Letztes Update am Mi, 05.12.2018 16:35

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Katastrophen

Unwetter in Kärnten: „Dammbruch hat Lavamünd gerettet“

Meteorologen analysierten das verheerende Unwetter mit Starkregen und Sturm Ende Oktober in Kärnten. Sie sprechen von bisher unbekannten Niederschlagsmengen. Die Gemeinde Lavamünd hatte bei den Unwettern laut Experten das größte Glück.

© APA/PRIVATDer gebrochene Damm bei Rattendorf dürfte das Hochwasser in Lavamünd gemildert haben.



Klagenfurt – Die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) hat am Mittwoch in Klagenfurt ihre Analyse des verheerenden Unwetters Ende Oktober in Kärnten gezogen. Damals wurden Höchstmengen an Regen und Höchststärken beim Sturm gemessen. Für die Meteorologen steht außerdem fest, dass ein Dammbruch im Gailtal, durch den eine Ortschaft überflutet wurde, die Gemeinde Lavamünd an der Drau gerettet hat.

Wie paradox die Situation Ende Oktober war, erklärte Meteorologe Gerhard Hohenwarter vor Journalisten: „Am Montag, dem 22. Oktober, habe ich Anfragen aus Gemeinden im Gailtal bekommen, wann denn endlich Regen kommt, da die Wasserstände niedrig seien - da konnte ich schon sagen, dass es am Wochenende starke Regenfälle geben würde.“ Doch bereits kurze Zeit später war klar, dass sich die Lage zuspitzen würde: Die Prognose für einen Niederschlag von 130 Millimetern pro Quadratmeter wurde gegen Ende der Woche auf 200 Millimeter und mehr hinaufgesetzt. Gleichzeitig wurden die Behörden alarmiert, in Kärnten wurde damit begonnen, Staubecken abzusenken, um die Regenmassen aufnehmen zu können.

550 Millimeter pro Quadratmeter

Was dann aber wirklich kam, sprengte auch diese Vorhersagen: Stellenweise wurde im Gailtal an drei Tagen eine Niederschlagsmenge von 550 Millimetern pro Quadratmeter gemessen. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Jahresregenmenge für Wien liegt bei 680 Millimetern. „An manchen Orten hat es an einem halben Tag 100 Millimeter, also 100 Liter pro Quadratmeter geregnet. Stellen Sie einmal zehn Stück Zehn-Liter-Kübel Wasser auf eine Fläche, die einen Quadratmeter groß ist - dann können Sie sich vorstellen, was das für Massen waren“, sagte Hohenwarter.

Unvorstellbar war so etwas bis zu diesem Zeitpunkt nicht nur für die Meteorologen, wie Hohenwarter zugab: „Das sind Niederschlagsmengen, die kein Meteorologe aus eigener Erfahrung kennen kann.“ An die Grenzen stießen auch die Rechenmodelle der ZAMG - sie waren mit den Mengen überfordert, auch das Warn-Tool kannte solche Messwerte nicht, weshalb am Wochenende sogar kurzfristig ein Programmierer einrücken musste.

Die Gailtalbrücke bei Waidegg.
- APA/BUNDESHEER

Lavamünd hatte das größte Glück

Heute wissen die Meteorologen, dass das Hochwasser noch viel schlimmere Folgen für Kärnten hätte haben können. So habe eine Regenpause am Sonntag, dem 28. Oktober, zu einer vorübergehende Beruhigung geführt, das Wasser hatte Zeit, abzufließen. Auch waren die Pegelstände vor dem Regen so niedrig, dass viel mehr Wasser bewältigt werden konnte. Funktioniert hatte auch das Absenken der Staubecken. Lavamünd, die 2012 von einem Drau-Hochwasser verwüstete Gemeinde am tiefsten Punkt Kärntens, hatte diesmal aber das größte Glück - allerdings kam auf der anderen Seite eine Ortschaft im Gailtal zu Schaden. „Bei Rattendorf ist ein Damm der Gail gebrochen, die Ortschaft wurde überflutet. Dadurch, dass sich das Wasser aber hier ein nicht vorhergesehenes Ausgleichsbecken geschaffen hatte, ist Lavamünd verschont geblieben“, sprach Hohenwarter die bittere Ironie an.

Aber nicht nur was den Regen angeht, verzeichnete die ZAMG Spitzenwerte - am Wochenende brach nämlich auch ein Sturm los, der vor allem in Oberkärnten hektarweise Wald niederwarf. Punktuell erreichten die Sturmböen eine Geschwindigkeit von bis zu 200 km/h. An den Messstationen in Oberkärnten wurden Spitzenwerte von 130 bis 180 km/h gemessen, erklärte Hohenwarter: „Zum Beispiel auf der Mauthner Alm im Gailtal - da hat die Messstation noch 163 km/h gemessen, bevor der Sturm sie umgerissen hat.“ Die Bilder von den stark beschädigten Fichtenwäldern sollen idealerweise zu einem Überdenken von Fichten-Monokulturen führen, lautete ein Appell der Wetterexperten.

Das Lesachtal wurde von den Unwettern schwer getroffen.
- APA/BUNDESHEER

Das Fazit der ZAMG

„Durch Warnungen können Schäden minimiert werden - auch wenn man sie nie ganz verhindern wird können“, sagte Meteorologe Christian Stefan. Im aktuellen Fall hätten die diensthabenden Experten den Mut gehabt, die Prognosen zu kommunizieren und auch zu warnen. Wie Hohenwarter präzisierte, stehe auf der anderen Seite aber auch die Gefahr, dass man zu häufig warnt und die Leute dann die Warnungen nicht mehr ernst nehmen: „Prinzipiell kann man aber sagen: Wenn wir warnen, dann ist das keine Kleinigkeit.“

Ob man sich in Zukunft auf mehrere solcher heftigen Unwetter einstellen kann, darauf wollten sich die Experten bei der ZAMG nicht festlegen: „Da bräuchte man eine extrem lange Messreihe. Man kann noch nicht sagen, ob das wirklich häufiger auftritt.“ Fakt sei aber, dass die Lufttemperatur steigt - und wärmere Luft könne mehr Feuchtigkeit aufnehmen und auch abgeben. Wenn die Temperatur steigt, könnte das also zu mehr Niederschlägen führen. „Aber mein Lieblingsbeispiel ist die Wüste - eine hohe Temperatur allein heißt nicht, dass es häufiger regnet“, gab Hohenwarter zu bedenken. Bei so einem Ereignis müsste viel zusammenkommen, etwa Luftfeuchtigkeit, Temperaturen und Luftströmungen. Zudem komme noch die Möglichkeit eines „statistischen Ausreißers“ hinzu wie in den Jahren 1965 und 1966, als es gleich drei Mal extreme Hochwasser gab. Bei einem sind sich die Meteorologen aber einig: „Das Bewusstsein der Leute, dass etwas passieren kann, ist auf jeden Fall erhöht.“ (APA)