Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 15.06.2018


Innsbruck-Land

Bei Telfs-West fließt der Inn wieder näher an der Natur

Nach zwei Jahren wurde nun ein großes Revitalisierungsprojekt am Inn abgeschlossen – entstanden ist unter anderem ein ganz neuer Seitenarm.

© DomanigStandortbürgermeister Christian Härting, LHStv. Josef Geisler, LHStv. Ingrid Felipe und Gerhard Egger (WWF; v. l.) machten sich gestern ein Bild von der aufwändigen Revitalisierung samt neuem Seitenarm (links).Foto: Domanig



Von Michael Domanig

Telfs – Einst war der Inn ein Wildfluss mit ausgedehnten Auwäldern und großem Artenreichtum – davon sind heute nur noch Reste erhalten. Um am stark genutzten Flusslauf wieder neue Lebensräume für Pflanzen und Tiere zu schaffen, haben Bund, Land Tirol und WWF 2008 das Revitalisierungsprojekt „der.inn“ gestartet. Mit der nunmehr abgeschlossenen Renaturierung am orographisch linken Inn­ufer bei Telfs-West konnte gestern schon die 16. Maßnahme im Rahmen dieses Projekts präsentiert werden.

Seit Jänner 2017 wurde hier zwei Niedrigwasserperioden lang fleißig gebaggert: Zum einen wurden im knapp 30.000 m² großen Abschnitt südlich der Autobahn jene Flussbauwerke rückgebaut, die seinerzeit im Zuge des Autobahnbaus zum Schutz des Ufers errichtet worden waren (sog. „Buhnen“). Zugleich entstand – neben ausgedehnten Schotterflächen – ein komplett neuer, rund 600 Meter langer und im Schnitt 15 Meter breiter Seitenarm. Dieser wird temporär, also erst ab einem gewissen Wasserstand, durchströmt, wie Peter Schuler vom Baubezirksamt Innsbruck beim Lokalaugenschein erklärte. Eine 65 Meter lange Einlaufbarriere, bestehend aus rund 900 Holzpfählen, soll dafür sorgen, dass das Geschiebe möglichst im Inn bleibt.

Die politischen Vertreter betonten den Mehrfachnutzen des Projekts: „In guter Kooperation“ habe man in den vergangenen Jahren viel erreicht, um die „Hauptschlagader“ Inn wieder „in einen naturnäheren Zustand zurückzuführen“, betonte LHStv. Ingrid Felipe.

Der damit Hand in Hand gehende Aspekt des Hochwasserschutzes spiele im Fall von Telfs-West zwar eine untergeordnete Rolle, meinte LHStv. Josef Geisler. Dennoch sei eine Flussaufweitung gelungen – die zumindest lokal eine Reduktion der Fließgeschwindigkeiten sowie einen niedrigeren Wasserspiegel bewirke und somit einen Beitrag zum Hochwasserschutz bei kleineren Ereignissen leiste. Zugleich sei die Aufweitung für die Flussökologie bedeutsam.

Das bestätigte Walter Michaeler von der Abteilung Umweltschutz beim Land: Ziel sei es, dass der Auwaldstreifen mit seinen Grauerlen wieder von der Flussdynamik bzw. vom Grundwasser erfasst wird. Die neuen Lebensräume im Uferbereich sollen Amphibien und Vögeln, speziell gefährdeten Tierarten wie der Gelbbauchunke oder dem Flussuferläufer, aber z. B. auch Laufkäfern zugutekommen. Gerhard Egge­r vom Projektpartner WWF sprach denn auch von einem „Vorzeigeprojekt“ an einem intensiv genutzten Fluss.

Standortbürgermeister Christian Härting freut sich zugleich über ein neues Naherholungsgebiet für die Telfer Bevölkerung, das – trotz Autobahnnähe – hohe Aufenthaltsqualität biete. Zumal durch die nahe gelegene Unterführung eine direkte Verbindung zum beliebten Erholungsraum Sauweide und Moritzen besteht.

Die Baukosten von ca. 610.000 Euro für die Revitalisierung übernahm das Land, 30.000 Euro kamen aus Spendengeldern des ORF-Schwerpunkts „Mutter Erde“. Da man viel Material, etwa Wasserbausteine, vor Ort gewinnen konnte, sei man sogar unter den Kostenschätzungen geblieben, freute sich Schuler.