Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 23.04.2014


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Ernst Florian Winter: Leiser Abschied eines Weltbürgers

Ernst Florian Winter ist tot. Er schrieb 1945 als Befreier Geschichte, heiratete eine Tochter aus der weltberühmten Trapp-Familie und war als Diplomat in 83 Staaten tätig. In Osttirol hatte Winter seinen Alterssitz gefunden.

© FunderErnst Florian Winter in seiner Wahlheimat Hopfgarten.



Von Claudia Funder

Hopfgarten i. Def. – Ein außergewöhnliches Leben ging zu Ende. Ernst Florian Winter starb kurz vor Ostern im 91. Lebensjahr. Im Defereggental hatte er im Alter seinen Lebensmittelpunkt gefunden, erst in St. Veit, dann 18 Jahre in Hopfgarten, wo er eine „Berggärtnerei“ betrieb, wie er das Selbstversorgerareal liebevoll bezeichnete. Winter war ein Mann von Welt im besten Sinne. Seine Vita beeindruckt in vielerlei Hinsicht.

1923 als Sohn des späteren Wiener Vizebürgermeisters Ernst Karl Winter geboren, musste die Familie 1938 in die Vereinigten Staaten emigrieren, wo Ernst freiwillig in die Army eintrat – mit ausdrücklichem Wunsch, an der Befreiung Österreichs mitwirken, aber nicht töten zu wollen.

„In der Armee lernte ich neben anderen Kameraden auch zwei Söhne der aus Österreich emigrierten Trapp-Familie kennen, die den Kontakt zu ihrer Schwester Johanna herstellten“, so Winter in Gesprächen mit mir über eine schicksalshafte Begegnung, die lebensprägend wurde.

Doch zuvor schrieb er Geschichte: Im Mai 1945 kam Winter als 22-Jähriger tatsächlich als Befreier zurück nach Österreich und überschritt als erster austro-amerikanischer Soldat im Innviertel die Grenze. „Ich hatte das Glück, nie einen Schuss abgeben zu müssen“, erzählte er später oft erleichtert.

Nach Kriegseinsätzen in Asien ging Winter zurück nach Amerika. Privat fand er bald sein Glück und heiratete Johanna, mit der er sieben Kinder bekam.

Der studierte Politologe und Jurist wurde 1960 nach Österreich zurückberufen und übernahm auf Wunsch Bruno Kreiskys 1964 die Leitung der Diplomatischen Akademie Wien, als erster Direktor. Es folgte eine Reihe verantwortungsvoller Tätigkeiten, etwa als Direktor der Sozialwissenschaft der UNESCO in Paris, als Mitglied des UN-Komitees der Vereinten Staaten zur Erarbeitung einer neuen China-Strategie oder als Vertreter der UN bei diversen Missionen in Genf, Russland, in der Mongolei und zuletzt im Kosovo.

„Ich lebte und arbeitete in 83 Staaten der Welt“, berichtete der Kosmopolit. Der Weitgereiste sprach neben Deutsch auch Englisch, Chinesisch, Japanisch, Russisch und Spanisch. Wo er am liebsten war? „In China“, so Winter über das Land, in dem er fünf Jahre lebte. „Dort haben mich die Herzlichkeit und Bescheidenheit beeindruckt.“

Da Johanna immer schon vom Leben in den Bergen träumte, begaben sich die Winters in fortgeschrittenem Alter auf die Suche nach einem Zuhause am Land. „Ich kannte Osttirol von Kindestagen an und kann mich noch an die beeindruckenden Bilder eines Kalenders mit Motiven aus dieser Region erinnern“, erzählte Winter einmal. Auch Frau Johanna, die bis zuletzt ihre charakteristische „Gretelfrisur“ trug, hatte bereits Sommerurlaube in Prägraten verbracht.

Fünf Jahre lang lebten die Winters im Weiler Gassen in St. Veit im Defereggental, dann erwarb man einen Grund in Hopfgarten. Ein 300 Jahre alter Bauernhof in St. Leonhard im Passeiertal war gekauft, abgetragen und in Hopfgarten wieder aufgestellt worden. Übersiedeln musste Ernst Florian Winter allerdings alleine, denn kurz zuvor war seine geliebte Johanna verstorben.

Als Berggärtner auf seinem „Hoamatl“ fühlte sich Winter wohl, die Osttiroler bezeichnete er als „offen und herzlich“. Im Mai 2010 reiste Winter mit einer Osttirol-Delegation nach China, um die freundschaftlichen Beziehungen zu festigen und Chinesen von Osttirol zu begeistern.

Ernst Florian Winter war bis ins hohe Alter ein hochgeschätzter Vortragender in der diplomatischen Akademie und widmete sich zuletzt verstärkt dem Diplomaten-Nachwuchs im Kosovo.

Er wurde für seine Verdienste unter anderem mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst, dem Egon Ranshofen Wertheimer Preis, dem Weltmenschpreis und dem Ehrenzeichen für Verdienste um die Befreiung Österreichs ausgezeichnet. Seit Herbst 2012 wohnte er wegen seines schlechter werdenden Gesundheitszustandes bei den Barmherzigen Brüdern in Klosterneuburg.

Noch gestern war das Ableben Winters in Osttirol kaum bekannt. Es war ein leiser Abschied. Betroffen zeigte sich BM Franz Hopfgartner in einer ersten Reaktion im Gespräch mit der TT: „Es war beeindruckend, wenn Ernst Florian Winter aus seinem spannenden Leben erzählte. Er hatte ein fotografisches Gedächtnis, konnte sich an kleinste Details erinnern“, so der Hopfgartner Ortschef, der ihn gut kannte.

Ernst Florian Winter hinterlässt neben seinen Kindern 26 Enkel und fünf Urenkel. Er wird am 30. April in Wien beigesetzt. Am 1. Mai um 19 Uhr liest Kardinal Christoph Schönborn im Stephansdom eine Seelenmesse.