Letztes Update am Mi, 05.09.2018 17:17

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tiere

Wolfsrudel in Nordösterreich: Oberösterreich erlaubt „Vergrämung“

Wolfsmanagement, Beratung für die Weidetierhalter, ein individueller Herdenschutz und finanzielle Unterstützung seien laut WWF unbedingt notwendig. Oberösterreich erlaubt indes Maßnahmen, die Wölfe zu vertreiben und im Ernstfall zu erschießen.

© iStockphoto(Symbolfoto)



Großpertholz/Wien – Nach dem bestätigten Auftauchen eines neuen Wolfsrudels im Norden Österreichs hat der WWF-Experte Christian Pichler am Mittwoch eine umfassende Informationsoffensive gefordert. Ein seriöses Wolfsmanagement, Beratung für die Weidetierhalter, ein individueller Herdenschutz und finanzielle Unterstützung seien notwendig, verlangte er.

- APA

Ausnahmebewilligung in Oberösterreich

Nach mehreren Wolfsichtungen und -rissen in der Mühlviertler Gemeinde Liebenau (Bezirk Freistadt) erlaubt Oberösterreich indes Vergrämungsmaßnahmen. Nähert sich ein Wolf auf 200 Meter einem bewohnten Gebäude, dürfen Grundstückseigentümer und Jäger Gummigeschoße, Schreckschussmunition, Signalpatronen, Licht oder Lärm einsetzen, um ihn zu vertreiben, teilte Agrarlandesrat Max Hiegelsberger (ÖVP) mit.

Es sei die erste Ausnahmebewilligung, die erteilt worden sei, so Hiegelsberger. Sie gilt bis 31. Dezember 2019 und jede Maßnahme müsse exakt protokolliert werden. Das Vorgehen ist Teil eines bei einem Runden Tisch im Mai vereinbarten Zwei-Stufen-Plans. Die erste Stufe sieht Vergrämungsmaßnahmen vor, die zweite auch den Abschuss von Tieren, die sich selbst durch Gummigeschoße und Ähnliches nicht von Häusern fernhalten lassen.

Neues ansässiges Rudel in Niederösterreich

Die Tageszeitung Kurier (Dienstag-Ausgabe) veröffentlichte eine Aufnahme aus einer Fotofalle am 26. August kurz vor 7 Uhr in Karlstift im Bezirk Gmünd in Niederösterreich. Mindestens vier Welpen sind darauf zu sehen. Zusammen mit DNA-Analysen aus etlichen Schaf-Rissen und Losungsfunden ergibt sich für Wolfsanwalt Georg Rauer, dass sich dort ein neues ansässiges Rudel gebildet hat. Es handle sich nicht um Abkömmlinge des Rudels aus der Region Truppenübungsplatz Allentsteig. Die Elterntiere könnten aus Deutschland oder Polen zugewandert sein. Die Wölfe werden in einem etwa 200 Quadratkilometer großen Gebiet im nieder-/oberösterreichisch/tschechischen Grenzraum umherstreifen.

Der WWF reagierte am Mittwoch auf die Meldung über das neue Rudel. Denn darin waren auch Personen zitiert worden, die die Tiere bereits gesichtet haben. Diese hätten demnach keine Angst oder Scheu vor Menschen gehabt. Es gebe weiters Anfragen von besorgten Elternvereinen, die sich Sorgen um kommende Schulausflüge machen. „Jetzt geht es darum, möglichst rasch die richtigen Maßnahmen zu setzen“, stellte Christian Pichler fest.

Vor allem Weidetierhalter müssten beraten und finanziell unterstützt werden. Besonders wichtig sei ein praxisgerechter, an die Region angepassten Herdenschutz. Jeder Hof sei anders, weshalb der Schutz an die jeweilige Situation angepasst werden sollte, damit er gut funktioniert. Ohne diesen seien Vergrämungen wenig erfolgversprechend. „Wölfe dürfen gar nicht erst realisieren, dass Weidetiere eine leichte Beute darstellen.“

Schafe nur Gelegenheitsbeute

Im wildreichen Österreich würden sie sich ohnehin großteils von Wildtieren ernähren. Schafe seien nur eine Gelegenheitsbeute, wenn sie nicht oder nur ungenügend geschützt seien. Der Verhaltensbiloge Kurt Kotrschal ergänzte: „Wölfe lernen rasch zwischen ‚erlaubter‘ (Wild) und ‚unerlaubter‘ (Haus- bzw. Nutztiere) Nahrung zu unterscheiden, wenn sie zum Beispiel ein strom-führender Zaun behindert.“

Wie viele Wölfe sich in Österreich aufhalten, ist laut Rauer schwer zu beziffern. Nur im Norden seien nunmehr zwei ansässige Rudel gesichert. Andere gesichtete oder durch Risse bewiesene Tiere dürften durchziehende oder umherstreifende sein. Dazu kämen solche, die noch gar nicht bemerkt worden seien. (APA)