Letztes Update am Do, 10.12.2015 11:48

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Natur

Abschmelzen der Gletscher geht unvermindert weiter

Die von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik regelmäßig vermessenen Gletscher in den Hohen Tauern sind heuer extrem stark geschmolzen.

Die Pasterze. - Archivbild.

© OEAVDie Pasterze. - Archivbild.



Wien — Begonnen hat das Jahr für Österreichs Gletscher noch erfreulich. Im Winter fiel im Bereich des Alpenhauptkammes um etwa zehn Prozent mehr Schnee als im vieljährigen Mittel. Aber Österreichs zweitwärmster Sommer der Messgeschichte brachte Schnee und Eis dann extrem zum Schmelzen, sagt Bernhard Hynek von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG): „Die Abschmelzraten waren auf allen von uns vermessenen Gletschern in den Hohen Tauern im Bereich der Rekordwerte aus dem Jahr 2003. Die Pasterze, Österreichs größter Gletscher, ist im unteren Bereich von Herbst 2014 bis Herbst 2015 um bis zu zehn Meter dünner geworden." Über den gesamten Gletscher gemittelt, sei die Eisdicke innerhalb dieses Jahres um etwa 1,5 Meter zurück gegangen. Das sind die höchsten Werte seit die ZAMG 2004 mit den jährlichen Massenbilanzmessungen begonnen hat.

Die markante Gletscherzunge der Pasterze zerfiel somit auch in diesem Jahr immer mehr. Unter dem gegenwärtigen Klima wird die Gletscherzunge noch in diesem Jahrhundert überhaupt verschwinden, sagt Gletscherforscher Hynek: „Bei einer maximalen Eisdicke von derzeit rund 200 Metern und einem mittleren Eisdickenverlust von fünf Metern pro Jahr, ist zu erwarten, dass die Gletscherzunge der Pasterze schon bis zum Jahr 2050 fast vollkommen verschwunden sein wird."

Schmelzen der Pasterze in den letzten Jahren immer stärker

Die Pasterze hat auch in den für Österreichs Gletschern relativ günstigen Jahren 2013 und 2014 viel an Masse verloren, da das Temperaturniveau in den letzten Jahren generell sehr hoch war. Vergleicht man die gegenwärtigen Änderungen der Eisdicke mit denen aus der Vergangenheit, so sticht die Beschleunigung der Gletscherschmelze an der gesamten Pasterze in den letzten beiden Jahrzehnten hervor. „Während die Pasterze im Zeitraum von 1969 bis 1998 im Mittel über die gesamte Fläche 0,65 Meter an Eisdicke verloren hat, war es zwischen 1998 und 2012 schon mehr als doppelt so viel: nämlich 1,41 Meter", betont Bernhard Hynek.

Schmelzwasser verstärkt Effekte der Klimaerwärmung

Um den Rückgang der Eisdicke besonders im Bereich der Gletscherzunge, also im unteren Bereich des Gletschers, detailliert zu berechnen, wurde 2015 von den Glaziologen der ZAMG mittels terrestrischer Photogrammetrie ein neues Höhenmodell der Pasterzenzunge erstellt. Die Daten zeigen, dass sich hier die mittleren Absinkbeträge von 1,8 Meter (1969-1198) auf 4,3 Meter (1998-2012) bis 5,1 Meter (2012-2015) gesteigert haben. Den Grund dafür sieht Gletscherforscher Hynek neben der allgemeinen Erwärmung auch in einem Feedback-Mechanismus: „Durch die starke Schmelzwasserproduktion und die geringen Fließgeschwindigkeiten an der Gletscherzunge wird der Gletscher zusätzlich von Schmelzwasserflüssen von unten und von der Seite erodiert."

Auch Gletscher in der Sonnblickgruppe gingen zurück

Die von der ZAMG im Gebiet der Sonnblickgruppe vermessenen Gletscher sind in diesem Jahr ebenfalls stark geschmolzen. Das Goldbergkees hat im Mittel 1,8 Meter Eisdicke verloren, das Kleinfleißkees 1,5 Meter. Beide Werte sind aber nicht ganz so extrem, wie die Rekordwerte aus den Jahren 2003 und 2012. Der Grund dafür ist, dass 2013 und 2014 etwas Firn in den höher gelegenen Gebieten der Gletscher aufgebaut werden konnte. Nach dem Abschmelzen des Winterschnees in diesem Sommer kam oft der relativ helle Firn der Vorjahre zu Tage. Auf Grund seiner Helligkeit reflektiert er die Sonnenstrahlung stärker als Eis und schmilzt somit langsamer. (TT.com)

Die Zunge der Pasterze aufgenommen am 22. September 2010 (l.) und am 19. September 2014 (r).
Die Zunge der Pasterze aufgenommen am 22. September 2010 (l.) und am 19. September 2014 (r).
- APA
Die Eisdicke im Bereich der Gletscherzunge ging zunächst im Mittel um 1,8 Meter pro Jahr zurück (Zeitraum 1969-1998), dann um 4,3 Meter (1998-2012) und schließlich um 5,1 Meter pro Jahr (Zeitraum 2012-2015).
Die Eisdicke im Bereich der Gletscherzunge ging zunächst im Mittel um 1,8 Meter pro Jahr zurück (Zeitraum 1969-1998), dann um 4,3 Meter (1998-2012) und schließlich um 5,1 Meter pro Jahr (Zeitraum 2012-2015).
- ZAMG