Letztes Update am Mi, 14.08.2019 19:52

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Katastrophe in Genua

Ein Jahr nach Einsturz der Brücke: Genua gedenkt „Apokalypse“

Vor einem Jahr brach die riesige Morandi-Brücke in Genua in sich zusammen. 43 Menschen verloren ihr Leben. Ein Jahr später sind die Spuren in der Stadt und vor allem bei den vom Unglück Betroffenen noch immer vorhanden. Die Brücke wird indes neu aufgebaut.

Die eingestürzte Brücke in Genua Tage nach dem Unglück.

© AFPDie eingestürzte Brücke in Genua Tage nach dem Unglück.



Von Micaela Taroni/APA

Genua – Vier endlose Stunden musste Gianluca Ardini, 29-jähriger Kaufmann aus Genua, ausharren, bevor er vor genau einem Jahr – am 14. August 2018 – aus den Trümmern seines Lieferwagens geborgen wurde. Ardini war mit einem Kollegen auf der Morandi-Brücke in Genua unterwegs, als sein Fahrzeug 40 Meter in die Tiefe stürzte und sich in den Trümmern verkeilte. Bei der Katastrophe kamen 43 Menschen ums Leben.

Mit Brüchen und verletzter Schulter klammerte sich Ardini stundenlang an den Trümmern fest, bis Feuerwehrleute ihn erlösten. „Helft mir, ich werde bald Vater. Ich möchte meinen Sohn zur Welt kommen sehen“, rief er den Rettern verzweifelt zu. „Ich glaube, dass der unbedingte Wille, seinen Buben kennenzulernen, ihm die Kraft gegeben hat, sich da oben festzuhalten“, meinte seine Partnerin Giulia Organo. Ardinis Kollege im Wagen schaffte es dagegen nicht. Inzwischen ist Gianluca Vater geworden. Sein Sohn Pietro ist genau 30 Tage nach dem Einsturz der Morandi-Brücke zur Welt gekommen.

Unglück hinterließ seine Spuren

„Mein Sohn ist meine Medizin, er hat mir den Mut zum Neubeginn gegeben“, berichtet Ardini vor dem ersten Jahrestag des Brückeneinsturzes am Mittwoch. Das Unglück hat auf dem Körper des kräftigen Mannes mit schwarzem Bart tiefe Spuren hinterlassen. Das linke Auge ist permanent geschädigt, ein Arm hat einen Teil seiner Beweglichkeit verloren. Ardini, der für eine Möbelfirma arbeitete, musste infolge der Verletzungen den Job wechseln. Seit Monaten ist er in psychologischer Behandlung und nimmt Psychopharmaka ein.

An der Gedenkzeremonie ein Jahr nach dem Brückeneinsturz will Gianluca nicht teilnehmen. „Meine Familie und ich werden verreisen. Ich bemühe mich um ein normales Leben. Das Trauma werde ich nie auslöschen können, werde aber damit leben“, meint Ardini.

Die Brücke in Genua lag auf einer Hauptverkehrsroute, auch für den Urlauberverkehr.
Die Brücke in Genua lag auf einer Hauptverkehrsroute, auch für den Urlauberverkehr.
- APA

Hunderte Obdachlose

Das 40 Meter hohe und fast 1200 Meter lange Polcevera-Viadukt, das auch Morandi-Brücke genannt wurde, stürzte am 14. August 2018 um 11.36 Uhr auf einem etwa 200 Meter langen Abschnitt in Genua ein. Die Brücke war Teil der Autobahn 10, die als „Autostrada dei Fiori“ bekannt und eine wichtige Urlaubsverbindungsstraße nach Südfrankreich, in den Piemont und die Lombardei ist. Infolge des Unglücks wurden hunderte Menschen obdachlos. Sie wohnten in den Gebäuden, die sich unmittelbar unter der Brücke befanden. Experten hatten nach dem Unglück erklärt, der Einsturz sei wegen der vielen baulichen Mängel an der Spannbetonbrücke vorhersehbar gewesen. Die italienische Justiz ermittelt in dem Fall gegen eine Reihe von Beschuldigten und die Betreiberfirma Autostrade per l‘Italia (Aspi), einer Tochtergesellschaft der Unternehmerdynastie Benetton.

Achtjähriger Samuele jüngstes Opfer des Unglücks

Beim Brücken-Drama von Genua wurde eine ganze Familie getötet: Roberto Robbiano, seine Frau Ersilia Piccinino und ihr achtjähriger Sohn Samuele starben, als ihr Auto von der Morandi-Brücke mehr als 40 Meter in die Tiefe stürzte. Die Familie aus dem Ort Campomorone in Ligurien war zum Hafen von Genua unterwegs und wollte mit dem Schiff nach Sardinien in den Urlaub fahren. In den Trümmern des Autos wurden Samueles Spielsachen gefunden. Das Kind war das jüngste unter den 43 Opfern der Tragödie.

„Der Brückeneinsturz ist Genuas Ground Zero“, sagt der Bürgermeister der Stadt, Marco Bucci. „Für uns Genueser ist der Einsturz der Morandi-Brücke eine schreckliche Tragödie. Wir trauern um die Todesopfer, denken aber gleichzeitig an den Wiederaufbau des Viadukts, damit Genua aus dieser Tragödie gestärkt hervorgehen kann“, sagt Bucci, der sich am Mittwoch in Genua im Beisein des italienischen Staatschefs Sergio Mattarella, von Premier Giuseppe Conte und mehreren hochrangigen Regierungsmitgliedern an einer Gedenkzeremonie beteiligen wird.

Brücke wird neu aufgebaut

Inzwischen laufen die Arbeiten für die Wiedererrichtung des eingestürzten Viadukts auf Hochtouren. Im Juni wurden die beiden noch stehenden Pfeiler gesprengt. Die neue Brücke wird nach einem Plan des Stararchitekten Renzo Piano gebaut und soll im Frühjahr 2020 ihrer Bestimmung übergeben werden. „Genua ist eine stille, umsichtige, aber mutige Stadt, die mit Entschlossenheit auf die Brücken-Tragödie reagiert hat“, sagte der 81-jährige Piano, ein gebürtiger Genueser. Der Architekt hatte schon den Hafen von Genua, der als einer der größten im gesamten Mittelmeerraum gilt, anlässlich der Expo 1992 völlig neu gestaltet. Er verwandelte das ehemals heruntergekommene Viertel in einen beliebten Treffpunkt für Genueser und Touristen.

Der letzte Pfeiler der Morandi-Brücke wird abgerissen. Anschließend wird die Brücke neu aufgebaut.
Der letzte Pfeiler der Morandi-Brücke wird abgerissen. Anschließend wird die Brücke neu aufgebaut.
- imago images / Independent Photo