Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 09.02.2016


Exklusiv

Nach tödlichem Lawinenunglück: Streit um Warnstufe “3“

Nach dem Lawinenunglück mit fünf Toten ist einmal mehr die Gefahrenskala Thema. Doch ob es mehr Warnstufen braucht bzw. eine Umbenennung der Warnstufe „3“, entzweit selbst die Experten.

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Von Irene Rapp und Theresa Mair

Innsbruck – Früher mag alles ein wenig einfacher gewesen sein: Bis Anfang der 90er-Jahre umfasste nämlich der Lawinenlagebericht in Österreich sechs Warnstufen, bei den Franzosen bzw. Italienern waren es sogar acht. „Mit mehr Stufen hatte man mehr Möglichkeiten, die Schneeverhältnisse bzw. Lawinengefahr am Berg differenzierter abzubilden“, sagt Peter Höller vom Bundes-Institut für Naturgefahren mit Sitz in der Innsbrucker Hofburg.

Vor über 20 Jahren einigten sich die Europäischen Lawinenwarndienste dann jedoch auf 5 Warnstufen – und seitdem ist vor allem der „3“er immer wieder Thema.

„An einem Drittel der Wintertage herrscht Lawinenwarnstufe 3. An diesem einen Drittel der Tage ereignen sich jedoch zwei Drittel der Lawinenunfälle“, weiß Michael Larcher vom Alpenverein. Für ihn liegt die logische Schlussfolgerung auf der Hand: Der „3er“ – der mit dem Wort „erheblich“ ergänzt ist – wird nach wie vor von vielen Wintersportlern unterschätzt. In dieselbe Kerbe schlägt Höller: „Die fünfteilige Skala erinnert an das Schulnotensystem“, mit dem „3er“ werde das „Befriedigend“ aus Kindheitstagen assoziiert.

Die derzeitige Gefahrenskala besteht aus fünf Stufen: Vor allem die Stufe „3“ – „erheblich“ ist vielen Experten ein Dorn im Auge.
- APA

Auch das Lawinenunglück vom Samstag am Geier im Wattental ereignete sich bei Warnstufe 3. Fünf Tschechen kamen dabei ums Leben, „das war der schwerste Unfall seit 2009“, weiß Höller. Für ihn ist daher einmal mehr der Zeitpunkt gekommen, um über eine Umbenennung des „3ers“ nachzudenken – „mit einem Schlagwort, welches die Verhältnisse bei dieser Warnstufe schärfer formuliert“.

Ebenfalls dafür ausgesprochen hatte sich Rudi Mair vom Lawinenwarndienst des Landes in einem TT-Interview: Die Bezeichnung „erheblich“ würde das Risiko nicht abbilden, der Alpenverein die Umbenennung aber verhindern, meinte er. „Eine Polemik, die unwahr ist“, wie Larcher reagiert. Zwar sei der Alpenverein der Meinung, dass eine Umbenennung keinen Fortschritt bringe. „Allerdings kann eine Entscheidung nur von der Plattform der Europäischen Lawinenwarndienste getroffen werden. Und sollte eine Umbenennung der Fall sein, werden wir das natürlich mittragen und in unsere Ausbildungskonzepte integrieren.“

Zweifel an der Effizienz der aktuellen Skala hat auch der Tobadiller Statistiker Christian Pfeifer. Bereits vor 15 Jahren habe er erstmals das Risiko für Tourengeher auf einzelnen Hängen auf Basis statistischer Daten berechnen wollen. Beim Kuratorium für alpine Sicherheit und dem Alpenverein sei er mit dem Vorschlag damals abgeblitzt. „Die haben uns kein Geld gegeben.“ Jetzt hat Pfeifer die Warnstufen im Auge: Mit Hanno Ulmer (Department für Statistik an der Med-Uni Innsbruck) und Peter Höller will er jetzt wieder einen Vorstoß wagen und im Mai einen Förderungsantrag einreichen. Anhand von Daten möchten die Forscher herausfinden, wie die Zahl der Lawinentoten und -unfälle, die Frequenz der Tourengeher sowie die Schnee- und Wetterverhältnisse zusammenspielen. Ihr Ziel ist eine neue Lawinengefahrenskala. „Wir haben zum Teil Datenmaterial, das bis 1967 zurückreicht. Andere müssen wir noch erheben. Niemand weiß z. B., wie viele Tourengeher in Österreich unterwegs sind.“ Was sich für Pfeifer aber jetzt schon abzeichnet: Die Skala wird wahrscheinlich mehr als fünf Stufen haben. Eswäre die erste, die sich auf Datenmaterial stützt.