Letztes Update am So, 06.09.2015 15:04

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Deutschland

Drogenexperiment: Heilpraktiker im kollektiven Rausch

Dutzende Menschen, die im Drogenrausch über die Wiese taumeln - im beschaulichen Handeloh in Norddeutschland dürfte ein solcher Anblick selten sein. Eine Gruppe von Heilpraktikern schluckte offenbar kollektiv zu viel von einer Szenedroge. Ging da ein gemeinsamer Selbstversuch schief?

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© EPA/TIM BRAKEMEIERSymbolfoto.



Handeloh – Menschen torkelten verwirrt umher, lagen herum, halluzinierten. Ein Treffen von etwa 30 Heilpraktikern und Homöopathen in einem Tagungszentrum in Handeloh im Kreis Harburg war mächtig aus dem Ruder gelaufen. Mehr als 150 Rettungskräfte und ein Hubschrauber eilten herbei, um den Menschen im Drogenrausch am Freitagnachmittag zu helfen.

Zwar waren die Betroffenen noch über Stunden kaum vernünftig ansprechbar, die Polizei geht jedoch davon aus, dass die Gruppe mit dem Psychedelikum „2C-E“ experimentiert hat, in Szenekreisen als „Aquarust“ bekannt. Ob die Droge bewusst genommen wurde oder sich einer der Teilnehmer einen überdosierten Scherz erlaubte, stand zunächst nicht fest. Auch am Sonntag wurde nicht bekannt, warum es zu dem Unfall kam - die ersten Verletzten hatten da die Krankenhäuser schon wieder verlassen.

Polizei ermittelt

Die Polizei ermittelt nun wegen des Verdachtes auf eine Straftat, weil sich die 25- bis 55-Jährigen mit der Einnahme des Halluzinogens selbst verletzt und so den Großeinsatz verursacht hätten. Zudem ist „2C-E“ in Deutschland seit Ende 2014 verboten. Die Substanz zählt wie das Amphetamin zu den Phenylethylaminen, verändert die Wahrnehmung von Farben und Geräuschen und ist ein sehr starkes Halluzinogen - lässt also Dinge sehen, die gar nicht da sind.

Legal therapeutisch verwendet wird „2C-E“ nicht, weil nicht genügend über das Suchtpotenzial, mögliche Langfristschäden und die Nebenwirkungen der Psycho-Droge bekannt ist. Nach Einschätzung der Ärzte war es für einige der Betroffenen am Freitagnachmittag „höchste Eisenbahn“ für medizinische Hilfe - sie litten unter schweren Wahnvorstellungen, Krämpfen, Schmerzen, Luftnot und Herzrasen.

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„Wir sind entsetzt und schockiert“

„Krampfanfälle sind meist auch lebensgefährlich“, beschrieb Feuerwehrsprecher Matthias Köhlbrandt den Ernst der Lage. Die Menschen seien vor und in dem Gebäude angetroffen worden. Der erste Notarzt an Ort und Stelle habe die Situation sofort erkannt und den Einsatz hochgestuft. „Massenanfall von Verletzten“ - Gefahrenstufe drei.

Die Leitung des Tageszentrums gab an, die Gruppe sei nicht das erste Mal in Handeloh gewesen. Die meisten Teilnehmer kämen aus Hamburg, sagt die Betreiberin des Tagungszentrum „Tanzheimat Inzmühlen“, Stefka Weiland. „Wir sind entsetzt und schockiert, und wir distanzieren uns von dem, was da vorgefallen ist. Damit haben wir nichts zu tun.“ (dpa)