Letztes Update am Fr, 11.08.2017 17:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bozen/München

Pestizidtirol: Werbekampagne sorgt in Südtirol für dicke Luft

Ein Werbeplakat im Zentrum Münchens, das seit Donnerstag den exzessiven Pestizid-Einsatz südlich des Brenners anprangert, sorgt in Südtirol für mächtig Ärger. Landeshauptmann Kompatscher hat bereits rechtliche Schritte angekündigt. Beim “Umweltinstitut München e.V.“, der Nicht-Regierungs-Organisation die sich für die Kampagne verantwortlich zeigt, sieht man das Ganze gelassen.

Das Plakat am Münchner Karlsplatz (Stachus).

© Facebook/Wunder von Mals Das Plakat am Münchner Karlsplatz (Stachus).



Innsbruck, Bozen - Südlich des Brenners hat ein Plakat, das seit Donnerstag an der S-Bahn-Station am Münchner Karlsplatz hängt, viel Staub aufgewirbelt - und bei Vertretern aus Politik, Tourismus-Werbung und Landwirtschaft für hochrote Köpfe gesorgt. "Südtirol sucht saubere Luft. Südtirol sucht sich", ist auf der mit "Petizidtirol" untertitelten Werbefläche zu lesen.

Hinter der Aktion steckt das "Umweltinstitut München e.V.", eine Nicht-Regierungs-Organisation mit rund 7000 Fördermitgliedern. Der Verein will damit auf den, seiner Ansicht nach, enormen und ungesunden Pestizid-Einsatz in den Obst- und Weinbaugebieten in Südtirol aufmerksam machen. Und zugleich die Doppelmoral anprangern, die hinter den Werbekampagnen für Tirols Nachbarland stecke. Neben den Plakaten solle künftig auch Facebook-Werbung geschaltet werden, kündigte das Münchner Umweltinstitut an.

Als Vorbild für das Plakat diente nämlich mit "Südtirol sucht..." die aktuelle Kampagne der Südtiroler Landes-Marketingagentur IDM. Durch den Kakao gezogen wird außerdem das weithin bekannte Südtiroler Markenlogo, mit seiner charakteristischen Schrift und den bunten Berggipfeln.

"Unten im Tal sieht es anders aus"

"Zur Zeit wirbt Südtirol mit großen Plakaten überall in Deutschland für sich als Urlaubsregion. Die Fotos in Plakatgröße zeigen beeindruckende Landschaften, Berge und Almwiesen. Doch unten im Tal sieht es anders aus", ist auf der eigens eingerichteten Website pestizidtirol.info zu lesen. Denn: "Mehr als 42 Kilogramm Pestizid-Wirkstoffe landen pro Jahr auf jedem Hekar landwirtschaftlicher Fläche in Südtirol. Zum Vergleich: Im Durchschnitt sind es in Italien 'nur' 6,6 Kilogramm pro Hektar und Jahr."

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Noch größer werde das Problem, da die ausgetragenen Giftstoffe, zu denen auch die gesundheitsschädlichen Glyphosat, Mancozeb oder Captan gehören würden, durch Wind zum Teil kilometerweit verstreut werden, steht auf der Website. Nicht nur auf benachbarte Felder würden die Pestizide dadurch getragen, sondern auch auf Wiesen, in Wälder und Wohngebiete.

Land schaltet Anwälte ein

In Bozen sieht man das freilich anders und reagiert verschnupft auf den Aushang im Herzen der bayrischen Landeshauptstadt. "Das ist eine bodenlose Frechheit, das ist völlig inakzeptabel, was da getan worden ist", sagt Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher gegenüber der Tageszeitung Dolomiten.

Weil auch das offizielle Südtirol-Logo verwendet wurde, kündigte Kompatscher rechtliche Schritte an. "Dagegen werden wir klagen. Das Eine ist eine Meinungsäußerung, das Andere ist die Verwendung von Logos oder Schriften." Er habe der Anwaltschaft des Landes umgehend den Auftrag erteilt, alle notwendigen Schritte einzuleiten, um die Interessen Südtirols zu schützen.

"Lassen es nicht zu, dass Marke Südtirol beschädigt wird"

Auch IDM-Präsident Hansi Pichler sprach in den Dolomiten von Gegenwehr. "Wir werden es nicht zulassen, dass der Name und die Marke Südtirol so beschädigt werden", sagt Pichler, "zumal Landwirtschaft und Tourismus die Grundpfeiler der Südtiroler Wirtschaft sind."

Ähnlich aufgebracht ist Siegfried Rinner, Direktor des Südtiroler Bauernbundes. Einen Schaden würde diese Aktion nicht nur für die heimische Landwirtschaft, sondern für ganz Südtirol anrichten. Gegenüber den Dolomiten poltert er, dass "falsche Bilder erzeugt und bewusst Falschinformation und Panikmache betrieben wird." Denn das, was vermittelt werde, "spiegelt die Realität nicht wieder", ist sich Rinner sicher.

Ursprung der Aktion im Vinschgau?

Von verschiedenen Südtiroler Medien wird spekuliert, dass Aktivisten aus der Vinschgauer Gemeinde Mals den Stein ins Rollen gebracht haben könnten - auch, weil auf der Website der Fall Mals explizit zitiert wird.

Bereits im Spätsommer 2014 hat es dort eine Volksabstimmung gegeben, bei der 75 Prozent der Bevölkerung gegen einen Einsatz von Pestiziden gestimmt hatten. Seit Sommer 2016 ist die entsprechende Bestimmung in Kraft, Mals de facto Pestizid-frei.

"Extrem kontraproduktiv"

Die Gemeinde Mals habe damit jedenfalls nichts zu tun, versichert Bürgermeister Ulrich Veith im Dolomiten-Interview. Er selbst finde die Aktion "extrem kontraproduktiv. Da wurde eine Aggressivität an den Tag gelegt, die wir nicht gut heißen."

Zwar habe man immer darauf hingewiesen, dass bezüglich der Pestizid-Belastung etwas getan werden müsse, "aber das ist der falsche Weg, das ist kontraproduktiv. Diese Aktion bewirkt nur, dass die Fronten noch mehr verhärtet sind. Solche Aktionen helfen niemandem."

"Wir sind der Meinung, dass wir das dürfen"

Beim "Umweltverein München e.V." sieht man das Ganze, auch die drohenden Klagen aus Bozen, jedenfalls gelassen. Man habe nicht um Erlaubnis gefragt, ob man das Logo verwenden dürfe, sagt Karl Bär, zuständig für Agrarpolitik beim "Umweltverein München", im öffentlich-rechtlichen Radiosender RAI Südtirol. "Wir sind der Meinung, dass das Satire ist. Wir sind der Meinung, dass wir das dürfen."

Dass man die Aktion bei den Südtiroler Behörden aber nicht ungeahndet lassen werde, habe man bereit geahnt, so Bär. "Wir haben uns schon Gedanken darüber gemacht, ob uns nicht die IDM oder die Südtiroler Landesregierung verklagt, weil wir ihr Logo verballhornen. Aber eigentlich wären sie dumm, wenn sie das tun würden. Denn das wäre eine unglaubliche Steilvorlage für weitere Aktionen unsererseits."

Natürliches Leben oder pestizidbelastete Landwirtschaft

"Wir glauben, dass Südtirol sich irgendwann entscheiden muss, ob sie für Tourismus in der Natur und gesundes, natürlich Leben stehen wollen, oder für eine Landwirtschaft, wie unglaublich viele Pestizide benutzt. Und wir bringen die Diskussion jetzt zu den Urlaubsgästen nach München", erklärt Bär die Beweggründe für die Plakat-Aktion.

Es sei jedenfalls klar, konstatiert Bär, dass man nicht mit unglaublich schönen Landschaften Werbung machen könne, dann aber als Tourist in einer Gegend landen würde, in der zweimal die Woche ein Traktor vorbeifahre, der mir Pestizide ausbringt. "Das Fahrradfahren an der Etsch entlang, durch die ganzen Obstplantagen, ist jedenfalls für einige nicht so angenehm. Das haben sie uns auch selber gesagt." (bfk)