Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 12.08.2017


Blick von Außen

Nachhaltige Mobilität – geht das?

Um die globale Erderwärmung aufzuhalten, müssen die Mechanismen, Funktionsweisen und Erfolgsbedingungen von Wirtschaft und Gesellschaft auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sein. Dazu braucht es unser Engagement.

Zeit für ein Umdenken: Der Verkehrssektor ist das größte Sorgenkind der österreichischen Klimabilanz.

© E+Zeit für ein Umdenken: Der Verkehrssektor ist das größte Sorgenkind der österreichischen Klimabilanz.



Von Sigrid Stagl

Rechnerisch ist es längst klar. Um die im Paris-Abkommen vereinbarte Grenze der globalen Erwärmung von 1,5 bis 1,8 Grad zu schaffen, müssen weltweit alle Klimagas-Emissionen in wenigen Jahrzehnten auf null gebracht werden. Dabei sind Österreichs Emissionen trotz Energieeffizienzsteigerung noch immer gleich hoch wie 1990. Der Verkehrssektor ist mit 60 Prozent höheren Emissionen als 1990 das größte Sorgenkind der österreichischen Klimabilanz.

Grünes Wirtschaftswachstum

Die bequeme Lösung ist, die auch der gelebten Politik entspricht: grünes Wirtschaftswachstum. Grüne Technologien, neue Geschäfts­ideen und umweltorientierte Lebensstile sollen Emissionen reduzieren und weiterhin Gewinne und BIP steigern. Dabei werden Emissionen und Ressourcenverbrauch pro produzierter Einheit reduziert, doch es wird immer mehr hergestellt. Letzteres wirkt sich wiederum negativ auf die Umwelt aus. Die von ÖAMTC und Ökosozialem Forum geforderte Neuauflage der Ökoprämie ist ein klassisches Beispiel für die Strategie grünes Wirtschaftswachstum. Die Verjüngung des Pkw-Bestandes führt zu geringeren Emissionen pro gefahrenem Kilometer. Die neuen Fahrzeuge müssen aber erst einmal hergestellt werden, was Energie und Ressourcen verbraucht. Berechnungen, die den ganzen Lebenszyklus der Fahrzeuge umfassen, zeigen, dass eine Verschrottungsprämie zu keiner Reduktion von Treibhausgas-Emissionen führt, nicht einmal bei Vielfahrern. Es handelt sich also eher um eine Wachstumsbeschleunigungsmaßnahme denn eine Umweltmaßnahme.

Autonomes Fahren

Von ungesunden Verbrennungsmotoren auf Elektromotoren umzustellen, ist zwar ein Gebot der Stunde, doch verbraucht auch die Herstellung der innovativen und schicken Autos von Elon Musk viel Energie und Ressourcen. Autonomes Fahren mit Elektromotoren, die mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen gespeist sind, hat hingegen transformatives Potenzial. Durch die höhere Nutzungsdichte werden die absurd hohen Stehzeiten der Fahrzeuge drastisch gesenkt. Ein Bruchteil des bisherigen Bestandes an Fahrzeugen reicht aus — und sie bieten auch noch mehr. Bequemer als ein Mietwagen, der sich per Smartphone herbeipfeifen lässt und sich am Ziel selbst einen Parkplatz sucht, kann kein eigenes Auto sein.

Infrastruktur schafft Verkehr

Sigrid Stagl ist Professorin für Umweltökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien.
Sigrid Stagl ist Professorin für Umweltökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien.
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Ein Grundprinzip der Transportökonomie ist, dass zusätzliche Infrastruktur Verkehr schafft. Dabei gilt, dass der Ausbau des Straßennetzes zu mehr Autoverkehr führt. Der Ausbau von Flughäfen führt zu mehr Flugbewegungen. Der Ausbau und die Verbesserung von öffentlichem Personennahverkehr bringt höhere Fahrgastzahlen. Der Ausbau von Radwegen bringt mehr Radler — und geringere Gesundheitskosten, wenn die Radwege sicher angelegt sind. Und je angenehmer und sicherer es ist, zu Fuß zu gehen, umso mehr wird diese Mobilitätsoption gewählt. Noch besser geht's, wenn die Optionen im Verbund gedacht werden. Kohlenstofffreie Mobilitäts­arten wie das Zufußgehen oder das Radfahren stellen aus der Perspektive der Umwelt und Gesundheit die beste Variante dar, sind aber auch von der Siedlungsstruktur abhängig und nicht immer praktisch. Attraktive Lösungen für die täglich wiederkehrenden Wege müssen geschaffen werden. Wer etwas zu transportieren hat, kann sich in manchen Gegenden schon jetzt per Lastenfahrrad beliefern lassen oder pfeift sich in Zukunft einen autonomen Elektro-Van herbei. Wer mal mit High Heels schick ausgeht, lässt sich autonom chauffieren. So schön kann nachhaltige Mobilität sein.

Arbeitsplatz-Effekte

Wie sieht es mit den Arbeitsplatz-Effekten der verschiedenen Infrastrukturprojekte aus? Eine Studie des „Political Economy Research Institute" der Universität von Massachusetts Amherst aus dem Jahr 2011 verglich die Auswirkungen von Infrastrukturprojekten in der Stadt Baltimore. Demnach schufen Ausgaben in Höhe von einer Million Dollar für Fußgänger- und Radwege 11 bis 14 Arbeitsplätze, während Investitionen in derselben Höhe im Straßenbau nur sieben Arbeitsplätze schufen.

Wenn Massen verreisen

Schwieriger ist es bei Fernreisen. Nachhaltigkeit ist für die Flughäfen Wien und München seit vielen Jahren ein wichtiges Unternehmensziel — so die Werbeunterlagen. Im Gebäudemanagement und im Fuhrpark der Flughäfen werden tatsächlich Anstrengungen unternommen und Energieeinsparungen erzielt. Freilich ist es wünschenswert, diese Einsparungen im Flughafenbetrieb zu realisieren. Aber diese Emissionseinsparungen stehen in keinem Verhältnis zu den Emissionen, die Flüge verursachen. Häufige Fernreisen unbedenklich erscheinen zu lassen, ist eine notwendige Strategie, um in einer gesättigten westlichen Welt weiterhin Absatz und Wirtschaftswachstum zu ermöglichen. Warum nicht weit reisen, wenn die Bungalows des sanften Tourismus-Camps die empfindsame Natur möglichst wenig stören? Waren wir ohne Namibia-Urlaub in den 70er- und 80er-Jahren wirklich unglücklich? Es ist eben keine Öko-Strategie, Produkte erst neu zu promoten und dann die gröbsten Auswüchse zu korrigieren. Der Langstreckenflug, den man früher gar nicht unternommen hätte, wird nicht dadurch für die Umwelt unbedenklich, dass die Düsen des Flugzeugs plötzlich energieeffizient konstruiert werden. Hier gilt klar: Weniger ist mehr. Weniger Fernreisen sind klimaschonender. In der Urlaubszeit Fernreisen zu kritisieren, ist heikel, aber als Wissenschafterin interpretiere ich die empirische Evidenz, und die basiert bis auf Weiteres nicht auf Solarflugzeugen. Es gibt einfache Faustregeln: Wandern vor Fahrrad vor Bus und Bahn vor Auto vor Flugzeug. Oder: Je weiter weg Sie fahren, desto länger sollten Sie dort bleiben; und desto seltener hinfahren. Fliegen nur bei richtig langen Strecken — und entsprechend langem Aufenthalt. Und sich im Ressourcenverbrauch vor Ort an den Einheimischen orientieren. Das Problem ist nicht der einzelne Tourist. Es sind die Massen, die zu häufig und zu schnell reisen und sich schlecht an die lokalen Bedingungen anpassen. Viele Geschäftsreisen werden schon durch Videokonferenzen ersetzt — und gleichzeitig wird Geld gespart und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtert.

Geförderte Flugreisen

Die sozioökonomische Literatur zu nachhaltigem Handeln betont neben dem Konsumenten die Rolle von Gesellschaft und Politik. Obwohl 40 Prozent der Destinationen von in Wien startenden Flügen ohne Umsteigen mit der Bahn erreichbar sind, werden Flugreisen gefördert. Das Einstellen von erfolgreichen Schlafwagenrouten im internationalen Bahnverkehr ist ein Armutszeugnis für die europäische Verkehrspolitik. Eine internationale Flugreise zu buchen, ist nicht nur einfacher, sondern meist auch billiger als die gleiche Strecke per Bahn. Kerosin wird bekanntlich nicht besteuert und in Österreich wurde die Ticketsteuer zuletzt reduziert. Bei Letzterer wurde mit der Wettbewerbsfähigkeit des Flughafenstandorts argumentiert und dafür entfernte man sich noch weiter vom ökonomischen Grundprinzip, dass diejenigen, die Kosten verursachen, sie auch tragen sollen. Selbstverständlich verursacht Klimawandel Kosten — schon jetzt und in Zukunft noch mehr. Derartige Steuer- und Abgabenstrukturen sind unökonomisch und ungesund.

„Perverse Subventionen"

Die umweltschädlichen Subventionen beliefen sich laut Wirtschaftsforschungsinstitut in Österreich im Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2013 auf 3,8 bis 4,7 Mrd. Euro pro Jahr, und trotz knapper öffentlicher Budgets ist kein Abbau davon in Sicht. Die Subventionen entfielen etwa zur Hälfte auf den Verkehr, zu über einem Drittel auf den Bereich Energie und zu knapp 14 Prozent auf den Bereich Wohnen. Dem österreichischen Fiskus entgehen jährlich durch die Mineralölsteuerbefreiung von Kerosin mehrere hundert Millionen Euro. Besonders klimaschädlicher Verkehr wird durch Steuerverzicht gefördert. Weltweit werden fossile Energieträger mit 5,3 Billionen Dollar subventioniert. Das ist mehr, als für den Gesundheitssektor ausgegeben wird. In der Literatur nennt man solche Förderungen auch „perverse Subventionen".

Auf Nachhaltigkeit fokussiert

Mit zunehmender Orientierung an der Wettbewerbsfähigkeit des Standortes nimmt sich die Politik die Möglichkeit, verantwortungsvoll zu agieren, und verschiebt die Erwartungen für nachhaltiges Handeln weg von der politischen Ebene hin zum privaten Handeln. Doch liegt bei Klimaschutz das größte Potenzial nicht im umweltbewussten Einkauf, Ökotourismus und bei Elektroautos, sondern im Engagement von Bürgerinnen und Bürgern, Gruppen und der Politik für eine sozial-ökologische Transformation. Dies bedeutet ein Engagement dafür, dass die Mechanismen, Funktionsweisen und Erfolgsbedingungen von Wirtschaft und Gesellschaft auf Nachhaltigkeit ausgerichtet werden.

Ewiggestrige

Für Mobilität bedeutet das, die nachhaltige Transportinfrastruktur zu nutzen, wo vorhanden, und sich dafür einzusetzen, wo sie fehlt. Mit dem Wissen von 2017 in In­frastruktur zu investieren, die kohlenstoffintensive Transportoptionen weiter fördert, ist für Investoren riskant, wirtschaftlich zu kurzfristig und zu eng gedacht und birgt für Politikerinnen und Politiker die Gefahr, bald als Ewiggestrige dazustehen.