalen Platzregen zur Folge. Diese können auch von Hagel und Sturm begleitet werden. Durch die oft langsam ziehenden Zellen kann es zu Überflutungen und Erdrutschen kommen. Wo genau und wann mit diesen Gewitterzellen zu rechnen ist kann bei einer solchen Wetterlage aber nicht gesagt werden. Möglich sind sie überall. Abends beruhigt sich die Wetterlage langsam.

60 Liter Regen binnen kürzester Zeit

Die Unwetter waren am Mittwoch gegen 18.30 Uhr über den Bezirk Landeck gezogen. Binnen weniger Minuten waren die Wasserpegel stark angestiegen, Hagel prasselte nieder. Selbst ein rund 60.000 Kubikliter fassendes Geschiebebecken in Pettneu füllte sich innerhalb kurzer Zeit und ging über. Ein Murenabgang und Schlammlawinen führten zu Vermurungen und Verklausungen. Eine Garage wurde 2,50 Meter hoch mit Schutt angefüllt. Zudem rutschten Baumstämme und Geröll in die Rosanna, die aufgestaut und verklaust wurde. Laut einer Schätzung der ZAMG (Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik) fielen im Bereich Pettneu innerhalb kurzer Zeit über 60 Liter Regen. An den Messstationen in St. Anton am Arlberg und am Galzig wurden 44,4 bzw. 35,5 Liter gemessen.

"Unfassbar. Da warten enorm viel Aufräumarbeiten": So fasste Patrik Wolf, Vizebürgermeister von Pettneu, die Situation am Donnerstag gegen 6.30 Uhr bei einem Lokalaugenschein im Ortsteil Schnann zusammen. Die Mure, die sich am Mittwochabend aus der Schnanner Klamm bis in die Rosanna bewegte, hat eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Häuser entlang des Schnanner Baches wurden von der Mure erfasst, Wasser drang in die Keller ein, fünf parkende Pkw wurden schwer beschädigt. Verletzte gibt es laut Wolf nicht.

Weil die Geröllmassen die Rosanna stauten, überflutete das Wasser das an der Arlbergschnellstraße gelegene Gewerbegebiet. "Drei Betriebe stehen bis zu eineinhalb Meter unter Wasser", schilderte Wolf. Vordringlichste Aufgabe der Einsatzkräfte am Vormittag: Das Flussbett der Rosanna muss von den Geröllmassen freigelegt werden, damit das Wasser aus dem Gewerbegebiet abfließen kann.

Nicht nur Keller, auch Geschäfte wurden überflutet.
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Vorerst kommt kein weiteres Material nach

Am frühen Vormittag fand ein weiterer Erkundungsflug mit dem Landeshubschrauber von Experten des Baubezirksamtes und der Wildbach- und Lawinenverbauung statt. Das Ergebnis: Es kommt kein weiteres Material mehr nach.

Ersten Schätzungen zufolge hat die Mure ein Volumen von mindestens 60.000 Kubikmetern. Die Gridlon-Mure in Petteu, die ebenfalls am Mittwochabend abging, soll gar ein Volumen von 100.000 Kubikmetern haben. Wobei die Infrastrukturschäden in Pettneu vergleichsweise gering sind. (TT.com, hwe)

Pettnau am Arlberg-Schnann-Unwetter-Vermurung-Fotocredit: ZOOM.TIROL
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