Letztes Update am Fr, 03.11.2017 10:27

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tierwelt

Wie wir Menschen die Evolution von Tieren beeinflussen

Weil Menschen heute mehr als je zuvor in Städten leben, verändert sich die Evolution von Tieren. Sie passen sich an die neuen Lebenräume an.

© dpa/Pleul(Symbolbild)



Washington – Das Leben in der Stadt macht etwas mit Wildtieren, das haben Forscher und Kanada und den USA nun aufgezeigt. Ob Tauben oder Füchse, Eidechsen oder Bettwanzen: Ein urbanes Umfeld beeinflusst ihre Evolution. Die Wissenschaftler wollten wissen: Wie genau läuft die Evolution in der Stadt ab?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, haben Marc Johnson (University of Toronto Mississauga, Kanada) und sein Kollege Jason Munshi-South 192 Einzelstudien gesichtet und im Fachjournal „Science“ viele Beispiele veröffentlicht.

Heute leben 55 Prozent aller Menschen in Städten, Tendenz steigend. Die Tiere, die dorthin folgen, leben anders als ihre Artgenossen in freier Natur: Es gibt versiegelte Böden, isolierte Grünflächen, höhere Temperaturen, mehr Luft-, Licht- und Lärmverschmutzung. Daran passen sich viele Arten an.

Die Lebensräume der Tiere sind in der Stadt kleinteiliger. Die Vielfalt einheimischer Arten geht zurück, invasive (gebietsfremde) Arten nehmen hingegen zu. Die schnelle Evolution in der Stadt kann dabei verschiedene Ursachen haben.

So sind es manchmal einfach bestimmte Varianten eines Gens, die sich innerhalb kleinerer, isolierter Gruppen durchsetzen. Es kann aber auch Mutationen im Erbgut eines Tieres geben, die ihm besondere Vorteile verschaffen.

Letzteres ist beispielsweise beim Birkenspanner der Fall: Während der Industrialisierung im frühen 19. Jahrhundert setzte sich bei dem Falter eine Mutation im Erbgut durch, die seine Flügel dunkel färbte. So war er auf Baumrinden, die durch Fabrikrauch verschmutzt waren, besser getarnt. Den Forschern zufolge gibt es auch Hinweise darauf, dass etwa die Verschmutzung in Städten die Mutationsrate erhöht.

Die Kammanolis-Eidechsen in den Städten Puerto Ricos passen sich an das Leben auf künstlichen Oberflächen an, indem sie längere Gliedmaßen und mehr Zehenlamellen entwickeln als ihre Artgenossen auf dem Land. Und in den USA haben Hausgimpel in Städten ihre Schnabelform weiterentwickelt, um die größeren Sonnenblumenkerne, die sie dort von Menschen bekommen, besser knacken zu können.

„Die Anpassungen entwickeln sich typischerweise als Antwort auf Pestizid-Gebrauch, Verschmutzung, lokales Klima oder die physische Struktur der Städte“, so Johnson. Flüsse, breite Straßen und massige Gebäude trennen die Lebensbereiche vieler Tiere in der Stadt ab. So unterscheiden sich bei der Weißfußmaus in New York die einzelnen Populationen von Maus-Gruppen einen Block entfernt deutlich. Abhilfe könnten den Forschern zufolge Parks schaffen, die wie Korridore wirken.

Weitere Forschungen zur Tier-Evolution in der Stadt könnten künftig auch Menschen helfen, betonen Johnson und Munshi-South: Um beispielsweise mehr über die Entwicklung von Schädlingen wie Bettwanzen und Kakerlaken zu erfahren. Und auch, um die Städte der Zukunft, etwa mit vernetzten Grünflächen, nachhaltiger zu gestalten. (APA/dpa)

Der Birkenspanner gilt als Paradebeispiel für die Anpassung von Tieren an Umweltfaktoren: Aufgrund der fortschreitenden Luftverschmutzung hat sich ein Typ mit dunklerer Färbung entwickelt.
- Hannes Birnbacher