Letztes Update am Fr, 14.09.2018 19:02

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Brückenkatastrophe in Genua

Ein Monat nach Brückeneinsturz: Genueser gedachten Todesopfer

Im Beisein von Premierminister Giuseppe Conte fand eine bewegende Versammlung auf dem Hauptplatz De Ferrari statt. Tausende Menschen wohnten der Trauerfeier bei. Vor einem Monat kamen bei der Brückenkatastrophe 43 Menschen ums Leben.

© AFPAm 14. August hat Genua mit dem Einsturz des Morandi-Viadukts eine der größten Tragödien in der Geschichte der Stadt erlebt.



Genua – „Genua im Herzen“: Mit diesem Slogan hat die Stadt Genua am Freitag der 43 Todesopfer des Brückeneinsturzes vor genau einem Monat – am 14. August – gedacht. Tausende Menschen versammelten sich am Freitagnachmittag auf dem Hauptplatz De Ferrari zu einer Gedenkfeier, darunter Angehörige der Todesopfer und Menschen, die beim Brückeneinsturz ihre Wohnungen verloren haben.

Der bekannte Genueser Schauspieler Tullio Solenghi verlas die Namen der Toten und brach dabei in Tränen aus. Begleitet wurde er von einigen Musikern des Orchesters des Genueser Carlo Felice-Theaters. Einige Feuerwehrleute, die am Unglückstag Überlebende und Leichen geborgen hatten, berichteten über ihren Rettungseinsatz. „Wenn wir uns die Hand reichen, können wir von neu auf starten“, sagte ein Feuerwehrmann.

Um 11.36 Uhr - dem Zeitpunkt der Katastrophe - hielt die ganze Stadt eine Schweigeminute. Trauernde lagen sich in den Armen.
- AFP

„Wie Ground Zero für New York“

Mit einer Schweigeminute hat die Stadt Genua am Freitag um 11.36 Uhr des Einsturzes der Morandi-Brücke gedacht. „Der Brückeneinsturz ist Genuas Ground Zero“, sagte der Bürgermeister der Stadt, Marco Bucci. In Genua traf am Freitag auch der italienische Premier Giuseppe Conte ein.

An der Schweigeminute beteiligten sich Dutzende Einsatzkräfte der Rettungsmannschaften, die am Unglückstag Überlebende und Leichen geborgen hatten. Die Fahnen wurden als Zeichen der Trauer auf Halbmast gehisst. Die Glocken der Kirchen läuteten, im Hafen ertönte eine Sirene. Die Geschäfte wurden geschlossen. Taxi und Busse blieben stehen.

„Für uns Genueser ist der Einsturz der Morandi-Brücke eine schreckliche Tragödie, wie Ground Zero für New York. Heute trauern wir um die Todesopfer, denken aber gleichzeitig an den Wiederaufbau des Viadukts, damit Genua aus dieser Tragödie stärker hervorgehen kann“, sagte Bucci. Eine weitere Gedenkzeremonie ist für 17.30 Uhr auf dem zentralen Platz De Ferrari in Anwesenheit des italienischen Premiers Giuseppe Conte geplant.

Angehörige der Toten legten Blumen nieder, viele Anwesenden hatten Tränen in den Augen.
- AFP

„Wir verlangen die Wahrheit“

Inzwischen laufen die Ermittlungen über die Ursachen der Tragödie auf Hochtouren. Die Staatsanwaltschaft von Genua befragte zwei der 20 Personen, gegen die ermittelt wird. Dabei handelt es sich um Manager der Autobahngesellschaft „Autostrade per l‘Italia“, Betreiberin des eingestürzten Viadukts, und um Funktionäre des italienischen Verkehrsministeriums. „Wir verlangen die Wahrheit. Wir wollen wissen, warum die Brücke eingestürzt ist. Das schuldet man meinem Sohn und den anderen 42 Todesopfern“, sagte Giuseppe Matti Altadonna, Vater eines Arbeitnehmers, der an Bord seines Lieferwagens unterwegs war, als die Brücke einstürzte.

„Genua erwartet konkrete Beschlüsse für seinen Neustart. Die Stadt hat eine unannehmbare Tragödie erlebt“, kommentierte der italienische Präsident Sergio Mattarella in einem Beitrag für die Tageszeitungen „La Stampa“ und „Il Secolo XIX“. „Zur Normalität zurückzufinden, das ist eine Hoffnung, die konkret werden muss. Man muss das schnell, auf transparente Weise und mit der höchsten Kompetenz tun“, forderte Mattarella.

Wichtige Dekrete und Beschlüsse

Der Ministerrat in Rom verabschiedete am Donnerstagabend ein Dekret, mit dem Geld für die durch den Brückeneinsturz beschädigten Unternehmen und die 600 Menschen zur Verfügung gestellt werden soll, die wegen des Unglücks ihre Wohnungen verloren haben. Beschlossen wurde außerdem die Gründung einer nationalen Behörde für die Sicherheit von Infrastrukturen. Geplant ist die Anstellung von 250 Ingenieuren, die in ganz Italien die Sicherheit öffentlicher Infrastrukturen wie Brücken, Straßen und Schulen prüfen sollen.

Tausende Menschen versammelten sich vor den Überresten des eingestürzten Viadukts.
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Diskutiert wurde indes weiter über den Wiederaufbau der Brücke. Die italienische Regierung will der staatlichen Schiffswerft Fincantieri den Auftrag für die Wiedererrichtung erteilen. Man sei in Kontakt mit Brüssel, damit die Regierung eine Ausnahme von den EU-Bestimmungen für öffentliche Ausschreibungen machen und Fincantieri direkt den Auftrag für die Errichtung der Brücke erteilen könne, sagte Verkehrsminister Danilo Toninelli. In den kommenden Tagen plane er ein Treffen mit den Betreibern von Infrastrukturanlagen in Italien. Er werde von ihnen ein detailliertes Programm zu Wartungsarbeiten fordern.

Abriss soll Ende September beginnen

Die Überreste der Brücke sollen ab Ende September oder spätestens Anfang Oktober abgerissen werden, sagte Bürgermeister Bucci. Das neue Viadukt soll bis spätestens November 2019 errichtet werden. Der aus Genua stammende Stararchitekt Renzo Piano entwarf dafür bereits einen Plan. (APA)