Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 02.02.2017


Kuriose Gedenktage

Vom Tag des Butterbrots bis zum Welt-Gehör-Tag

Gedenktage gibt es für alles und jeden. Den ersten führten die Vereinten Nationen ein. Heute kann jeder Werber oder Spaßvogel einen kreieren.

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© Thomas Boehm / TT



Von Judith Sam

Innsbruck – Puzzles, Robinson Crusoe, Murmeltiere, Asteroiden, Aids und das Gehör – sie alle haben eines gemeinsam: einen eigenen Gedenktag. 70 Jahre liegt es zurück, dass die Vereinten Nationen (UNO) am 31. Oktober 1947 den ersten Weltgedenktag ins Leben riefen. Ein nicht ganz uneigennütziges Unterfangen – der Tag galt nämlich ihnen selbst.

So gut wie jeder Tag des Jahres ist mindestens einem Thema gewidmet: Der Weltkrebs-Tag am Samstag wird etwa zum Anlass genommen, um mit Mythen und Wissenslücken rund um die gefürchtete Krankheit aufzuräumen. Am europäischen Datenschutztag vergangenen Samstag sollen zahlreiche Aktionen über die Gefahren einer sorglosen Weitergabe persönlicher Daten informieren.

„So lässt sich durch Veranstaltungen und Berichte Aufmerksamkeit für unterschiedliche Probleme generieren“, weiß Karin Hartl-Hubmann von der Abteilung Landesentwicklung und Zukunftsstrategie des Amts der Tiroler Landesregierung. Nach kurzem Zögern ergänzt sie: „Bleibt allerdings dahingestellt, ob alle Weltgedenktage Sinn machen.“ Mittlerweile entwickelte sich daraus nämlich eine Art Gedenktage-Plage.

Beispiele gefällig? Heute ist der Murmeltiertag, morgen feiert man den Tag der männlichen Körperpflege, der 21. Jänner war der Tag der Jogginghose und Montag war der offizielle Ehrentag der Luftpolsterfolie. An deren Sinnhaftigkeit mag man durchaus zweifeln.

Doch Hartl-Hubmann sieht diese inflationäre Entwicklung tolerant: „Manche Gedenktage sind zum Lachen, zweifellos. Aber Lachen hilft auch mal. Und warum soll man einen Jogginghosentag nicht zum Anlass nehmen, den Nachmittag entspannt zuhause beim Spielen mit seinen Kindern zu verbringen?“

Etwas kritischer sieht sie den Asteroiden-Tag am 30. Juni, der heuer erstmals auf der UNO-Agenda steht, um das Bewusstsein für die Gefahr eines Einschlags zu schärfen: „Nette Idee, aber ganz ehrlich: Selbst die NASA gesteht immer wieder ein, dass man so ein Ereignis recht untätig mit­ansehen müsste.“ Wozu also das Bewusstsein schärfen?

Die Entscheidung, was zum Welttag auserkoren wird, obliegt übrigens nicht nur der UNO. Jeder – vom Scherzvögel bis zum Marketingexperten – kann beliebig Themen-Tage ins Leben rufen. Die UNO hat bisher 133, also einen Bruchteil der gesamten Gedenktage, festgelegt. „Internationale Tage werden in der Regel auf Initiative von nationalen Einrichtungen, Mitgliedsstaaten oder der Zivilgesellschaft vorgeschlagen“, sagt Katja Römer von der Deutschen Unesco-Kommission.

Einer dieser offiziellen Tage ist der der nachhaltigen Gastronomie am 18. Juni, der heuer eingeführt wurde. Das Thema Nachhaltigkeit sollte laut Hartl-Hubmann allerdings nicht nur an konkreten Tagen eine Rolle spielen. „Darum haben wir in Tirol für das gesamte Jahr den Arbeitsschwerpunkt ,Tauschen, Teilen und Reparieren‘ ins Leben gerufen. Das spart Geld und schont die Umwelt. Denn Wegwerfen verschwendet Ressourcen und Energie“, sagt Hartl-Hubmann der Wegwerfmentalität den Kampf an.

Doch nicht nur Vereine, Ämter und die UNO haben Interesse daran, durch Welttage an Themen zu erinnern. Auch Kirchen haben dieses Mittel der Reflexion für sich entdeckt. 1967 rief Papst Paul VI. den Welttag der sozialen Kommunikationsmittel aus, um Medien an ethische Prinzipien zu erinnern.

All der Ambition zum Trotz: Die neu kreierten Tage müssen überzeugend sein. Sonst steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie im Wulst der Welttage untergehen. Apropos: Es gibt übrigens schon einen Gedenktag gegen Gedenktage: Der US-Kolumnist Harold Coffin rief ihn 1972 aus, damit man Zeit findet, den Tag einfach so zu genießen, ohne ein konkretes Thema beachten zu müssen.




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