Letztes Update am Mo, 05.11.2018 15:10

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Italien

Nach Unwettern in Italien: 34 Todesopfer seit Anfang Oktober

Unwetter halten Süditalien weiter im Würgegriff. Neue heftige Regenfälle wurden auf Sizilien und Sardinien gemeldet. Nach Angaben des Zivilschutzes sind 70 Prozent der italienischen Gemeinden wegen nicht genehmigter Bauten und abgeholzter Wälder von Überschwemmungen bedroht.

© AFPNach dem tödlichen Zwischenfall auf Sizilien kommen auch illegale Bautätigkeiten ans Tageslicht.



Rom, Palermo, Belluno – Italien hat nach den schweren Unwettern, die vor allem in den vergangenen Tagen im Norden und Süden des Landes schwere Schäden angerichtet haben, Bilanz gezogen. Seit dem 5. Oktober sind 34 Personen bei Erdrutschen und Überschwemmungen oder durch Windböen ums Leben gekommen, berichtete die römische Tageszeitung Il Fatto quotidiano am Montag.

Nach zwölf Todesopfern auf Sizilien am Wochenende wurde noch nach einem Vermissten in Corleone nahe Palermo gesucht. Der 40-jährige Arzt war mit seinem Auto auf dem Weg zum Dienst in ein Krankenhaus gewesen, als er von den Wassermassen eines über die Ufer getretenen Flusses weggerissen wurde. Der Wagen wurde inmitten des Schlamms gefunden, berichteten Medien. Von dem Mann fehlte noch jede Spur.

In der Dolomiten-Region Belluno ist die Lage besonders verheerend.
- Vigili del Fuoco

Nach den Unwettern ist auch eine Diskussion über Bausünden ausgebrochen. Bei der Überschwemmung eines Hauses am Ufer eines Baches im Dorf Casteldaccia nahe Palermo starben neun Personen derselben Familie. Die Justizbehörden leiteten Ermittlungen ein, weil offenbar Bauvorschriften missachtet worden sind.

Die Familie aus Palermo hat das Wochenende in dem gemieteten Gebäude verbracht. Der Bach Milicia trat nach schweren Regenfällen am Samstagabend über die Ufer und flutete das Haus mit Wasser und Schlamm. Unter den Toten waren Kinder im Alter von einem, drei und 15 Jahren, die anderen Opfer nach Angaben der Feuerwehr 32 bis 65 Jahre alt. Drei weitere Familienangehörige konnten sich Medienberichten zufolge in Sicherheit bringen, einer von ihnen rettete sich auf einen Baum. Die Trauerzeremonie ist am Dienstag in der Kathedrale von Palermo geplant.

Haus ohne Genehmigung gebaut

Der Bürgermeister von Casteldaccia, Giovanni Di Giacinto, berichtete, dass die Gemeinde 2008 einen Befehl erlassen hatte, das Landhaus abzureißen, da es ohne Genehmigungen zu nahe an dem Bach gebaut worden war. Dieser sei jedoch nie ausgeführt worden. Weitere Häuser seien in den vergangenen Jahren ohne Erlaubnis dem Bach entlang errichtet worden.

Das Bachbett hätte längst gereinigt gehört. Außerdem befindet sich in dem Gebiet eine große Anzahl illegal errichteter Gebäude, klagte Giuseppe Virga, Bürgermeister der in der Nähe des Unglücksorts gelegenen Ortschaft Altavilla Milicia. Im ganzen Raum um Palermo seien schwere Bausünden begangen worden, sagte der Bürgermeister.

Laut Experten wären für die Sicherung der Hänge in Italien rund 40 Milliarden Euro notwendig.
- Vigili del Fuoco

Umweltschutzverbände kritisierten den „verantwortungslosen Städtebau und die Missachtung der Baunormen“. In Italien werde überall und ohne Rücksicht auf europäische Standards gebaut. Nach Angaben des Zivilschutzes sind 70 Prozent der italienischen Gemeinden wegen nicht genehmigter Bauten und abgeholzter Wälder von Überschwemmungen bedroht.

Belluno fürchtet um Skisaison

Die besonders schwer getroffene Dolomiten-Provinz Belluno bangt nach der Unwetter-Katastrophe um die bevorstehende Skisaison. Durch heftige Niederschläge und Erdrutsche, die in der Region Venetien 100.000 Hektar Wald zerstört haben, sind Hotels, Skipisten und Straßen schwer beschädigt.

„In einem Monat beginnt die Skisaison. Doch bis dahin ist es unmöglich, alle Schäden dieser Unwetterwelle zu beseitigen“, berichtete ein Hotelier in Rocca Pietore, einer der am stärksten von den Unwettern betroffenen Gemeinden. Die Skipisten seien voller Geröll, die Dächer mehrerer Hotels und Ferienwohnungen weggerissen worden. „Die Skipisten in den Dolomiten erinnern an bombardierte Schlachtfelder“, kommentierte die römische Tageszeitung La Repubblica.

Im Süden des Landes war der Schaden ebenfalls sehr hoch.
- AFP

Pausenlos wird Geröll von den Straßen geräumt. Hunderte Häuser sind beschädigt, das Energienetz vielerorts zusammengebrochen. Viele Haushalte müssen noch ohne Strom- und Wasser auskommen, da die Leitungen durch den starken Sturm der vergangenen Tage in Mitleidenschaft gezogen wurden. „Der Sturm hat Strommasten wie Grashalme geknickt“, berichteten Bewohner in Rocca Pietore. In Forni di Sopra, einer Ortschaft in der Provinz Udine an der Grenze zur Provinz Belluno, ist das Wasser nicht trinkbar. Die Bevölkerung wurde mit Mineralwasser versorgt.

Die Dolomiten-Region bangt auch um ihrer Wälder. Die Erdrutsche haben massiv Bäume gefällt. Um den Bestand zu erneuern, brauche es Jahrzehnte, sagte Zivilschutzchef Angelo Borrelli. Deshalb wachse die Gefahr weiterer Erdrutsche. „Die Wälder, die die Erdrutsche in der Vergangenheit gestoppt haben, gibt es nicht mehr“, sagte Borrelli. Der Landwirtschaftsverband Coldiretti schätzte die Zahl der umgestürzten Bäume auf 14 Millionen.

Österreichischer Soldatenfriedhof zerstört

Bei den schweren Unwettern im Raum von Tarvis ist der österreichisch-ungarische Soldatenfriedhof von Valbruna beschädigt worden. Bis zu 30 Meter hohe Bäume stürzten infolge heftiger Winde um und zerstörten die Grabsteine des „Heldenfriedhofes“, wo 179 gefallenen Soldaten des österreichisch-ungarischen Reichs begraben sind, berichtete ein Sprecher des Verbands der Berg- und Naturführer (AIGAE).

Übeschwemmungen gab es in vielen Teilen Italiens.
- ANSA

Die Gemeinde Malborghetto Valbruna, in der sich der Friedhof befindet, bemüht sich um die Entfernung der Bäume. Auf dem Friedhof, um den sich das österreichische Schwarze Kreuz in Zusammenarbeit mit der italienischen Alpini-Vereinigung ANA kümmert, sind Soldaten begraben, die im Ersten Weltkrieg in den umliegenden Bergen gefallen sind.

Schäden in Milliardenhöhe

Die Bausünden in Italien rächen sich bitter. Erdrutsche und Überflutungen fordern immer mehr Tote. Durch Naturkatastrophen sind im Land allein in den vergangenen fünf Jahren Schäden in Höhe von neun Milliarden Euro entstanden. Unermüdlich warnen italienische Geologen vor den Gefahren. Doch ihr Ruf verhallt unbeachtet.

Nicht nur Bausünden und Klimawandel werden für die zunehmende Zahl verheerender Erdrutsche und Überschwemmungen verantwortlich gemacht. Auch Abwanderung spielt eine Rolle. In den vergangenen Jahrzehnten seien ganze Gebirgsregionen verlassen worden, niemand kontrolliere mehr die Hänge, warnten Geologen. Es fehle an einer Raumplanung. Instandhaltung und Kontrolle von Mauern, Dämmen und Kanälen, die jährlich oder sogar saisonal erfolgen sollten, würden total vernachlässigt werden.

Weite Teile Italiens wurden von Muren und Hochwasser heimgesucht.
- AFP

Laut Experten wären für die Sicherung der Hänge in Italien rund 40 Milliarden Euro notwendig, eine riesige Summe, die der Staat nicht locker machen könne. Je mehr in Vorbeugung investiert werde, desto weniger werde man für die Schäden durch Erdrutsche ausgeben müssen. „Wenn man die Finanzierungen für Bodenschutz kürzt, ist das so, als würde man im Land die Gesundheitsausgaben reduzieren. In beiden Fällen steht das menschliche Leben auf dem Spiel“, sagte ein Sprecher der italienischen Geologen.

250 Millionen Euro für betroffene Regionen

Die Regierung in Rom kündigte Unterstützung für die betroffenen Gebiete an. Das Kabinett will diese Woche 250 Millionen Euro für erste Hilfen locker machen. Eine Milliarde Euro soll im Rahmen des Haushaltsplans zur Vorbeugung von Naturkatastrophen aufgebracht gemacht werden, verlautete es in Rom.

Der Trentiner Landeshauptmann, Maurizio Fugatti, hat die Schäden infolge der schweren Unwetter in der autonomen Provinz mit rund 300 Millionen Euro beziffert. Besonders betroffen seien die Landwirtschaft und die Wälder. Intensive Räumungsarbeiten seien auf den von Erdrutschen beschädigten Straßen im Gange, berichtete Fugatti am Montag.

Luca Zaia, Präsident der ebenfalls von schweren Unwetterschäden betroffenen Region Venetien, versicherte, dass die Skipisten des Dolomiten-Raums Belluno nach Plan am 8. Dezember öffnen werden. „Es wird zu keinen Verzögerungen beim Start der Skisaison geben“, sagte Zaia. Er appellierte an Touristen und an Skifahrer, aus Solidarität den Raum von Belluno zu besuchen. „Unsere Bergortschaften werden sie mit Freude empfangen“, sagte Zaia.

Zaia forderte einen „Marshall-Plan“ für die Region um Belluno. Es drohe die Entvölkerung der Berggemeinden, die ohnehin schon von einem starken Geburtenrückgang belastet seien. Zaia versicherte aber, dass Belluno sich aufs Beste auf die Skiweltmeisterschaft 2021 im naheliegenden Cortina vorbereiten werde. Cortina werde sich weiterhin mit Mailand um die Olympischen Winterspiele 2026 bewerben, versicherte Zaia.

Italien war in den vergangenen Jahren mehrmals von schweren Erdrutschen heimgesucht worden. Das schlimmste Unglück ereignete sich im Mai 1998. Damals sind 137 Personen in der süditalienischen Ortschaft Sarno südlich von Neapel ums Leben gekommen, als nach sintflutartigen Regenfällen eine Schlammlawine Dutzende Gebäude unter sich begraben hatte. (APA)