Letztes Update am Mi, 03.10.2018 14:20

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Indonesien

Nach Beben und Tsunami mit mehr als 1400 Toten: Vulkan spuckt Asche

Auch Tage nach dem Erdbeben und dem Tsunami in Indonesien bergen Helfer noch Todesopfer aus den Trümmern. Verletzte werden mittlerweile mit Flugzeugen woanders hingebracht. Einen Schrecken jagt den Menschen auf Sulawesi der Vulkan Soputan ein.



Palu – Auf der indonesischen Insel Sulawesi klettert die Zahl der Todesopfer nach den Erdbeben und dem Tsunami immer weiter – inzwischen sind es mehr als 1.400. Mehr als 2.500 Menschen wurden nach einer offiziellen Zwischenbilanz der Behörden schwer verletzt und müssen deshalb im Krankenhaus behandelt werden. Zu allem Unglück brach am Mittwoch auf Indonesiens viertgrößter Insel auch noch ein Vulkan aus.

Der Sprecher des Katastrophenschutzes, Sutopo Nugroho, bezifferte die Zahl der Toten auf mindestens 1407. Mindestens 113 Menschen sind offiziell vermisst gemeldet. Die tatsächliche Zahl der Todesopfer liegt aber wohl noch deutlich höher. Längst sind nicht alle Toten aus den Trümmern und dem Schlamm geborgen. Sutopo sagte: „Wir erwarten, dass die Zahlen weiter steigen.“

Bei den Überlebenden wachsen Verzweiflung und Zorn, weil es an den wichtigsten Dingen wie Strom, Wasser, Nahrung und Treibstoff fehlt.
Bei den Überlebenden wachsen Verzweiflung und Zorn, weil es an den wichtigsten Dingen wie Strom, Wasser, Nahrung und Treibstoff fehlt.
- AFP

Immer noch kein Strom in Palu

Immer noch gibt es kleinere Nachbeben. Zudem brach im Nordosten der geplagten Insel Sulawesi auch noch ein Vulkan aus. Der knapp 1800 Meter hohe Vulkan Soputan schleuderte Asche bis zu vier Kilometer in die Höhe. Nach Angaben der nationalen Katastrophenschutzbehörde gab es zunächst keine Informationen über größere Schäden.

Viele flüchten jetzt auf Mopeds aus dem Katastrophengebiet, nur mit dem Allernötigsten.
Viele flüchten jetzt auf Mopeds aus dem Katastrophengebiet, nur mit dem Allernötigsten.
- AFP

In den Krankenhäusern der Region fehlt es an Strom und Treibstoff. Verletzte können nur notdürftig versorgt werden. Mit Hercules-Transportmaschinen flog deshalb das Militär mehrere Dutzend von ihnen aus. Sie wurden in die Provinzhauptstadt Makassa gebracht, wo ihre Versorgung gesichert ist. Ein Militärsprecher sagte: „Sie müssen behandelt werden. Das geht in Palu nicht, weil es immer noch keinen Strom gibt.“ Mehrere tausend Überlebende warteten allerdings vergebens darauf, in einem der Flugzeuge mitgenommen zu werden. Viele flüchten jetzt auf Mopeds aus dem Katastrophengebiet, nur mit dem Allernötigsten.

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„Alles was sie uns geben, sind Schmerztabletten“

Am Flughafen von Palu wurden Feldlazarette aufgestellt, die mit Notstrom-Aggregaten versorgt werden. Einer der Patienten dort, ein Mann namens Rifki, klagte jedoch: „Wir haben hier keinerlei Aussicht auf eine angemessene Behandlung. Alles, was sie uns geben, sind Schmerztabletten.“ Ein anderer Mann namens Basrun berichtete, dass seine Frau seit dem schlimmsten Erdbeben der Stärke 7,4 nicht mehr zu sich gekommen sei. „Sie ist noch nicht mal geröntgt worden.“

Mindestens 113 Menschen werden offiziell vermisst.
Mindestens 113 Menschen werden offiziell vermisst.
- AFP

EU aktiviert Katastrophenschutz

Dem Katastrophenschutz zufolge haben mehr als 70.000 Menschen entlang von Sulawesis Westküste ihre Unterkunft verloren. Den Helfern boten sich grauenhafte Bilder: Leichen am Strand und im Schlamm, den die Flutwelle hinterlassen hat, Trümmerberge überall. Die Vereinten Nationen schätzen, dass fast 200.000 Leute auf Hilfe angewiesen sind. Aus aller Welt gibt es Zusagen. Wegen der zerstörten Infrastruktur wird es jedoch dauern, bis die Hilfe tatsächlich ankommt.

Die Europäische Union hat angesichts der prekären Lage auf der Insel ihren Katastrophenschutzmechanismus aktiviert. Nun arbeitet das Krisenreaktionszentrum der EU Kommission rund um die Uhr, um in den betroffenen Gebieten zu helfen, teilte ein Kommissionssprecher am Mittwoch mit.

Mehr als 60.000 Menschen haben ihre Häuser verloren.Die Vereinten Nationen schätzen, dass mehr als 190.000 Menschen auf Hilfe angewiesen sind.
Mehr als 60.000 Menschen haben ihre Häuser verloren.Die Vereinten Nationen schätzen, dass mehr als 190.000 Menschen auf Hilfe angewiesen sind.
- AFP

Präsident: „Alles braucht seine Zeit“

Mit jeder Stunde schwindet die Hoffnung, noch Überlebende aus den Trümmern ziehen zu können. In einem eingestürzten Hotel in Palu wurden nach einem TV-Bericht am Mittwoch zehn weitere Tote entdeckt. Unter den Trümmern werden noch etwa 30 Gäste vermutet. Kaum jemand glaubt, dass noch jemand am Leben ist. Manche Einheimische beklagen sich, dass vorrangig in Hotels gesucht würde. „Unsere Leute liegen hier unter den Trümmern. Aber niemand sucht nach ihnen“, sagte ein Mann names Adon Lawira.

Indonesiens Präsident Joko Widodo bat bei einem abermaligen Besuch in der Region die Bevölkerung, die Geduld nicht zu verlieren. „Alles braucht seine Zeit“, sagte er. Die Not wird jedoch immer größer. Mehrfach wurden in Palu Geschäfte geplündert. Auch von Warnschüssen der Polizei und Tränengas ließen sich die Leute nicht abhalten. Mindestens 45 Plünderer wurden festgenommen.

Der Vulkan Soputan liegt im Nordosten von Sulawesi, mehrere Hundert Kilometer vom Gebiet der Tsunami-Katastrophe entfernt. In den vergangenen Jahren war er mehrmals ausgebrochen. Indonesien liegt auf dem Pazifischen Feuerring, der geologisch aktivsten Zone der Erde. Dort kommt es immer wieder zu Erdbeben. Auch Vulkanausbrüche sind keine Seltenheit. Der Inselstaat hat so viele aktive Vulkane wie kein anderes Land der Welt. (APA, AFP, dpa)

Bis das ganze Ausmaß der Katastrophe klar ist, wird es aber wahrscheinlich noch Tage dauern.
Bis das ganze Ausmaß der Katastrophe klar ist, wird es aber wahrscheinlich noch Tage dauern.
- AFP