Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 14.07.2018


Natur

Zurück zum natürlichen Fluss

Die Naturschutzorganisation WWF fordert umfangreiche Renaturierungsmaßnahmen für die heimischen Fließgewässer und legt dafür einen Flussentwicklungsplan vor.

© iStockphotoDer Flussentwicklungsplan des WWF sieht die Renaturierung und einen ökologischen Hochwasserschutz bei Fließgewässern vor.



Innsbruck – Die gute Nachricht vorweg: Österreichs Gewässer sind sauberer als im europäischen Durchschnitt. Das geht aus einem unlängst veröffentlichten Bericht der Europäischen Umweltagentur (EEA) über den Zustand der europäischen Gewässer hervor. Allerdings sind 60 Prozent der Fließgewässer in Österreich in keinem guten ökologischen Zustand. Einer der Hauptgründe dafür sind laut Naturschutzorganisation WWF die starke Verbauung durch Wasserkraftwerke und weitere Regulierungen. Der WWF warnt davor, die europäische Wasserrahmen-Richtlinie im Zuge des Fitness-Checks der EU-Kommission aufzuweichen. Diese schreibt vor, dass alle Gewässer bis spätestens 2027 einen guten ökologischen Zustand erreichen müssen.

Steigender Nutzungsdruck und weitere Verbauungen hätten nicht nur negative Folgen für die Natur, sondern lassen auch das Risiko von Hochwasserereignissen steigen. „Seit 1950 wurden in Österreich im Schnitt täglich zwei Hektar Flussraum unwiederbringlich versiegelt“, sagt WWF-Fluss­experte Gebhard Tschavoll. „Ohne eine deutliche Trendwende verliert Österreich bis 2050 weitere 14.000 Hektar an Überschwemmungsräumen in Ufernähe“. Der WWF hat daher einen Flussentwicklungsplan erstellt und darin 40 Flussstrecken ausgewiesen, die sich für Sanierungs- und Renaturierungsmaßnahmen eignen und Win-win-Effekte für Mensch und Natur bringen sollen.

In Tirol wurden laut der Umweltschutzorganisation seit 1870 fast ein Viertel – genau 23 Prozent – des gesamten Flussraums verbaut. Flusshabitate sind um 31 Prozent zurückgegangen, Moore, Brachen und Feuchtwiesen gar um 77 Prozent. Laut Flussentwicklungsplan liegt das Potenzial an unverbauten und flussnahen Flächen in Tirol bei insgesamt 79 Quadratkilometern. Als prioritäre Strecken, bei denen es großen Handlungsbedarf sowohl für Hochwasserschutzmaßnahmen als auch für Renaturierungen gibt, werden im Plan unter anderem der Inn bei Landeck und Schwaz und der Ziller bei Fügen ausgewiesen.

Der ökologische Zustand des Inns bei Landeck wird derzeit aufgrund von Beeinträchtigungen im Abfluss durch Uferregulierungen und Wasserableitungen als mäßig bis schlecht bezeichnet. Das Naturschutzgebiet Milser Au biete Potenzial für eine Auslaufstrecke. Am Ziller bei Fügen würden sich durch Renaturierungsmaßnahmen Naturerlebnis- und Naherholungspotenziale bieten. Derzeit sei die Belastung durch kraftwerksbedingten Sunk und Schwall sehr hoch. Zudem fehlen Auen und die Ufer werden als naturfern eingestuft. Und an der Drau ab Lienz würden die Gemeinden Lienz, Nußdorf-Debant, Tristach, Dölsach und Lavant von einem ökologischen Hochwasserschutz profitieren.

Als gelungenes Renaturierungsprojekt bezeichnet der WWF das Projekt „Der.Inn – Lebendig und sicher“. Im Rahmen dieser Initiative konnte unlängst eine umfangreiche Maßnahme am Inn bei Telfs-West abgeschlossen werden. Die Baukosten von ca. 610.000 Euro übernahm das Land Tirol, 30.000 Euro wurden gespendet.

Grundsätzlich fordert der WWF eine deutliche Erhöhung der Mittel für ökologischen Hochwasserschutz und Renaturierungsmaßnahmen. Derzeit kommen diesem Bereich nur zwei Prozent aller finanziellen Mittel im Schutzwasserbau zu. „Das ist viel zu wenig, um Gewässer zu entlasten und ökologischen Hochwasserschutz zu gewährleisten. Problematisch sehen wir auch die Säumigkeit der Bundesregierung bei der Umweltförderung. Hier könnte speziell auch Tirol von der Verlängerung dieses Budgettopfes profitieren“, heißt es seitens des WWF. Alle Strecken und weitere Details zum Flussentwicklungsplan gibt es im Netz unter www.flussentwicklungsplan.at. (np)