Letztes Update am Do, 16.02.2017 08:42

DPA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Natur

Krise in der Mongolei: Tierseuche tötet gefährdete Saiga-Antilopen

Ein Virus könnte die seltene Mongolische Saiga-Antilope ausrotten. Die Tiere mit der Rüsselnase sterben innerhalb weniger Tage nach den ersten Symptomen. Auch die Viehzucht der Mongolei ist in Gefahr.

Die Saiga-Antilopen sind vom Aussterben bedroht.

© AFP PHOTO / ANATOLY USTINENKO ADie Saiga-Antilopen sind vom Aussterben bedroht.



Ulan Bator – Eine gefährliche Seuche bedroht die ohnehin stark gefährdete Mongolische Saiga-Antilope. Experten schlagen Alarm, dass die seltene Unterart in der Region aussterben könnte – mit schweren Folgen für das Ökosystem des mongolischen Graslandes. Rund 40 Prozent der 10.000 der im Westen des Landes noch lebenden Saigas sind diesen Winter bereits verendet. Tausende mehr könnten dem Virus in den nächsten Wochen noch zum Opfer fallen. Es ist der erste bekannte Ausbruch der so genannten Pest der kleinen Wiederkäuer (Pseudorinderpest, PPR) unter den Antilopen.

Bis zu 90 Prozent der infizierten Tiere sterben an der Krankheit, die eng verwandt mit der Rinderpest ist. „Die hohe Sterblichkeit deutet darauf hin, dass die Saigas sehr empfindlich auf die Krankheit reagieren“, berichtet Amanda Fine, Tierärztin der Wildlife Conservation Society. „Die Infektion löst eine virale Lungenentzündung aus.“ Außer den Atemwegen sei der Magen-Darm-Trakt betroffen. „Die Tiere sterben wenige Tage nach den ersten klinischen Zeichen durch Dehydrierung und Schwäche durch die Krankheit.“

Virus vermutlich aus China eingeschleppt

Die Tierseuche war im September erstmals in der Mongolei unter Ziegen und Schafen ausgebrochen. Vermutlich hatten Tiere aus China das Virus eingeschleppt. „Die Saigas und das heimische Vieh grasen auf den gleichen Weiden“, erklärt die Veterinärin den Ausbruch. So hätten die Antilopen das Virus aufgenommen. Besonders in der Paarungszeit im Winter stünden die Saigas in großen Gruppen zusammen, so dass sich das Virus durch den engen Kontakt schnell verbreiten könne.

Wegen ihrer in der traditionellen chinesischen Medizin beliebten Hörner sind die Tiere ohnehin schon durch Wilderei bedroht. Auch konkurriert die Antilope mit der charakteristischen rüsselartigen Nase mit anderen Tieren um Weideland und Nahrung. „Die zusätzlichen Auswirkungen durch eine Krankheit wie diese Seuche, die die Population um 90 Prozent verringern könnte, bedeuten ein Risiko, dass sie aussterben können“, warnt Fine.

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Verschwinden die Saigas, ist auch das Gleichgewicht des mongolischen Graslandes bedroht. Wenn ein wesentlicher Pflanzenfresser verschwinde, verändere sich das Ökosystem, erklärt Professor Richard Kock vom Londoner Royal Veterinary College, der im Krisenstab der UN-Landwirtschaftsorganisation (FAO) und der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) gegen die Seuche kämpft. Die Population der Fleischfresser werde beeinflusst, der Druck auf die Viehbestände und andere Beutetiere nehme zu.

„Das PPR-Virus ist eine junge Krankheit mit einem hochansteckenden Virus, für den Saigas unglücklicherweise sehr empfänglich sind“, sagt Kock. „Aber das könnte auch daran liegen, dass die Antilopen in schlechtem Zustand sind, weil ihre Weideflächen durch übermäßige Viehzucht abnehmen.“

Auswirkungen auf Artenvielfalt katastrophal

Experten fürchten, dass sich die Krankheit auf andere Wildtiere oder noch weiter unter den 55 Millionen Stück Vieh ausbreiten könnte, von denen das Einkommen und Leben vieler Mongolen abhängt. Mit seinen 22 Millionen Ziegen ist das Land der zweitgrößte Produzent von Kaschmirwolle – und unter anderen Wildtieren sind schon Infektionen des Sibirischen Steinbocks und der Kropfgazelle entdeckt worden.

„Das Virus verbreitet sich seit einigen Jahren in Asien – trotz Impfungen, die allerdings auch weitgehend unkoordiniert, sporadisch und unwirksam waren“, berichtet Bouna Diop von der FAO. Er fordert entschlossenes Handeln, weil sich die Krankheit sonst vom Westen der Mongolei in den Osten und die Mitte ausbreiten könnte. Die Folgen für das sozio-ökonomische Gefüge des armen Landes, die Nahrungsmittelsicherheit und die Artenvielfalt wären „katastrophal“.

Um wirksam gegen das Virus anzugehen, müssten die tiermedizinischen Möglichkeiten auf allen Ebenen in der Mongolei ausgebaut und das Ausmaß der Krankheit besser erfasst werden, fordert FAO-Experte Diop. Impfungen müssten je nach Risiko gut koordiniert werden. Auch müsse die Qualität des Impfstoffes gesichert sein.

Die Krise in der Mongolei ist auch ein Weckruf, die Bemühungen im Kampf gegen die Pest der kleinen Wiederkäuer auf globaler Ebene zu verstärken, sagt FAO-Vizegeneraldirektor Ren Wang. „Es müssen mehr Mittel bereit gestellt werden, um eine weitere Ausbreitung des Virus in der Mongolei ebenso wie in Kasachstan, Russland und China zu vermeiden, wo die jüngsten Ausbrüche berichtet wurden.“