Letztes Update am So, 17.11.2013 13:07

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Reporter auf Leyte

„Wenn es eine Hölle auf Erden gibt, dann ist sie hier in Tacloban“

„Wenn es eine Hölle auf Erden gibt, dann ist sie hier in Tacloban“, berichtet TT-Reporter Jan Hetfleisch vom Ort des Geschehens auf den Philippinen. In den Trümmern der Stadt auf der Insel Leyte spielt sich eine Tragödie ungeahnten Ausmaßes ab. Die Betroffenen haben den Kampf ums nackte Überleben aufgenommen, unterstützt durch Helfer aus aller Welt. Doch eine Woche nach dem Jahrhundertsturm „Haiyan“ fehlt es immer noch am Notwendigsten. Außerdem steigt im Krisengebiet die Seuchengefahr.

Ein Bild der Zerstörung in Tacloban, der Hauptstadt der Provinz Leyte.

© Jan HetfleischEin Bild der Zerstörung in Tacloban, der Hauptstadt der Provinz Leyte.



Von Jan Hetfleisch aus Tacloban

Tacloban, Philippinen – Die Fotos, die in diesen Tagen in Medien aus aller Welt gezeigt werden, sind stumme Zeugnisse des Grauens. Sie zeigen eine Stadt, die durch den mächtigsten Sturm, der jemals auf Land getroffen ist, im wahrsten Sinn des Wortes in ihre Bestandteile zerlegt wurde. Doch was die Bilder nicht vermitteln können, sind Schmerz, Leid und auch der Geruch dieser Tragödie.

„Es liegt ein süßlicher, aber extrem beißender Geruch in den Straßen. Es ist der Geruch des Todes, der unzähligen Leichen die neben den Straßen oder unter den haushohen Schutthalden verschüttet liegen“, beschreibt Jan Hetfleisch, der kurz nachdem das Ausmaß der Katastrophe auf den Philippinen bekannt wurde, in die Krisenregion gereist war.

Es war der 8. November, der für Tausende Menschen in und um Tacloban alles veränderte. In nur wenigen Stunden machte der Taifun „Haiyan“, der auf den Philippinen „Yolanda“ genannt wurde, die rund 220.000-Einwohnerstadt dem Erdboden gleich. Der Jahrhundertsturm brachte Elend und Tod mit sich. Häuser wurden schwer beschädigt oder sind gleich vollkommen verschwunden.

Noel in den Trümmern dessen, was ihm und seiner Famile einst Heimat war. Der 41-Jährige verlor Frau, Kinder und einen Bruder im Sturm.
Noel in den Trümmern dessen, was ihm und seiner Famile einst Heimat war. Der 41-Jährige verlor Frau, Kinder und einen Bruder im Sturm.
- Jan Hetfleisch

Was nicht von der fünf Meter hohen Flutwelle weggespült wurde, haben die Winde, die mit einer Geschwindigkeit von über 300 Kilometern pro Stunde über Tacloban fegten, zerstört.

In den Medien war die Rede davon, dass 80 Prozent der Gebäude unbewohnbar oder komplett vernichtet wurden.

Eine Stadt, ein Totalschaden

In Wahrheit hat Tacloban aber einen Totalschaden davongetragen, denn kein Haus hat den Sturm ohne Beschädigungen überstanden. Bewohnbar ist wohl kaum ein einziges mehr. „Eine vergleichbare Situation habe ich noch nie erlebt. Weder nach dem Beben in Haiti noch nach dem Tsunami. Tacloban ist vollkommen zerstört, es steht kein einziges Haus. Zwischen Bauschutt, umgestürzten Häusern und Bäumen liegen Leichen, die durch die Zerstörung der Straßen nicht geborgen werden können“, bestätigt auch Caritas-Katastrophenhelfer Thomas Preindl die Eindrücke unseres Reporters.

Die Überlebenden versuchen zusammenzuhalten und zu überleben. Doch in der zerstörten Stadt sind die Menschen auf Hilfe von Außen angewiesen.
Die Überlebenden versuchen zusammenzuhalten und zu überleben. Doch in der zerstörten Stadt sind die Menschen auf Hilfe von Außen angewiesen.
- Jan Hetfleisch

Wie wuchtig der Sturm war, zeigen Fahrzeuge, die über haushohe Mauern geflogen waren und völlig zerstört auf Trümmerbergen zu liegen kamen oder Boote, die hunderte Meter im Landesinneren gefunden wurden.

„Die Hilfe ist zwar angelaufen. Aber auch eine Woche nach dem Sturm sind die Rettungskräfte noch nicht in alle Barangya (Stadtteile) Taclobans vorgedrungen“, schildert Hetfleisch die Situation am Samstag.

Besonders in diesen Teilen der Stadt kämpfen die Menschen ums nackte Überleben. Zudem steigt die Gefahr von Seuchen mit jeder Stunde. Denn auch wenn Hilfsgüter immer rascher im Katastrophengebiet eintreffen, sind Tausende Menschen noch immer auf verschmutztes Wasser aus Ziegelbrunnen angewiesen und es wird gegessen, was in den Trümmern der Stadt zu finden ist. „Die erste Hilfsration – fünf Kilogramm Reis pro Familie – ist längst aufgebraucht“, erzählten viele der Betroffenen. Der Bürgermeister der zerstörten Stadt, Alfred Romualdez, hat erst am Freitag angekündigt, dass die Verteilung der zweiten Ration an Lebensmitteln in Kürze anlaufen werde.

Schicksale in einer zerstörten Stadt

Am Freitag traf TT-Reporter Jan Hetfleisch in einem der am stärksten betroffen Stadtteile, am östlichen Küstenabschnitt Noel. Der 41-Jährige verlor in den Sturm seine halbe Familie. Seine Frau, einen Bruder und zwei seiner Kinder riss „Haiyan“ aus dem Leben. Aber Noel bleibt keine Zeit zum Trauern. Zu sehr ist er damit beschäftigt, sein eigenes Überleben und das der übrig gebliebenen Verwandten zu sichern. Er sucht Lebensmittel und vor allem Wasser. Die Nächte verbringt der 41-Jährige mit drei weiteren Familien, die überlebt haben, unter einer notdürftig zusammengebastelten Unterkunft aus Planen.

Essen, was noch essbar erscheint. In manchen Stadtteilen ist Hilfe noch immer nicht angekommen. Die Menschen dort essen das, was sie in den Trümmern finden - und riskieren damit auch ihr eigenes Leben, denn es drohen Seuchen.
Essen, was noch essbar erscheint. In manchen Stadtteilen ist Hilfe noch immer nicht angekommen. Die Menschen dort essen das, was sie in den Trümmern finden - und riskieren damit auch ihr eigenes Leben, denn es drohen Seuchen.
- Jan Hetfleisch

Insgesamt zehn Menschen teilen sich dabei eine acht Quadratmeter große überdachte Fläche. „Wir haben nichts mehr. Alles war wir uns aufgebaut haben hat der Sturm uns genommen“, klagt Noel. Nur mit Glück habe er überlebt. „Ich fand Unterschlupf im ersten Stock einen Hauses meines Freundes. Zum Glück haben die Wände gehalten. Es ist so, als ob man ein zweites Mal geboren wird“, sagt Noel.

Jeder, den der TT-Reporter in diesem Abschnitt trifft, hat eine ähnliche Geschichte zu erzählen, ein ähnliches Schicksal erlitten. Jeder berichtet über Tote in der eigenen Familie. Und meistens sind es mehr als drei Opfer, die zu beklagen sind, Brüder, Schwestern, Eltern oder Kinder, deren Körper bereits gefunden wurden oder von denen noch immer jede Spur fehlt.

Die 18-jährige Joan führt unseren Reporter zur Leiche eines Kindes, das auf den Resten einer Stiege lag. Ihr Körper ist notdürftig mit einer grünen Decke zugedeckt. Es hatte den Anschein als würde das Kind inmitten der Trümmer einfach schlafen. „Das ist meine Schwester. Sie hat den Sturm nicht überlebt“, sagt Joan, die ihre Mine bei dem grauenhaften Anblick nicht verzieht, sondern mit leeren Augen ins Gesicht ihrer Schwester starrt. Der Schock sitzt so tief, dass die 18-Jährige, wie auch Tausende andere, die Realität nicht zu akzeptieren vermag oder die Psyche es nicht zulässt, das Geschehene zu realisieren. Keine Träne vergießt Joan, als sie auch von den anderen Familienmitgliedern, die es nicht geschafft haben, erzählt. Sie starrt auf die schon zu verwesen beginnenden Überreste ihrer Schwester und auf die Trümmer, die einmal ihr Zuhause waren. Wenige später wendet sie ihren Blick ab von ihrem vergangenen Leben und sagt leise: „Ich muss nun weiter. Meine anderen Geschwister benötigen etwas zu essen und zu trinken.“ Mit vorsichtigen Schritten steigt sie über die Trümmer und verschwindet zwischen den Ruinen des Stadtteils.

Opferzahlen werden noch deutlich steigen

Während Tausende Menschen wie Joan oder Noel hier in Tacloban ums Überleben kämpfen, schreiten die Arbeiten der Hilfsorganisationen voran. Am Flughafen Tacloban treffen im Minutentakt Hilfslieferungen und Rettungsmannschaften aus aller Welt ein. Und trotzdem wirken die Bemühungen der Tausenden Helfer wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn noch immer sind die Organisationen, die erst vor Kurzem eingetroffen sind, mit den Aufbauarbeiten ihrer eigenen Einsatzzentralen beschäftigt. Einige schnelle Eingreiftruppen kämpfen sich in die noch nicht erreichten Gebiete. „Schutt und Trümmer sind überall, nur die Hauptstraße ist freigeräumt. Seitenstraßen sind von Trümmern bedeckt. Sogar Betonhäuser sind dem Erdboden gleich. Nicht nur Tacloban ist komplett zerstört, sondern auch alle umliegenden Dörfer“, beschreibt Preindl die Situation.

Das Philippinische Militär sorgt inzwischen für Sicherheit auf den Straßen. Nach dem Sturm war es zu Plünderungen gekommen. Auch dabei gab es Todesopfer. Doch nun hat sich zumindest die Sicherheitslage etwas verbessert. Die Beseitigung der Leichen hat das Militär übernommen. Bis zum Freitag bestätigte die lokale Regierung 3500 Tote. Aber noch unzählige dürften unter den Trümmern liegen. Dass die Opferzahlen noch deutlich steigen werden, zeigen Listen von Vermissten und Toten, erstellt von Angehörigen in den verschiedenen Stadtteilen Taclobans, auf denen zum Teil über tausend Personen stehen.

Doch selbst wenn Opfer geborgen werden, bedeutet das für die Hinterbliebenen noch immer nicht Gewissheit. Denn die rasch einsetzende Verwesung im feuchtwarmen Klima der Philippinen erschwert die Identifizierung der gefundenen Toten. Nur zwölf von hundert Opfern konnten eindeutig identifiziert werden. Für die meisten Angehörigen bedeutet das, dass sie wohl niemals erfahren werden, ob ihr Vater, ihre Mutter, ihre Schwestern und Brüder unter jenen waren, die auf schnellstem Weg in Massengräbern am Stadtrand vergraben wurden. Denn die Gefahr von Seuchen steigt von Tag zu Tag, für langwierige Untersuchungen und Nachforschungen bleibt keine Zeit.

Um diese Gefahr einzudämmen versprüht das Militär Insekten-Vernichtungsmittel in der Stadt, weil diese als Hauptüberträger von Krankheiten gelten. Doch solange zu wenig sauberes Trinkwasser, nicht verdorbene Lebensmittel und effektive Sanitäranlagen vorhanden sind, wird der Ausbruch von Krankheiten kaum zu verhindern sein.

Die „schöne Stadt an der Bucht“

Die Reise des TT-Reporters führt am Samstag aus dem unmittelbaren Brandherd der Krise weiter auf die westlich gelegene Insel Panay. Dort hat der Sturm im Nordwesten der Insel ebenfalls große Schäden hinterlassen. Und während in Tacloban und den umliegenden Dörfern und Städten der Kampf ums Überleben unmittelbar ist, spielt sich dort die Tragödie langsamer ab. Denn auf Panay gibt bei weitem nicht so viele Todesopfer, doch Zehntausenden raubte „Haiyan“ die Lebensgrundlage. Auch dort wird Hilfe benötigt.

Warum die Notmaßnahmen zu Beginn der Krise auf Leyte und in Tacloban nur langsam in Gang gekommen sind, erklärt unser Reporter vor Ort so: „Das Problem ist, dass hier vor allem eines fehlt: die Hauptstadt der Insel und damit die gesamte Infrastruktur, von der aus Hilfe hätte koordiniert werden können. Die Hauptstadt Tacloban ist aber komplett zerstört.“

Die Stadt war das pulsierende Zentrum der Eastern Visayas, der im mittleren Osten der Philippinen gelegenen Inseln. Die „schöne Stadt an der Bucht“, wie sie bisher genannt wurde, hat sich in das verwandelt, was Hetfleisch nur noch als „die Hölle auf Erden“ bezeichnen kann. Eine Hölle, die er verlassen kann und muss, in der nun aber Tausende Menschen auf Hilfe ihrer Landsleute und aus aller Welt angewiesen sind.




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