Letztes Update am Mi, 19.09.2018 12:42

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Äthiopien

Humanitäre Katastrophe in Äthiopien: eine Million auf der Flucht

Lang anhaltende Dürre und ethnische Konflikte seien die Gründe für die Binnenflucht einer Million Menschen in den Zonen Gedeo und West Guji östlich des Abaja Sees, so die Länderdirektorin von Care Äthiopien.

© AFP/TadeseBinnenflüchtlinge haben in Schulen, Spitälern oder wie hier in einer Kirche in Kercha in West-Guji Zuflucht gefunden.



Addis Abeba/Wien – Von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbemerkt ist in einem sehr kleinen, aber sehr dicht besiedelten Gebiet Südäthiopiens eine humanitäre Katastrophe ausgebrochen. Rund eine Million Menschen haben ihre Häuser verlassen und leben als Binnenflüchtlinge. „Die Ursachen sind eine lang anhaltende Dürre und ethnische Konflikte“, erläuterte Esther Watts, Länderdirektorin von Care Äthiopien, der APA.

Krise bisher kaum in der Öffentlichkeit bekannt

Betroffen sind die Zonen Gedeo und West Guji östlich des Abaja Sees. Rund 500.000 Menschen waren bereits wegen einer lang anhaltenden Dürre auf der Flucht, als im April der Konflikt an der Grenze der beiden Zonen zwischen den Volksgruppen der Gedeo und der Oromo ausbrach. Nun sind rund eine Million Menschen auf der Flucht.

„Das Problem ist, dass es kaum möglich ist, für diese Krise Spenden zu sammeln“, sagte Watts, die dieser Tage in Wien weilt und am Dienstag mit der APA sprach. Die Krise ist bisher kaum in der Öffentlichkeit bekannt, weil die Konflikte in Syrien, Jemen und Myanmar die gesamte Aufmerksamkeit haben“, erläuterte die Care-Expertin. „Ethnische Konflikte hat es immer gegeben. Aber speziell in den vergangenen beiden Jahren hat sich das Problem sehr verschärft.“ Im April brach in der Region dann offene Gewalt aus.

Watts beschrieb mehrere Probleme: Einerseits gibt es kaum Zugang zu sauberem Trinkwasser, speziell für die Binnenflüchtlinge, die unter anderem in öffentlichen Gebäuden wie Schulen und Spitälern Zuflucht gefunden haben. Ein zweites ist die Mangelernährung, die speziell Mütter mit kleinen Kindern trifft. Auf die Dürre folgende heftige Regenfälle haben Teile der Ernte vernichtet. Dazu kommt, dass die vor der Gewalt Geflüchteten natürlich ihre Felder nicht bestellen können. Dabei wäre das gerade jetzt wichtig. Die Gegend ist Watts zufolge das Zentrum des Kaffeeanbaus in Äthiopien, und die Ernte der Bohnen steht unmittelbar bevor.

Vor allem Frauen in Gefahr

Das dritte Hauptproblem ist die Sicherheitslage. „Auch die Regierung ist sehr besorgt“, sagte Watts. Vor allem Frauen sind in Gefahr. „Viele Frauen haben geschlechtsspezifische Gewalt erlitten“, betonte Watts. Die äthiopische Gesellschaft sei ohnehin eine sehr patriarchale, was automatisch ein hohes Maß an geschlechtsspezifischer Gewalt bedeute. „Statistiken zufolge sagen 83 Prozent der äthiopischen Frauen, es sei verständlich, dass ihre Männer sie schlagen, wenn sie das Essen verbrennen lassen“, so Watts.

In den Regionen Gedeo und West Guji komme im Fall der Binnenflüchtlinge dazu, dass es praktisch keine Privatsphäre gebe, was die Situation für Frauen und Mädchen noch gefährlicher mache. „Die Regierung unterstützt traditionelle friedensaufbauende Strukturen. Wir wären aber sehr daran interessiert, dass dabei Frauen, Jugendliche und Menschen mit Behinderungen stärker eingebunden wären“, sagte Watts.

Neben der Verbesserung der Sicherheitssituation ist es zentral, die Trinkwasserlage weniger prekär zu machen. Die Care-Expertin warnte insbesondere vor dem Ausbruch von Krankheiten. „Es gibt ein großes Potenzial für den Ausbruch von Seuchen“, warnte die NGO-Vertreterin.

Zur Bekämpfung der Krise wäre nicht einmal so viel Geld notwendig: Laut Care würden fünf Millionen US-Dollar (4,27 Mio. Euro) genügen, um 150.000 Binnenflüchtlingen in den nächsten sechs Monaten zu helfen. „Wir waren aber nicht in der Lage, eine Summe zu sammeln, die auch nur in die Nähe dieses Betrages kommt“, räumte Watts ein. (APA)

Care bat um Spenden für den Kampf gegen die Katastrophe auf das Konto IBAN: AT77 6000 0000 0123 6000; BIC: BAWAATWW . Weitere Informationen sind unter http://www.care.at zu finden.