Letztes Update am Sa, 08.12.2018 16:34

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Italien

Tote bei Massenpanik in Italien: Fahndung nach Reizgas-Sprüher

Rund 1300 Musikliebhaber hatten sich in einer Disko in der Nähe von Ancona zum Konzert des in Italien überaus beliebten Rappers Sfera Ebbasta eingefunden, als ein Unbekannter in dem Gedränge Reizgas versprühte. Nun wird nach ihm gefahndet.

© APA/AFP/Vigili del Fuoco Die Feuerwehr veröffentlichte dramatische Bilder vom Ort des Unglücks.



Rom, Ancona – Nach der Massenpanik in einer Diskothek nahe der Adriastadt Ancona, bei der in der Nacht auf Samstag sechs Menschen – fünf Jugendliche und eine Mutter – ums Leben gekommen sind, sind die Ermittlungen am Samstag auf Hochtouren gelaufen. Die Polizei suchte nach einem Jugendlichen, der Reizgas gesprüht haben soll, was Auslöser der Panik war.

Die ermittelnde Oberstaatsanwältin von Ancona, Monica Garulli, bestätigte, dass sich in der Diskothek wesentlich mehr Personen als erlaubt befanden. Nach Ermittlerangaben hätten zum Auftritt des Mailänder Rap-Stars Sfera Ebbasta maximal 870 Personen zugelassen werden dürfen, 1.400 Eintrittskarten seien aber verkauft worden. Nach ersten Angaben war von 1.300 Tickets die Rede. Geprüft wird, ob die drei Notausgänge des Lokals offen waren.

Innenminister Matteo Salvini besuchte am Samstagnachmittag den Unglücksort. „Sollte sich herausstellen, dass aus Geldgier Sicherheitsregeln missachtet wurden, stehen den Verantwortlichen exemplarische Strafen bevor“, sagte der Innenminister. Auch Premier Giuseppe Conte traf in Corinaldo nahe Ancona ein, wo sich das Unglück ereignete. Er versprach den Einsatz seiner Regierung zur Vorbeugung weiterer Tragödien dieser Art.

Zwei Burschen und drei Mädchen im Alter von 14 bis 16 Jahren sind gestorben, berichteten die Rettungseinheiten. Außerdem kam eine 39-jährige Frau ums Leben, die ihre Tochter zum Konzert des bei Teenagern besonders beliebten Mailänder Rappers Sfera Ebbasta begleitet hatte. Die Frau war vierfache Mutter.14 Konzertbesucher wurden nach Angaben der Feuerwehr schwerst verletzt, von ihnen schwebten sieben am Samstag noch in Lebensgefahr. Bei 60 weiteren Personen war der Zustand weniger kritisch.

Notausgang sei versperrt gewesen sein

Die Tragödie ereignete sich in der Diskothek „Lanterna Azzurra“ (Blaue Laterne), noch bevor der Rapper seinen Auftritt begann. Die Menge geriet nach Angaben der Feuerwehr vermutlich in Panik, als Reizgas im Gedränge versprüht wurde. Die meist jungen Konzertbesucher versuchten zu fliehen. Die Menschen drängten zu den Notausgängen. Sanitäter berichteten, viele der Verletzten hätten teils schwere Quetschungen, aber auch Knochenbrüche davongetragen.

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Ein von einem Besucher versprühtes Reizgas wie etwa Pfefferspray dürfte die Ursache für die Panik gewesen sein. Viele Discogäste begannen zu husten, Panik verbreitete sich im Lokal. Ein Notausgang soll versperrt gewesen sein. „Wir sind zu einem der Notausgänge gelaufen, aber er war versperrt. Die Türsteher sagten uns, wir sollten wieder reingehen“, zitierte Corriere della Sera einen 16-Jährigen, der verletzt wurde.

Die Jugendlichen drängten weiter zu dem einzig offenen Ausgang. Massen von Teenagern seien gegen eine Mauer gedrängt worden, die einstürzte.

Die Feuerwehr veröffentlichte dramatische Bilder vom Ort des Unglücks. Rettungskräfte versorgten die Verletzten auf offener Straße. „Lasst uns durch“, hört man einen der Einsatzkräfte rufen, als eine Liege durchs Bild geschoben wird. Die Verletzten wurden in die umliegenden Krankenhäuser gebracht. Sanitäter berichteten, viele der Verletzten hätten in dem Gedrängel teils schwere Quetschungen, aber auch Knochenbrüche davongetragen.

Rettungskräfte versorgten die Verletzten auf offener Straße.
- APA/AFP/Vigili del Fuoco

Schweigeminute in der Abgeordnetenkammer

Der Papst kondolierte den Hinterbliebenen und kündigte Gebete für die Opfer an. Der italienische Präsident Sergio Mattarella forderte gründliche Untersuchungen. „Bürger haben Recht auf Sicherheit, sowohl am Arbeitsplatz, als auch an Vergnügungsorten“, wurde Mattarella in einer Presseaussendung zitiert. Die italienische Abgeordnetenkammer, in der am Samstag über den Haushaltsplan abgestimmt wurde, hielt eine Schweigeminute ab.

Unterdessen tobt in Italien eine scharfe Debatte über die Sicherheit in Diskotheken, in denen Gewalt und Illegalität floriere. Alkohol- und Drogenmissbrauch seien in Italiens Nachtlokalen die Normalität, beklagten italienische Medien.

Erinnerung an Massenpanik in Turin 2017

Die Dynamik erinnert an eine Massenpanik in Turin, als beim Public Viewing des Champions-League-Finals im Juni 2017 Reizgas gesprüht wurde. Dafür verantwortlich gemacht wird eine Diebesbande, die Fans ausrauben wollte. Damals waren 1500 Menschen verletzt worden und eine Frau an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben.(APA/dpa/Reuters)