Letztes Update am Mo, 26.08.2019 14:18

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Waldbrände im Amazonas

Feuer schnürt Menschen die Luft ab, G7 sagen Hilfe zu

Die ganze Welt blickt nach Südamerika, wo die Grüne Lunge unseres Planeten in Flammen steht. Für die Menschen vor Ort ist auch im Alltag nichts mehr wie zuvor — sie wachen vom Einatmen des Rauchs erledigt auf, sind in ihren Häusern eingeschlossen und müssen um ihren Job bangen. Staatschef Bolsonaro lässt sich davon nach wie vor nicht beeindrucken. Dafür sagen die G7-Staaten 20 Millionen an Soforthilfe zu.

Der brasilianische Bundesstaat Rondonia ist mit am schwersten betroffen von den verheerenden Bränden im Anazonas-Gebiet.

© AFPDer brasilianische Bundesstaat Rondonia ist mit am schwersten betroffen von den verheerenden Bränden im Anazonas-Gebiet.



Brasilia — Dichter schwarzer Rauch liegt wie eine Decke über Rondonia. Der nordbrasilianische Bundesstaat gehört zu den Gebieten, die von den derzeitigen zahlreichen Feuern im Amazonas-Gebiet am schwersten betroffen sind. „Unser alltägliches Leben wird durch den Rauch zu 100 Prozent in Mitleidenschaft gezogen", sagte die 25-jährige Welis da Claiana, die in Rondonias Hauptstadt Porto Velho lebt.

„Wir wachen vom Einatmen des Rauchs völlig erledigt auf", berichtete die junge Frau. So leiden die Brasilianer unabhängig von den langfristigen Klima-Folgen schon jetzt akut unter den Amazonas-Bränden. In vielen Gebieten von Rondonia bietet sich ein trauriges Bild. Verkohlte Baumstümpfe umgeben von Asche, in einigen Waldgebieten steht nach den Feuern nur noch ein einzelner Baum.

Haus von Bränden eingeschlossen

„Ich lebe hier seit 20 Jahren und ich habe viele Feuer gesehen", sagt da Claiana. „Aber so einen Rauch wie in den vergangenen Tagen habe ich noch nie erlebt." Zwischenzeitlich war das Haus der jungen Frau von Bränden eingeschlossen. Da Claiana hielt Fenster und Türen geschlossen, damit der Rauch nicht in ihre Wohnung dringt. Dennoch musste sie ihre Tochter wegen Atemproblemen ins Krankenhaus bringen.

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Die Waldbrände der vergangenen Tage bedrohten auch die Autovermietung, bei der Da Claiana arbeitet. Ihr Kollege kam wegen Atemproblemen ins Krankenhaus. Wegen der Rauchschwaden mussten auch Flüge auf dem Flughafen der 500.000-Einwohner-Stadt Porto Velho gestrichen werden. „Die Sicht war schrecklich, niemand konnte irgendetwas tun", sagt da Claiana. Sie macht Großbauern für die zahlreichen Feuer verantwortlich.

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Tatsächlich wurden unweit von Porto Velho einige Wälder durch Brandrodung zerstört, um Platz für Viehweiden und Felder zu machen. Aus der Luft ist am besten zu erkennen, wie dramatisch die Zerstörung des Regenwalds in Rondonia ist. Orangefarbene Feuerwände fressen sich durch riesige Waldflächen. Die dabei entstehenden Rauchschwaden künden auch den Städtern von der Umweltkatastrophe: Die „grüne Lunge" unseres Planeten steht in Flammen.

Die Umweltorganisation WWF warnt, dass die Brände im Amazonas-Gebiet obendrein die Artenvielfalt bedrohen: Schließlich sei der dortige Regenwald Heimat von hunderten bedrohten Tier- und Pflanzenarten.

Nur noch verkohlte Baumstümpfe umgeben von Asche: Die Landschaft in Rondonia bietet ein trauriges Bild.
Nur noch verkohlte Baumstümpfe umgeben von Asche: Die Landschaft in Rondonia bietet ein trauriges Bild.
- AFP

Bolsonaro lässt sich von wirtschaftlichen Interessen leiten

Nach jüngsten Angaben des brasilianischen Forschungsinstituts Inpe gab es in Brasilien seit Jahresbeginn 79.513 Feuer, davon mehr als die Hälfte im Amazonas-Gebiet. Allein seit Freitag seien 1130 neue Brandherde dazugekommen, hieß es. Die führenden Industriestaaten nahmen die Amazonas-Brände bei ihrem G7-Gipfel in Biarritz kurzfristig mit auf die Tagesordnung und sagten Brasilien und den übrigen betroffenen Länder ihre Unterstützung bei der Brandbekämpfung zu.

Vor der brasilianischen Botschaft in Brüssel wird demonstriert.
Vor der brasilianischen Botschaft in Brüssel wird demonstriert.
- AFP

Brasiliens ultrarechter Staatschef Jair Bolsonaro gibt aber nichts auf Warnungen vor dem menschengemachten Klimawandel und lässt sich beim Umgang mit dem Amazonas-Gebiet vor allem durch wirtschaftliche Interessen leiten. Ein entschlossener Kampf gegen die Urwaldbrände scheint nicht in seinem Interesse zu liegen. Erst am Freitag entsandte Bolsonaro die Armee ins Amazonas-Gebiet, damit sie gegen die riesigen Feuer kämpft.

„Es nimmt jedes Jahr zu", sagte Eliana Amorim aus Porto Velho über die Waldbrände. „Das Bewusstsein der Menschen allerdings nicht." (APA/AFP/TT.com)

Bolsonaro beleidigt Macron, G7-Staaten sagen 20 Millionen Dollar zu

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro machte sich am Sonntag einen Facebook-Beitrag zu eigen, in dem ein Nutzer über das Äußere von Frankreichs "Premiere dame" herzieht und die Differenzen zwischen Macron und Bolsonaro mit dem "Neid" des französischen Präsidenten auf die junge Frau Bolsonaros erklärt.

Der Nutzer Rodrigo Andreaca hatte in einem Beitrag bei dem Online-Dienst eine unvorteilhafte Aufnahme der 66-jährigen Brigitte Macron neben ein Bild der 37-jährigen Gattin Bolsonaros gestellt. Dazu schrieb er: "Versteht ihr jetzt, warum Macron Bolsonaro bedrängt?" Er wette, dass Macron neidisch auf Bolsonaro sei.

Brasiliens Präsident setzte einen belustigten Kommentar unter den Post. "Demütige den Typen nicht", schrieb er. Auf Anfrage der Nachrichtenagentur AFP, ob der Kommentar von Bolsonaro selbst abgegeben wurde, wollte sich ein Sprecher zunächst nicht äußern.

Im Kurzbotschaftendienst Twitter machte sich überdies Brasiliens Bildungsminister Abraham Weintraub über Macron her. Dieser sei bei den Waldbränden nicht "auf der Höhe". "Er ist nur ein opportunistischer Schweinehund, der die Unterstützung der französischen Agrarlobby sucht." Macron hatte wegen der Umweltpolitik Bolsonaros eine Blockade des Freihandelsabkommens der EU mit dem südamerikanischen Wirtschaftsblock Mercosur angekündigt.
Bereits am Freitag hatte der Sohn des brasilianischen Staatschefs, Eduardo Bolsonaro, bei Twitter ein Video der mittlerweile stark abgeflauten "Gelbwesten"-Proteste in Frankreich mit dem Kommentar geteilt: "Macron ist ein Idiot."
Der ultrarechte brasilianische Staatschef hatte sich zuvor mit Blick auf die Brände jegliche Einmischung aus dem Ausland verbeten. Dass Macron beim G-7-Gipfel in Abwesenheit der Länder der Amazonas-Region über die Waldbrände sprechen wolle, offenbare eine "kolonialistische Mentalität". Macron wolle eine "innere" Angelegenheit Brasiliens und anderer Staaten im Amazonas-Gebiet politisch "instrumentalisieren".

G7-Staaten sagen Soforthilfe zu

Im Kampf gegen die verheerenden Brände des Amazonas-Regenwaldes in Südamerika haben die G-7-Staaten eine Soforthilfe von 20 Millionen US-Dollar (rund 17,9 Millionen Euro) zugesagt. Das sagte der chilenische Präsident Sebastian Pinera am Montag in Biarritz an der Seite von Gipfelgastgeber Emmanuel Macron.

In einem zweiten Schritt solle im September bei der UNO-Vollversammlung eine Amazonas-Initiative gestartet werden. Dabei solle es auch um Aufforstung gehen, sagte Macron. Er hatte das Thema Waldbrände kurzfristig auf die Tagesordnung des Treffens der großen Industrienationen (G-7) gesetzt.