Letztes Update am Di, 19.08.2014 06:44

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Joey Kelly

„Ich würde meine Musik nicht kaufen“

Warum Joey Kelly einen frisch überfahrenen Hasen verspeiste, die Kelly Family ohne den Sport nicht überlebt hätte, froh ist, heute nicht mehr von Trauben von Fans vor jedem Hotel erwartet zu werden, und seine Musik niemandem zumuten würde.



Joey Kelly, im Jahr 2011 liefen Sie von der Nordsee zur Zugspitze – ohne Geld oder Nahrung im Gepäck. Im selben Jahr legten Sie 217 Kilometer bei 50 Grad im Schatten durch die amerikanische Death-Valley-Wüste und 400 Kilometer am Südpol, bei minus 24 Grad, zurück. Was motiviert Sie zu solchen, doch etwas masochistischen, Touren?

Joey Kelly: (lacht) „Masochistisch“, das trifft es. Aber ich habe Spaß an der Herausforderung, dem Abenteuer, den damit verbundenen Reisen, dem Wettkampfgedanken und dem Sport als Ausgleich. Ich mag aber auch die witzigen Aspekte – etwa wenn ich an Stefan Raabs Wok-WM oder dem Turmspringen teilnehme.

Wovon ernährten Sie sich, als Sie zu Fuß die 900 Kilometer quer durch Deutschland zurücklegten?

Kelly: Je nachdem, was ich unterwegs entdeckt habe. Mal habe ich Äpfel vom Baum gegessen, mal einen Hasen zubereitet, den ich frisch überfahren am Straßenrand gefunden habe und mal waren es Pizzareste, die ich im Müll gefunden habe. Nahrungsmittel zu essen, die andere weggeworfen haben – so etwas wäre für mich davor nie, niemals in Frage gekommen. Ich würde nicht mal den Pizzarand essen, den mein Bruder übrig gelassen hat. Aber bei der Tour waren Hunger und Verzweiflung so groß, dass ich meine Prinzipien neu gesetzt habe. Es war ein Hungermarsch, auf dem ich täglich 8000 Kalorien verbrannt und nur 400 zu mir genommen habe. Mein Körper lechzte nach Komfort – er geriet regelrecht in Hysterie. Aber nach vier, fünf Tagen hatte er sich an die Entbehrung gewöhnt und ich habe neue Überlebensfähigkeiten entwickelt: In den ersten Tagen musste ich drei Mal schauen, bis ich etwas Essbares gefunden habe. Bald reichte ein Blick.

2012 durchquerten Sie Amerika binnen 16 Tagen. Auf dem 5000 Kilometer langen Weg starteten Sie ebenfalls ohne Nahrung oder Fortbewegungsmittel. Wie schafften Sie es, die Distanz trotzdem zurückzulegen?

Kelly: Ich habe ein Album vorbereitet, in dem ich mich selbst vorstelle – von der Zeit, als ich ein Mitglied der Kelly Family war, bis zu meiner aktuellen Extremsportlaufbahn. So konnte ich die Amerikaner rasch davon überzeugen, dass ich vertrauens- und glaubwürdig bin und sie unterstützten mich mehr, als ich es je erwartet hätte. Ich habe die Passanten jeden Tag etwa fünf Stunden lang um ihre Hilfe gebeten – ob in Form von Geldspenden oder Nahrungsmitteln – und so täglich rund 600 Euro eingenommen. Bald musste ich nicht mehr betteln, sondern kaufte mir ein Auto, fuhr los, kaufte mir ein besseres Auto …

Bevor die Kelly Family 1999 den großen Durchbruch erzielte, musizierten Sie 20 Jahre auf der Straße. Konnten Sie Teile des Wissens, das Sie dort erworben haben, auf der Tour durch Amerika nutzen?

Kelly: Oh ja. Die Straße war eine harte, aber interessante Schule. In den Jahren, als wir mit unserer Straßenmusik grade so überleben konnten, habe ich gelernt, Menschen, Gefahren und Situationen innerhalb kürzester Zeit einzuschätzen. Während des Trips durch Amerika habe ich aus Prinzip auf der Straße übernachtet, egal wie viel Geld ich hatte und egal wie gefährlich die Stadt war. In den Metropolen, in denen Nacht für Nacht mehrere Menschen ermordet werden, war das nicht ganz unriskant. Aber ich setzte mein „Straßenwissen“ ein und suchte mir sichere Schlafplätze, an denen ich nicht gesehen werde. Das klappte tadellos, ich würde es aber keinem anderen empfehlen.

Die Straße war Ihre einzige Schule, denn eine konventionelle Ausbildung haben Sie nie genossen. War das ein Nachteil?

Kelly: Nein, gar nicht. Meine acht Geschwister und ich waren immer auf der Flucht, denn schon damals galt die Schulpflicht. Aber mein Vater hatte entschieden, uns selbst zu unterrichten.

Sie meinten einmal, Ihr Vater, der 2002 verstorben ist, habe ohne Angst gelebt. Ist diese Einstellung visionär oder naiv?

Kelly: Ich sehe es positiv. Er war ein mutiger Mann ohne Existenzängste, der frei gelebt, an seine Philosophie geglaubt und sie ausdauernd verfolgt hat.

Durch ihn wurde Ihre sportliche Motivation nicht geweckt. Denn für Ihren Vater war Sport Luxus. Woher kommt also Ihre „Sucht“ nach Bewegung?

Kelly: Eine Wette war der Grund. Ich sagte zu einem meiner Geschwister, dass ich einen Triathlon schaffen würde und kurz darauf war das der Fall. Damit wurde Sport lebensnotwendig für mich. Ohne ihn als Ausgleich hätte ich die Zeit in der Kelly Family nicht überlebt – vor allem die vier Jahre, in denen ich Geschäftsführer des Familienunternehmens war. Dank des Sports wurde ich eine Art Einzelkämpfer, lernte, Aspekte davon auf die Arbeit zu übertragen und diese so durch Disziplin, Ehrgeiz und Wettkampfgedanken zu optimieren.

Wie empfanden Sie die Fan-Euphorie während der Zeit in der Kelly Family?

Kelly: Am einen Tag kannte uns noch kein Mensch, dann wurden wir über Nacht mit dem Album „Over the Hump“ weltberühmt. Dutzende Fans warteten auf uns, egal wo wir waren. Mein Glück war, dass ich nicht in deren Fokus stand. Meine Brüder Paddy und Angelo hatten die anstrengendste Zielgruppe – die Bravo-Kids sozusagen, die nicht klar denken, wenn sie vor ihren Idolen stehen. Wenn ich das Hotel verlassen habe, fragte ich die Fans: „Was wollt ihr – Unterschrift, Foto?“ Waren ihre Wünsche erfüllt, ließen sie mich in Ruhe meine Wege gehen. Paddy und Angelo hingegen wurden von ihnen regelrecht verfolgt. Wenn ich heute aus einem Hotel gehe und Trauben von Fans sehe, die etwa auf Bands wie „One Direction“ warten, denke ich mir: „Bin ich froh, dass ich das hinter mir habe.“

Meinen Sie, Paddy hat sich als Fluchtreaktion darauf für ein Leben im Kloster entschieden?

Kelly: Er würde das verneinen und sagen, es sei Berufung gewesen. Aber ich sage, die Fanhysterie war genau der Grund.

Musizieren Sie heute noch?

Kelly: (lacht) Nein. Ganz ehrlich: ich würde meine eigene Musik nicht kaufen und will das auch keinem anderen zumuten.

Und an welchen Sport-Plänen tüfteln Sie derzeit?

Kelly: 2015 will ich in 80 Tagen die Welt umrunden, nach demselben Konzept wie bei dem Amerika-Projekt.

Bei all den Höchstleistungen, die Sie bisher gemeistert haben – was war Ihr größter Erfolg?

Kelly: Der ist nicht sportlicher Natur, sondern dass ich seit 17 Jahren glücklich verheiratet bin.

Das Interview führte Judith Sam




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